Anschlag auf Marriott-Hotel Die tödlichen Sekunden von Islamabad

Es sind schreckliche, verstörende Bilder. Eine Überwachungskamera hat den verheerenden Bombenanschlag auf das Marriott-Hotel in Islamabad festgehalten. Dutzende Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Pakistans Regierung macht die Taliban für das Blutbad verantwortlich.


Islamabad - Ein Lastwagen rollt aus der Dunkelheit auf ein mit Absperrungen geschütztes Wachhaus zu - Sekunden später flammt ein Feuerball aus der Führerkabine des Gefährts. Als Wachleute herbeieilen, um den Brand zu löschen, geht die gesamte Ladung hoch. Die grobkörnigen Bilder, die den grausamen Selbstmordanschlag von Islamabad rekonstruieren, strahlte das pakistanische Fernsehen einen Tag nach dem Attentat aus.

Die Aufnahmen zeigen im Detail, wie Wachmänner versuchen, den Laster zu stoppen. "Es gab eine kurze Auseinandersetzung zwischen den Attentätern und den Sicherheitsleuten", beschreibt Innenminister Rehman Malik das Video auf einer Pressekonferenz. Dann zündet die erste kleine Bombe, das Führerhaus fängt Feuer. Momente später brennt der Laderaum, Hunderte Kilogramm Sprengstoff explodieren. Offenbar wollten die Extremisten den Wagen direkt in die Lobby des Hotels steuern, so Malik.

"Das ist Pakistans 11. September"

Der bislang schwerste Anschlag in der Hauptstadt befeuert die pakistanische Regierung in dem Ziel, hart gegen Extremisten vorzugehen. Mitglieder der radikalislamischen Taliban seien für das Blutbad mit Dutzenden Toten und Hunderten Verletzten verantwortlich, sagte Innenminister Malik.

Doch auch Kritik an den pakistanischen Sicherheitskräften wird laut. Die Polizisten in der Umgebung des Hotels hätten den mit Sprengstoff bepackten Müllwagen nie passieren lassen dürfen, sagte der Marriott-Direktor Sadruddin Hashwani.

Bislang hat sich noch niemand zu dem Anschlag auf das Fünf-Sterne-Hotel bekannt. Alle Spuren führten aber in die pakistanisch-afghanische Grenzregion, sagte Malik. Dort hatte die Armee im August eine großangelegte Offensive gegen islamistische Kämpfer gestartet. In der Stammesregion Bajaur, die als Hochburg der von pakistanischen Taliban unterstützten al-Qaida gilt, wurden seither 800 mutmaßliche Rebellen getötet.

Nach dem Scheitern der Gespräche mit Aufständischen im Frühsommer ging das Militär in die Offensive. Seitdem schlagen die Extremisten landesweit immer heftiger zu.

Den blutigen Anschlag deutet der renommierte Politologe Hasan Askari deshalb als einen Akt der Vergeltung. "Dieses Attentat ist eine Nachricht von al-Qaida und den Taliban." Der Anti-Terror-Einsatz habe die Rebellen wütend gemacht, "sie wollen mit allen Mitteln antworten", sagte Askari. Der Chefredakteur der pakistanischen Zeitung "Daily Times" zeigte sich angesichts der grausamen Szenerie erschüttert: "Das ist Pakistans 11. September", schrieb er.

Pakistans Präsident Asif Ali Zardari hat bereits entschlossenes Vorgehen gegen den Terrorismus angekündigt: "Terrorismus ist ein Krebsgeschwür in Pakistan und wir sind entschlossen, so Gott will, das Land von diesem Krebs zu befreien", sagte er.

Mindestens sieben deutsche Verletzte

Das Ausmaß der Zerstörung im Marriott ist gewaltig. Noch immer durchkämmen pakistanische Rettungskräfte das Gelände auf der Suche nach Überlebenden. Bisher haben sie 53 Leichen aus den Trümmern gezogen, doch die Zahl der Todesopfer kann noch weiter steigen. Die Zahl der Verletzten gibt die Behörde derzeit mit 266 an.

Bei den meisten der bisher gefundenen Todesopfern handelt es sich nach Polizei- und Krankenhausangaben um Wachleute und Hotelpersonal, Passanten und einige Ausländer. Unter den etwa 200 Verletzten sind nach ersten Erkenntnissen mindestens sieben Deutsche. Einer davon erlitt nach Angaben des Auswärtigen Amts schwere Verletzungen, schwebt jedoch nicht in Lebensgefahr. Meldungen über ein deutsches Todesopfer haben sich nicht bestätigt.

Durch die Wucht der Detonation stürzten die Fassade des Hotels und die Decke im Speisesaal ein. Zerstörte Gasleitungen lösten ein Flammeninferno aus, das Feuer loderte die ganze Nacht. Die Bombe riss einen Krater von fast 30 Metern Durchmesser in die Straße vor dem Fünf-Sterne-Hotel, das in einer Hochsicherheitszone nur rund 500 Meter entfernt von der Residenz des Präsidenten und des Regierungschefs liegt.

Merkel: "Menschenverachtender Anschlag"

Die Atommacht Pakistan gilt als enger Partner des Westens im Kampf gegen den Terrorismus. Die Tat rief weltweit Entsetzen hervor. Angela Merkel sprach von einem "brutalen, menschenverachtenden Anschlag". Ihr Mitgefühl gelte den Angehörigen und Verletzten, erklärte sie in Berlin. Deutschland werde gemeinsam mit seinen Partnern Pakistan bei seinen Bemühungen um Stabilität weiter unterstützen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte den Anschlag einen "abscheulichen" und "erschreckenden" Terrorangriff. US-Präsident George W. Bush sicherte der pakistanischen Regierung Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zu. Etliche Länder verurteilten den Anschlag, darunter auch Afghanistan und das mit Pakistan verfeindete Indien. Auch die EU-Kommission äußerte sich entsetzt über das "schreckliche" Attentat und sagte zu, man wolle Pakistan beim Kampf gegen den Terror "mehr denn je zur Seite zu stehen".

Zurzeit sind 100.000 pakistanische Sicherheitskräfte in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan im Einsatz, um im Rahmen des internationalen Anti-Terror-Kampfes Taliban-Gruppen zu bekämpfen und deren Einsickern ins Nachbarland zu verhindern.

amz/Reuters/dpa/AP

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