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Anschlag auf Moskauer Flughafen Medwedew lässt die Terrorplaner jagen

Schon wieder ein Anschlag, mindestens 35 Tote, Dutzende Verletzte: Das Selbstmordattentat auf Moskaus größtem Flughafen schockiert Russland. Präsident Medwedew heizt per Twitter-Botschaft die Jagd auf die Hintermänner an - zeigt sich aber auch selbstkritisch.

Dmitrij Medwedew

Moskau - Sein Terminplan ist Makulatur, hat seine Eröffnungsrede auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos abgesagt. Nach dem Selbstmordanschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo ist Russlands Präsident jetzt als Krisenmanager im eigenen Land gefragt.

"Nach den uns vorliegenden vorläufigen Informationen war es ein Terrorangriff", sagte Medwedew am Montagabend im Staatsfernsehen. Er ordnete landesweit für alle Sicherheitskräfte Alarmbereitschaft an. Auf Flughäfen und Bahnhöfen gilt ab sofort eine erhöhte Sicherheitsstufe.

Einerseits zeigte sich der Kreml-Chef als unerbittlicher Terrorjäger: Er schaltete den Inlandsgeheimdienst FSB ein und verkündete über den Online-Nachrichtendienst Twitter, dass die Drahtzieher des Terrorakts nun Tag und Nacht gejagt werden. "Die Organisatoren werden zur Strecke gebracht und bestraft", sagte er. Die Ermittler fahnden laut der Nachrichtenagentur Interfax nach drei Verdächtigen.

Andererseits zeigte sich Medwedew selbstkritisch: Offenbar hätten zu laxe Sicherheitsvorkehrungen zu dem Anschlag geführt, gestand er ein. Diese Einschätzung erhält besondere Brisanz durch eine Meldung der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Demnach hatten die Sicherheitsdienste bereits vergangene Woche Hinweise auf einen möglichen Anschlag in einem der Hauptstadtflughäfen erhalten.

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Anschlag auf Moskauer Flughafen: Chaos, Schrecken, erste Hilfe

Foto: Yuri Kochetkov/ dpa

Und nun kam es am Montag tatsächlich zum Inferno: Bei dem Selbstmordanschlag in der Ankunftshalle des Flughafens wurden russischen Behörden zufolge mindestens 35 Menschen getötet. Unklarheit herrschte zunächst über die Zahl der Verletzten. Das Gesundheitsministerium sprach von 46 Personen, russische Medien und eine Airportsprecherin berichteten dagegen von mehr als 170 Verletzten.

Unter den Opfern sind dem Gesundheitsministerium zufolge auch mindestens vier EU-Bürger: Ein britischer Staatsbürger sei tot geborgen worden, teilten die russischen Behörden mit. Ein Italiener, ein Franzose und eine Slowakin wurden demnach verletzt. Nach Angaben des Auswärtigen Amts in Berlin gibt es keine Hinweise auf deutsche Opfer.

Medienberichten zufolge war die Bombe des Attentäters mit Schrauben und Metallkugeln gefüllt, um ihre Wirkung zu verstärken. Augenzeugen berichteten von schockierenden Szenen im Flughafengebäude. Polizisten fanden am Montagabend den Kopf des mutmaßlichen Attentäters. Es handele sich um einen Mann im Alter zwischen 30 und 35 Jahren mit südländischem Aussehen, sagte ein Ermittler der Nachrichtenagentur Interfax. Über die mögliche Identität war zunächst nichts bekannt. Der Selbstmordattentäter stamme vermutlich aus dem Konfliktgebiet Nordkaukasus, hatte Interfax zuvor unter Berufung auf Sicherheitskreise gemeldet.

Im Nordkaukasus liefern sich Aufständische, kriminelle Banden und Kreml-treue Einheiten fast täglich Gefechte. Islamisten haben immer wieder gedroht, den Terror auch in die russische Hauptstadt zu tragen. So hatte sich der tschetschenische Rebellenführer Doku Umarow zu den Anschlägen auf die Moskauer U-Bahn im März vergangenen Jahres mit 39 Toten bekannt (für einen Überblick über Terroranschläge in Russland klicken Sie hier).

"Dieser barbarische Akt ist durch nichts zu rechtfertigen"

Die Wucht der Explosion am Montag auf dem Flughafen Domodedowo entsprach einer Detonation von fünf bis zehn Kilogramm TNT. Das meldeten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf die Polizei. Flüge wurden zu den anderen Moskauer Flughäfen Wnukowo und Scheremetjewo umgeleitet, auch die Lufthansa musste drei ihrer Flüge umleiten. Es seien zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, unter anderem kämen Störsender für Mobiltelefone zum Einsatz, berichtete Interfax. Regierungschef Wladimir Putin versprach schnelle Hilfe für die Angehörigen der Opfer und kündigte Geldzahlungen als Unterstützung an.

Auch Stunden nach dem Anschlag flossen Informationen über das Geschehen am modernsten Moskauer Flughafen nur spärlich: Selbst das russische Fernsehen zeigte zunächst keine eigenen Bilder, sondern brachte Videos, die Augenzeugen auf YouTube und andere Internet-Plattformen hochluden.

Die Bundesregierung reagierte schockiert auf den Selbstmordanschlag. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die Attacke mit "Abscheu". In einem Schreiben an Medwedew sprach sie von einem "feigen Anschlag". "Ich möchte Ihnen hierzu mein tief empfundenes Mitgefühl ausdrücken", heißt es darin. "Bitte übermitteln Sie meine Anteilnahme auch den unmittelbar betroffenen Personen und den Angehörigen der Opfer. Den Verletzten wünsche ich schnelle Genesung."

Außenminister Guido Westerwelle erklärte in Berlin, er habe mit Bestürzung von dem Anschlag erfahren. "Ich verurteile diese grausame Bluttat auf das Schärfste. Dieser barbarische Akt ist durch nichts zu rechtfertigen", sagte der FDP-Politiker.

Russische Börse gibt nach, Rubel mit Verlusten

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen zeigte sich "geschockt" von dem Anschlag. "Ich verurteile diese entsetzliche Tat zutiefst", sagte Rasmussen am Montag in Brüssel. Der Terrorismus sei eine "gemeinsame Bedrohung, der wir uns vereint stellen müssen". Daher müssten die Nato und Russland ihre Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus verstärken. "Die Nato drückt ihre Solidarität mit der russischen Bevölkerung und der Regierung aus."

Auch die russischen Finanzmärkte reagierten auf den Anschlag: Die Aktienbörse gab um zwei Prozent nach, und auch der Rubel reagierte mit Verlusten. Bankanalysten fürchten zwar kurzfristige Auswirkungen, sehen langfristig aber überwiegend wenig Konsequenzen für das Marktgeschehen. "Alle Bereiche werden betroffen sein, vom Transportsektor über die gesamte Infrastrukturindustrie bis hin zum Ölsektor", sagte Wladimir Bragin, Analyst der Alfa-Bank. Die zu erwartenden zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen könnten sich zudem abschreckend auf Investoren auswirken.

hen/dpa/Reuters