Terrorgefahr Israel fürchtet Qaida-Angriffe vom Sinai aus

Dschihadisten nutzen das Chaos in Ägypten, um ihre Präsenz auf der Sinai-Halbinsel auszubauen. Experten fürchten nach dem jüngsten Anschlag, dass eine neue Operationsbasis für das Terrornetzwerk al-Qaida entstehen könnte - direkt an der Grenze zu Israel und am strategisch wichtigen Suezkanal.

AFP / IDF / Gal Ashuach

Von , Beirut


Mit dem Sonnenuntergang erfolgte der Angriff. Die ägyptischen Grenzpolizisten in Rafah hatten sich gerade zum täglichen Fastenbrechen im Ramadan niedergelassen, als Bewaffnete ihren Grenzposten stürmten, so das ägyptische Staatsfernsehen. Die Angreifer töteten 16 Grenzwächter, bevor sie mit zwei gepanzerten Fahrzeugen der Ägypter Richtung Israel rasten.

Am dortigen Grenzposten Kerem Schalom war man offenbar auf den Angriff vorbereitet. Man habe entsprechende Hinweise gehabt, sagte ein Sprecher des israelischen Geheimdienstes. Eines der gepanzerten Autos wurde von Israels Luftwaffe auf israelischem Staatsgebiet gesprengt. Das zweite war noch am Grenzübergang in die Luft geflogen. Es sei mit Sprengstoff beladen gewesen, twitterte Ofir Gendelman, Sprecher des israelischen Premierministers.

Warnung aus den USA

Der Angriff zeigt, wie gefährlich der Sinai geworden ist - für Israel und für Ägypten. Schon lange gibt es Dschihadisten und Schmuggler im Norden der Halbinsel. Doch seit Beginn der Aufstände in Ägypten im Januar 2011 wurden ägyptische Sicherheitskräfte vom Sinai Richtung Kairo abgezogen. Im resultierenden Machtvakuum konnten Radikal-Islamisten und Kriminelle ihre Strukturen weiter ausbauen.

Im Juli hatte US-Außenministerin Hillary Clinton erklärt, der Sinai drohe zur Operationsbasis für Dschihadisten zu verkommen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu warnte jüngst vor zunehmender "Gesetzlosigkeit" auf der Halbinsel, die etwa so groß wie Irland ist. Experten warnen, dass sich dort mittelfristig auch internationale Dschihadisten niederlassen könnten, die sich mit dem Terrornetzwerk al-Qaida identifizieren.

Jerusaelm befürchtet, dass Radikal-Islamisten aus dem benachbarten Gaza-Streifen den Sinai verstärkt als Plattform für Angriffe auf Israels Süden nutzen. Auch dieses Mal soll es sich nach ägyptischen Angaben wieder um Angreifer aus dem Gaza-Streifen gehandelt haben. Die dortige Hamas-Regierung verurteilte die Attacke. Möglicherweise wird Jerusalem nun erneut Ziele im Gaza-Streifen bombardieren. Im Frühjahr 2012 reagierte Israel auf Raketenabschüsse aus dem Sinai mit Luftangriffen auf radikal-islamistische Ziele im Gaza-Streifen.

Israel und Ägypten haben auf dem Sinai einen gemeinsamen Feind

Dass der Überfall zwischen Kairo und Jerusalem zu Konflikten führt wie im vergangenen Sommer, ist jedoch unwahrscheinlich. Im August 2011 war es Dschihadisten gelungen, aus dem Sinai nach Israel vorzudringen und acht Menschen zu töten. Beim israelischen Gegenschlag kamen versehentlich fünf ägyptische Grenzschützer ums Leben - die Ägypter waren empört.

Obwohl mit Mohammed Mursi nun ein Vertreter der Muslimbrüderschaft Präsident Ägyptens ist, haben Kairo und Jerusalem auf dem Sinai einen gemeinsamen Feind. Ägypten hält im Prinzip am 1979 vereinbarten Friedensabkommen mit Israel fest, das Radikal-Islamisten ein Dorn im Auge ist. Deswegen gerät auch Kairo ins Visier ihrer Angriffe: Allein im vergangenen Jahr verübten Militante auf die ägyptische Gasleitung über den Sinai 13-mal Sprengstoffanschläge. Die zunehmende Gesetzlosigkeit auf dem Sinai gefährdet auch die ägyptische Tourismusbranche.

Bisher war Kairo statt mit dem Sinai vorrangig mit dem Machtkampf beschäftigt, der seit dem Sturz Husni Mubaraks zwischen Militär und Muslimbrüdern tobt. Im März knickte Kairo vor Dschihadisten sogar ein: Als Radikal-Islamisten acht Tage lang auf dem Sinai einen Militärposten von multinationalen Truppen belagerten, die dort den Frieden zwischen Israel und Ägypten überwachen, gab Ägypten nach und erfüllte die Bedingungen der Belagerer. Kairo versprach, die Freilassung von Radikalen in Erwägung zu ziehen, die für die Bombenanschläge auf dem Sinai zwischen 2004 und 2006 in Haft sitzen.

Inzwischen scheint Präsident Mursi jedoch einen Modus vivendi mit den Militärs gefunden zu haben. Sein kürzlich ernanntes Kabinett besteht hauptsächlich aus Technokraten und einer Handvoll Muslimbrüder - Schlüsselposten wie das Verteidigungsministerium und das Innenministerium bleiben in der Hand des Sicherheitsapparats. Am Montag kündigte Mursi ein hartes Durchgreifen auf dem Sinai und eine Verstärkung der ägyptischen Sicherheitskräfte auf der Halbinsel an. Auch eine Krisensitzung mit dem Militär wurde einberufen. Die Angreifer hätten eine rote Linie überschritten, was nicht hingenommen werde, erklärten die Streitkräfte und drohten offen mit Vergeltung. "Ägyptens Reaktion wird nicht lange auf sich warten lassen."

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak bezeichnete den jüngsten Vorfall als "Weckruf" für Ägyptens Regierung. Die Attacke hätte noch deutlich schlimmer ausgehen können. Nach seinen Angaben seien acht der Angreifer ums Leben gekommen. Nach möglichen weiteren Attentätern werde gesucht. Um die Grenze mit dem Sinai besser sichern zu können, baut Israel derzeit dort eine Grenzmauer.

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Seite 1
lab61 06.08.2012
1. ....
Zitat von sysopAFP / IDF / Gal AshuachDschihadisten nutzen das Chaos in Ägypten, um ihre Präsenz auf dem Sinai auszubauen. Experten befürchten spätestens nach dem jüngsten Anschlag, dass eine neue Operationsbasis für das Terrornetzwerk al-Qaida entstehen könnte - direkt an der Grenze zu Israel und am strategisch wichtigen Suezkanal. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848461,00.html
Die Israelis werden das sicher mit aller Macht zu verhindern wissen. Entweder, sie beliefern den ägyptischen Geheimdienst udn das ägyptische Militär mit entsprechenden Aufklärungs- und Spionageerkenntnissen, damit diese die Terroristen ausheben können. Oder sie werden das irgendwann selbst in die Hand nehmen. Für ihre "gründliche Vorgehensweise" sind sie dabei ja bekannt.
G-Kid 06.08.2012
2. Israel
Zitat von sysopAFP / IDF / Gal AshuachDschihadisten nutzen das Chaos in Ägypten, um ihre Präsenz auf dem Sinai auszubauen. Experten befürchten spätestens nach dem jüngsten Anschlag, dass eine neue Operationsbasis für das Terrornetzwerk al-Qaida entstehen könnte - direkt an der Grenze zu Israel und am strategisch wichtigen Suezkanal. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848461,00.html
und der Westen muß sich doch nicht wundern, wenn sie auf der einen Seite in Libyen und Syrien al Qaida unterstützen und sie woanders bekämpfen. Die den sog. Rebellen zur Verfügung gestellten Waffen werden eines Tages gegen Israel gerichtet, ist doch klar!
Vergil 06.08.2012
3. Unfug
Zitat von G-Kidund der Westen muß sich doch nicht wundern, wenn sie auf der einen Seite in Libyen und Syrien al Qaida unterstützen und sie woanders bekämpfen. Die den sog. Rebellen zur Verfügung gestellten Waffen werden eines Tages gegen Israel gerichtet, ist doch klar!
Das ist schonmal Quark, da Israel keineswegs al Qaida unterstützt, weder in Libyen noch in Syrien. Israel hat vielmehr Interesse an einem Fortbestand des Assad-Regimes und hat das auch immer wieder kundgetan. Eher würde Israel Assad unterstützen als die Rebellen.
dilinger 06.08.2012
4.
Zitat von G-Kidund der Westen muß sich doch nicht wundern, wenn sie auf der einen Seite in Libyen und Syrien al Qaida unterstützen und sie woanders bekämpfen. Die den sog. Rebellen zur Verfügung gestellten Waffen werden eines Tages gegen Israel gerichtet, ist doch klar!
Das ist verquererer Propagandaquatsch. Die Lehre aus diesem Vorfall müssen Islamisten wie Mursi und Co. ziehen, die glauben, dass es so etwas wie guten und akzeptablen Terror gibt, solange Israelis ermordet werden. Früher oder später, werden sie feststellen, dass der Tiger den sie zu reiten glauben, sie auch fressen will. Diese Erfahrung macht gerade Assad, der mit Al Qaida lange freundschaftlich verbunden war, jedenfalls solange sie über Syrien in den Irak einsickerten, um dort Amerikaner zu töten und irakische Zivilisten zu terrorisieren. Nun wollen sie Assads Kopf, Pech für ihn, er hat sich böse verkalkuliert.
schon,aber 06.08.2012
5. Drohen?
Zitat von lab61Die Israelis werden das sicher mit aller Macht zu verhindern wissen. Entweder, sie beliefern den ägyptischen Geheimdienst udn das ägyptische Militär mit entsprechenden Aufklärungs- und Spionageerkenntnissen, damit diese die Terroristen ausheben können. Oder sie werden das irgendwann selbst in die Hand nehmen. Für ihre "gründliche Vorgehensweise" sind sie dabei ja bekannt.
Drohnen sind das Mittel der Wahl. In dieser platten Wüstenei ein ideales Einsatzgebiet.
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