Anschläge von Paris Vorbild Mumbai?

Junge Terroristen greifen an mehreren Stellen gleichzeitig an und töten gezielt Zivilisten: Hatten die Täter von Paris ein Vorbild, nämlich den Angriff auf die indische Stadt Mumbai vor sieben Jahren? Mehrere Dinge sprechen dafür.

Tagelange Gefechte: Ein indischer Soldat 2008 vor dem Taj Mahal Hotel in Mumbai
AP

Tagelange Gefechte: Ein indischer Soldat 2008 vor dem Taj Mahal Hotel in Mumbai

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Die Angreifer von Paris könnten sich die Anschläge auf Mumbai als Vorbild genommen haben. Das mutmaßen internationale Sicherheitsexperten.

Die Ereignisse in der indischen Millionenmetropole seien sowohl von Terroristen als auch von Terrorismusbekämpfern studiert worden - als Beispiel dafür, "wie eine kleine Gruppe von selbstmörderischen Fanatikern eine größere Stadt lahmlegen, weltweite Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einen Kontinent terrorisieren kann", sagte der frühere CIA-Mitarbeiter Bruce Riedel von der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution.

Am 26. November 2008 waren zehn junge Männer mit Booten in Mumbai angelandet, hatten sich über die Stadt verteilt und gleichzeitig an mehreren Orten angegriffen. Unter ihren Zielen waren zwei Luxushotels, ein Bahnhof, Cafés und ein jüdisches Zentrum. Anders als in Paris hielten sie die Stadt drei Tage lang in Atem. Die indischen Sicherheitskräfte waren auf diese Art von Terror nicht vorbereitet. Die Angreifer töteten 166 Menschen und verletzten mehr als 300.

Wie in Mumbai gingen auch in Paris kleine, bewaffnete Gruppen gleichzeitig gegen "weiche Ziele in städtischem Gebiet" vor, sagte Riedel. Ein Unterschied: "Die Angreifer von Paris benutzten Selbstmordwesten, um das Blutvergießen zu vergrößern." Beide Male hätten die Angreifer vermutlich von vornherein geplant, bis zu ihrem Tod zu kämpfen. In Mumbai überlebte einer der Angreifer. Er wurde festgenommen, vor ein Sondergericht gestellt und im November 2012 hingerichtet.

Die Terrororganisation Lashkar-i-Toiba ("Armee der Reinen") hatte das Massaker von Mumbai geplant und ausgeführt, von pakistanischem Boden aus und offenbar mit der Unterstützung von Teilen des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI. Während des Angriffs kommunizierten die Terroristen per Mobiltelefon mit ihren Bossen in Pakistan. Von dort erhielten sie Anweisungen, wo sie anzugreifen hätten.

Drei Jahre lang hatten die Attentäter ihren Angriff vorbereitet, verschiedene Orte in Mumbai beobachtet und ihre Ziele sorgsam ausgewählt. Sie wollten möglichst viele Menschen töten und gleichzeitig die größtmögliche Aufmerksamkeit bekommen. Ob auch der Angriff in Paris so aufwendig geplant wurde, sei noch unklar, sagte Riedel.

Auf jeden Fall unterscheidet sich der Angriff auf Paris von bisherigen Anschlägen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die sich zu dem Blutbad bekannt hat. Bisher hat der IS Bomben platziert oder Selbstmordattentäter an einen einzigen Ort in den Einsatz geschickt, wie vor einigen Tagen in Beirut und im Oktober in Ankara.

Da der Angriff auf Paris hingegen Ähnlichkeiten zum Vorgehen der Terroristen von Mumbai aufweist, waren manche Experten zunächst eher von einer Täterschaft des Terrornetzwerks al-Qaida ausgegangen, das bei dem Angriff auf Mumbai mitgeholfen haben soll.

Ein indischer Geheimdienstmann, der namentlich nicht genannt werden wollte, teilte die Einschätzung, dass in Paris der Terror von Mumbai als Vorbild gedient haben könnte. Die Bluttat sei "äußerst professionell geplant" worden, sagte er. Eine vergleichbare Vorgehensweise wie in Mumbai und jetzt in Paris habe es anderswo nicht geben. Möglicherweise könne man beim IS von einem Strategiewechsel sprechen.

Westliche Geheimdienstmitarbeiter wollen nicht so weit gehen. Sie betonen aber, dass der IS, sollte er tatsächlich dahinterstecken, "noch nie so weit nach Europa vorgedrungen" sei. Es sei offensichtlich, dass die Extremisten danach strebten, mit ihren Taten weltweit Beachtung zu finden. Pläne für Anschläge wie in Mumbai seien seit 2008 immer wieder vereitelt worden, weil sie rechtzeitig aufgeflogen seien.

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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