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21. Oktober 2008, 15:55 Uhr

Anschlag auf Bundeswehr

Tödliche Waffensuche in Afghanistan

Aus Kabul berichtet

Es sollte eine Operation für mehr Sicherheit werden, am Ende kostete sie zwei Bundeswehrsoldaten das Leben: Der Attentäter zündete bei Kunduz seine Bombe, als die Deutschen gerade nach Waffen suchten.

Kabul – Wieder müssen nun die Flaggen im nordafghanischen Kunduz nach dem Selbstmordanschlag auf Bundeswehrsoldaten von Montagmittag auf Halbmast gehängt werden. Wieder gibt es eine Trauerfeier für zwei getötete Kameraden des deutschen Kontingents am Hindukusch.

Deutsche Soldaten in Afghanistan: Gegenüber Attentaten oft wehrlos
REUTERS

Deutsche Soldaten in Afghanistan: Gegenüber Attentaten oft wehrlos

Mit den beiden Opfern, ein 22-Jähriger und ein 25-Jähriger, erhöht sich die Zahl der getöteten Deutschen auf 30. Und niemand, weder bei der Truppe noch in Berlin, will und kann ausschließen, dass es nicht schon bald weitere Anschläge geben wird. Der Tod von deutschen Soldaten wird zu einem ständigen Begleiter der Bundeswehrmission am Hindukusch.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) räumte ein, dass die Bundeswehr solchen Attentaten oft wehrlos gegenüberstehe. Es sei aber "jetzt nicht die Stunde", die Frage "Krieg oder nicht Krieg" zu diskutieren.

Ermittlungen stehen erst am Anfang

Der Vorfall zeigt erneut, wie gefährlich die Situation rund um das Lager der Deutschen mittlerweile ist.

Die deutschen Soldaten waren am Morgen zu einer lange geplanten Operation westlich ihres Lagers ausgerückt. 160 Fallschirmjäger und mehrere Dutzend afghanischer Polizisten und Soldaten suchten nach Verstecken von Raketen, mit denen das Lager immer wieder nachts beschossen wird. Die Angriffe, die oft ihr Ziel verfehlen, kommen fast immer aus der Gegend Chahar Darreh, rund sechs Kilometer vom Lager entfernt.

Nachdem sie ein Lager mit zwei Raketen ausgehoben hatten, bekamen die Soldaten einen weiteren Tipp von lokalen Anwohnern. Im Dorf Haji Amanullah, so der konkrete Hinweis, seien ebenfalls Raketen und Minen versteckt.

Dort schlug der Täter zu. Der Attentäter hatte sich auf einem Fahrrad den leicht gepanzerten "Mungo"-Fahrzeugen genähert, dann zündete er seinen Sprengsatz - und riss neben den beiden Soldaten fünf afghanische Kinder mit in den Tod.

Noch will niemand bei der Bundeswehr von einer gezielten Falle sprechen – dafür seien die Ermittlungen noch nicht weit genug.

Die afghanische Polizei nahm nach eigenen Angaben fünf Männer, darunter einen "lokalen Kommandeur" namens Commander Sharif, fest und übergab sie an den afghanischen Geheimdienst NDS. Vom NDS hieß es, die Verdächtigen, zumeist Feldarbeiter, seien bei dem Anschlag in der Nähe des Tatorts gewesen.

Zudem sei ein Mullah aus der Region, Abdul Hadi, nach dem Anschlag geflüchtet – möglicherweise aus Angst vor einer Festnahme. Abdulmajid Azimi, Sprecher des lokalen Geheimdienstes in der Region, gab sich jedoch betont vorsichtig. "Noch haben wir keine stichfesten Beweise gegen die Männer, wir stehen noch am Anfang, erstmal sind sie nur Zeugen", sagte er.

Die Angst fährt ständig mit

Ob die Festnahmen wirklich in Zusammenhang mit dem Anschlag stehen, ist schwer auszumachen. Oft, so die Erfahrung der Bundeswehr, nehmen die lokalen Behörden nach tödlichen Attacken recht ungezielt Personen fest, auch um Handlungsbereitschaft und Aktivität zu zeigen. In der Vergangenheit stellte sich kurz danach oft heraus, dass es kaum Indizien gegen die Inhaftierten gibt.

Die Region westlich von Kunduz galt schon vor dem Anschlag als besonders gefährlich. Bereits Ende August war hier ein Deutscher durch einen Anschlag ums Leben gekommen. Auch die lokalen Behörden, die in der Gegend nur schwach vertreten sind, sprechen von einem "Problembezirk", der nur "schwer" zu säubern sei, so der Sicherheitschef von Kunduz.

Doch so deutlich die Propagandamaschine der Taliban kurz nach dem Anschlag ihre Urheberschaft reklamierte, so unübersichtlich ist die Gruppe der Gegner der Bundeswehr. Gut organisierte Kriminelle und politisch motivierte Fundamentalisten gehen hier eine gefährliche Verbindung ein, was die Bundeswehr mit ihren Checkpoints und Hausdurchsuchungen unbedingt verhindern will.

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn sprach nach dem Anschlag von einer "heterogenen Gruppe" von Militanten, deren Zahl er mit 30 bis 50 Kämpfern angab. Oft bezahlen die Kriminellen Taliban-Kämpfer für Attacken auf die Sicherheitskräfte, die sie bei ihren mannigfaltigen Geschäften stören. Der Bundeswehr ist jedoch bewusst, dass in der Region kleine Gruppen von "Hardcore-Taliban" aktiv sind.

Für die Bundeswehr bedeutet der Anschlag in Kunduz einen neuen Schock. Gleichwohl wird der Truppe nichts anderes übrig bleiben, als weiter nach den Verstecken ihrer Gegner und ihrer Waffen zu suchen. Dabei, das ist allen Offizieren und Soldaten bewusst, wird es immer die Gefahr eines Angriffs geben.

Die Angst, das gilt schon seit Monaten in Kunduz, fährt auf jeder Fahrt aus dem Lager mit.

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