Anschläge von Mumbai Indische Polizei nimmt mutmaßliche Terrorhelfer fest

Erster Fahndungserfolg nach der blutigen Anschlagsserie von Mumbai: Die indische Polizei hat in Kalkutta zwei Männer festgenommen, die den Attentätern Telefonkarten für Handys besorgt haben sollen - allerdings ist einer der beiden offenbar ein verdeckter Ermittler.


Kalkutta - In Indien sind zwei mutmaßliche Komplizen der Attentäter von Mumbai festgenommen worden. Es sind die ersten Festnahmen seit der Terrorserie in der indischen Metropole Ende November. Die beiden Männer sollen nach Angaben der Polizei vom Samstag die Attentäter mit Sim-Karten für Mobiltelefone beliefert haben, die sie über gefälschte Unterlagen besorgt hätten.

Über die Handys hätten die Attentäter während ihres Sturmlaufs in Mumbai Kontakt gehalten, erklärte die Polizei in Kalkutta. Ein Festgenommener stammt aus dem Bundesstaat Westbengalen, der zweite aus dem indischen Teil Kaschmirs. In Kaschmir kämpfen islamistische Rebellen für eine Abspaltung des Gebiets vom hinduistisch geprägten Indien.

Die Männer, deren Namen mit Tusif Rahaman und Muktar Ahmed angegeben wurden, würden derzeit verhört, sagte ein ranghoher Polizeivertreter in Kalkutta. Ein Gericht ordnete für beide zwei Wochen Untersuchungshaft an.

Bei dem zweiten Verdächtigen handelte es sich jedoch möglicherweise um einen Polizisten aus einer Anti-Terror-Einheit, der verdeckt ermittelte, wie ein ranghoher Polizeibeamter in Srinagar erklärte.

Der Polizei in Kalkutta sei mitgeteilt worden, dass Muktar Ahmed "unser Mann ist und es nun darum geht, seine Freilassung zu ermöglichen", sagte der Beamte, der nicht namentlich genannt werden wollte. Die Mitglieder der halboffiziellen Anti-Terror-Einheit werden oft aus den Reihen früherer Aufständischer rekrutiert.

Häftling unter Verdacht

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
Dem US-Nachrichtensender CNN zufolge verhört die Polizei inzwischen auch einen Inder, der bereits im Februar im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh festgenommen wurde. Dem Mann wird vorgeworfen, einen Anschlag auf die Mumbaier Börse mitgeplant zu haben. Indische Medien berichteten, möglicherweise sei er auch an der Planung der jüngsten Angriffe beteiligt gewesen.

Bei den Attacken auf zwei Luxushotels, das Jüdische Zentrum, einen Bahnhof und weitere Ziele in Mumbai kamen nach offiziellen Angaben 171 Menschen ums Leben. Bei den Terroristen waren mehrere Mobiltelefone gefunden worden. Neun der Angreifer waren bei den tagelangen Kämpfen getötet worden, einer überlebte und wurde gefasst. Er wird zur Zeit verhört.

Indien und die USA vermuten die pakistanische Untergrundgruppe Lashkar-i-Toiba hinter den Anschlägen. Nach der Anschlagsserie hatte Indien eine Liste mit den Namen von 20 Verdächtigen an Pakistan geschickt und von dem Erzrivalen deren Festnahme und Auslieferung verlangt.

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Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
Durch die Festnahmen wird Indiens Annahme, dass die Anschläge ausschließlich auf pakistanische Extremisten zurückgehen, erneut infragegestellt. Beobachter schlussfolgern aus den Festnahmen von Kalkutta, dass die indischen Behörden jetzt verstärkt auch nach terroristischen Netzwerken innerhalb der Staatsgrenze fahnden. Die indische Regierung wurde nach der Anschlagsserie mit massiven Vorwürfen konfrontiert, Anzeichen für die wachsende Gefahr von terroristischen Anschlägen nicht rechtzeitig erkannt zu haben.

Polizei findet Sprengstoff in Krankenhaus

Die Vorwürfe belasteten die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Indien und Pakistan massiv. Beide asiatische Staaten verfügen über Atombomben. Wie angespannt die Lage ist, zeigte auch die Reaktion des pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari auf einen Scherzanruf: Ein Mann hatte sich am Telefon als Indiens Außenminister ausgegeben und mit Militäraktionen gedroht - Pakistan brachte daraufhin seine Kampfjets in Alarmstellung.

An den Flughäfen von Neu-Delhi, Chennai und Bangalore herrschte nach Terrorwarnungen am Samstag weiterhin die höchste Alarmstufe. Die Flughäfen glichen Festungen, Polizei und Eliteeinheiten patrouillierten im weiteren Umkreis. Zugleich wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters in einem Krankenhaus in der westindischen Stadt Nagpur Sprengstoff entdeckt. Ärzte hatten am Morgen eine telefonische Bombendrohung erhalten; Spürhunde fanden explosive Substanzen in einer Plastiktüte.

Die Zahl der Opfer des Bombenanschlags in der pakistanischen Stadt Peschawar erhöhte sich unterdessen am Samstag auf 29. Rund hundert Menschen seien verletzt worden, teilten die Behörden mit. Am Freitagabend war auf einer belebten Straße in Peschawar eine Autobombe explodiert. Dabei wurden auch eine Moschee und ein Hotel beschädigt, mehrere Fahrzeuge und Läden gerieten in Brand.

In der Region im Nordwesten Pakistans wachsen seit geraumer Zeit die Spannungen, weil die Regierung den Kampf gegen militante Islamisten im Nordwesten des Landes verstärkt hat, wo Taliban- und Qaida-Angehörige ihre Hochburgen haben. Die Anschläge in Mumbai haben die Spannungen weiter angeheizt.

amz/Reuters/AP/dpa

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