Anschlag auf Ex-Premier Hariri Der Terror kehrt nach Beirut zurück

Rafik al-Hariri prägte seit Jahren die Geschichte des Libanon. Zuletzt stellte er sich immer mehr gegen die prosyrische Haltung von Präsident Lahud. Jetzt fiel der langjährige Premier einem Attentat zum Opfer - und mit ihm mindestens neun weitere Menschen. Die Zeit der relativen Ruhe im Libanon ist vorbei.


Tatort in Beirut: Einer der blutigsten Anschläge seit 15 Jahren
DPA

Tatort in Beirut: Einer der blutigsten Anschläge seit 15 Jahren

Beirut/Dubai - Rund hundert Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt, darunter der frühere Wirtschaftsminister und jetzige Parlamentsabgeordnete Bassel Fleihan. Es war einer der schwersten Bombenanschläge im Libanon seit Ende des Bürgerkriegs vor 15 Jahren.

Das Kabinett wurde nach dem Anschlag zu einer Sondersitzung zusammengerufen. Staatspräsident Emile Lahud, ein langjähriger politischer Rivale Hariris, bezeichnete den Anschlag in einer Erklärung als "einen dunklen Punkt in unserer Geschichte". Der Oberste Verteidigungsrat rief nach einer Krisensitzung eine dreitägige Staatstrauer aus. Dem Gremium, dem der Staatspräsident, das Sicherheitskabinett und führende Vertreter der Streitkräfte angehören, wies die Sicherheitskräfte an, alles zu tun, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Beobachter befürchten, dass nach dem gewaltsamen Tod Hariris der anhaltende Streit um die Rolle Syriens im Land erneut in einen blutigen Konflikt münden könnte.

Eine unbekannte Gruppe von muslimischen Extremisten bekannte sich einem Fernsehsender zufolge inzwischen zu dem Attentat. "Für unsere Mudschahedin-Brüder in Saudi-Arabien... haben wir die Umsetzung der Exekution derer beschlossen, die dieses Regime unterstützen", sagte ein bärtiger Mann auf einem Videoband, das der Sender al-Dschasira ausstrahlte. Der Mann saß vor einer schwarzen Flagge mit der Aufschrift "Gruppe für den Sieg und den Heiligen Krieg in der Levante".

Der Anschlag ereignete sich gegen Mittag in einem Geschäftsviertel an der Uferpromenade Beiruts, an der sich auch mehrere beliebte Hotels befinden. Augenzeugen zufolge handelte es sich um ein gezieltes Attentat auf den 60-jährigen Hariri, dessen Fahrzeugkolonne die Stelle kurz vor der Explosion passierte. Der frühere Regierungschef starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Milliardär aus bescheidenen Verhältnissen

Der Zustand des bei dem Anschlag verletzten Ex-Wirtschaftsministers Fleihan wurde als kritisch bezeichnet. Er liege auf der Intensivstation der Amerikanischen Universitätsklinik in Beirut, sagte der Abgeordnete Atef Madschdalani, ein Gefolgsmann Hariris. Nach einem Bericht von Hariris eigenem Fernsehsender Future TV wird erwogen, ihn zur weiteren Behandlung ins Ausland zu fliegen.

Beirut: Riesige Rauchwolken steigen über dem Anschlagsort in die Luft
AFP

Beirut: Riesige Rauchwolken steigen über dem Anschlagsort in die Luft

Anschläge sind in Beirut nach dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 selten geworden. Allerdings haben die Spannungen zwischen Regierung und Opposition in den vergangenen Monaten zugenommen. Zuletzt waren bei einem Autobombenanschlag im Oktober ein Oppositionspolitiker verletzt und sein Leibwächter getötet worden.

Hariri hat die Geschicke seines Landes nach dem Bürgerkrieg entscheidend mitbestimmt. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Selfmade-Milliardär stand seit 1990 insgesamt zehn Jahre an der Spitze der Regierung, bevor er im Konflikt mit seinem langjährigen Rivalen, dem pro-syrischen Staatschef Emile Lahud, im Oktober 2004 zurücktrat.

Mit einer Baufirma in Saudi-Arabien legte der sunnitische Muslim in den siebziger Jahren den Grundstock zu seinem heute auf vier Milliarden Dollar geschätzten Vermögen. Schon bei der Vermittlung des Friedensabkommens, das 1990 nach 15 Jahren den Bürgerkrieg im Libanon beendete, spielte Hariri eine entscheidende Rolle. Seit 1992 trieb er als Ministerpräsident den Wiederaufbau des Landes voran. Dabei verdiente Hariri an der Rekonstruktion Beiruts über das Unternehmen Solidere kräftig mit. Seine geschäftlichen und politischen Beziehungen verhalfen dem hoch verschuldeten Land aber auch zu internationaler Anerkennung und ausländischen Investitionen.

Assad verurteilt Mord an Hariri

Mit der Wahl von Lahud zum Staatschef endete 1998 Rafiris Amtszeit, doch gelang ihm 2000 mit einem klaren Wahlsieg ein Comeback. Vor vier Monaten legte er sein Amt als Ministerpräsident nieder, nachdem das libanesische Parlament mit Rückendeckung der Schutzmacht Syrien die Amtszeit von Lahud verlängert hatte. Hariris pro-syrische Kritiker warfen ihm vor, eine im September 2004 verabschiedete Uno-Resolution betrieben zu haben, die den Abzug der 15.000 syrischen Soldaten und die Neuwahl des Präsidenten fordert.

Ex-Premier Hariri: Opfer des Anschlags
AFP

Ex-Premier Hariri: Opfer des Anschlags

In den letzten Monaten hielt sich Hariri zurück, einige Quellen beschrieben ihn als "stillen Oppositionellen" der pro-syrischen Regierung. Zum Imperium des Geschäftsmanns gehörten Computerfirmen, Banken, Versicherungen, Immobilien und Medien wie der Fernsehsender Future TV. Hariri hinterlässt eine Frau und sechs Kinder.

Der syrische Präsident Baschar Assad verurteilte den Anschlag als "furchtbares Verbrechen". Er rief laut einer Meldung der amtlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA das libanesische Volk auf, sich "in dieser kritischen Situation" nicht spalten zu lassen.

Der im französischen Exil lebende frühere libanesische Armeechef General Michel Aoun machte Syrien und die neue pro-syrische Regierung für den Anschlag verantwortlich. "Ich denke, sie stecken gemeinsam hinter dem Verbrechen", sagte Aoun im Fernsehsender al-Arabija. Die französische Regierung forderte eine internationale Untersuchung des Anschlags.



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