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12. April 2007, 18:05 Uhr

Anschlag auf Parlament

Terroristen-Triumph im Herz des neuen Irak

Von Yassin Musharbash und

Der Anschlag mitten im irakischen Parlament ist eine Katastrophe – für den Irak und die US-Armee. Auch wenn weniger Menschen starben als bei vielen anderen Anschlägen, hat sich die am besten gesicherte Zone der Welt als verletzbar erwiesen: Genau das wollten die Terroristen demonstrieren.

Hamburg - "Schon wieder eine Bombe", sagt Arndt Fritsche während des Telefonats und erzählt ruhig weiter. Im Hintergrund hört man an- und abfliegende Hubschrauber und die Sirenen von Krankenwagen. Der deutsche Geschäftsmann hat sein Büro nur 400 Meter vom irakischen Parlament entfernt. Doch der Anschlag, der sich zunächst anhörte wie jeder andere auch, hatte diesmal eine besondere Dimension.

Mitten in der Parlamentscafeteria explodierte am Nachmittag eine Bombe, drei Abgeordnete und fünf andere Menschen kamen ums Leben. Das Parlament sei "das sicherste Gebäude in Bagdad, abgesehen von der US-Botschaft", sagt Fritsche – aber das scheint jetzt obsolet.

Noch ist nicht sicher geklärt, ob es sich um ein Selbstmordattentat oder einen zuvor dort deponierten Sprengsatz handelte. Völlig klar ist aber schon jetzt: Einen größeren symbolischen Treffer hätten die Hintermänner des Anschlags kaum landen können. Mit allem, was ihnen an Waffen und Aufklärung zur Verfügung steht, versuchen US-Armee und irakische Sicherheitsbehörden in der Green Zone Normalität zu simulieren und den neuen irakischen Staat quasi unter Gewächshausbedingungen zum Sprießen zu bringen.

Jetzt bröckelt der Mythos weiter: Auch in die "Green Zone" können Dschihadisten eindringen oder Helfer einschleusen. Nur äußerst selten gelingt ihnen das - seit Jahren diskutieren sie solche Szenarien in ihren Internet-Diskussionsforen und sehnen sich Bomben in der symbolträchtigen Grünen Zone herbei.

"Green Zone" und Anschlagsorte: Markenstein des Terrors
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"Green Zone" und Anschlagsorte: Markenstein des Terrors

Über den genauen Ablauf und die Hintergründe gibt es noch keine Erkenntnisse. Möglicherweise, vermutet Fritsche, könnte ein Abgeordneter in die Terrorattacke involviert sein: "Die einzigen, die nicht kontrolliert werden, sind die Minister und Abgeordneten selbst. Deshalb gehen hier alle davon aus, dass Parlamentarier hinter dem Bombenanschlag stecken." Das US-Magazin "Time" berichtet, nach Angaben eines Informanten aus dem irakischen Informationsministerium habe es sich um einen Selbstmordattentäter gehandelt. Er sei Leibwächter eines Abgeordneten gewesen. Metalldetektoren am Eingang des Parlamentsgebäudes hätten außerdem heute nicht funktioniert. Darüber sprachen auch andere Zeugen.

In jedem Fall trifft dieser Anschlag nicht nur das bei al-Qaida und anderen Terrortruppen verhasste Parlament – sondern erschüttert auch die Position der USA ein weiteres Mal. Seit drei Monaten läuft in Bagdad eine neue Militärinitiative zur Wiederherstellung der Sicherheit. Spätestes seit heute muss sie als gescheitert gelten:

Dem Angriff auf das Parlament war ein Anschlag vorangegangen, bei dem am Vormittag eine Tigrisbrücke teilweise zum Einsturz gebracht wurde. Eine Demütigung für die US-Armee.

Bislang gibt es kein Bekennerschreiben. Zwar berichtet "Time", die irakische Qaida habe auf einer Internet-Seite die Verantwortung für den Anschlag übernommen. SPIEGEL ONLINE kann diese Meldung allerdings nicht bestätigen. Auf den Internet-Seiten, die die irakische Qaida stabil seit rund einem Jahr nutzt, war keine entsprechende Erklärung zu finden.

Sicher ist: Die Vermutungen gehen klar in Richtung der irakischen Filiale von Osama Bin Ladens Terrornetz. Sie ist in Bagdad eine der aktivsten Gruppen. Erst vorletzte Woche hatte ihr Anführer, der selbst ernannte "Führer der Gläubigen" Abu Omar al-Bagdadi, eine neue "Kampagne der Würde" angekündigt.

"Verbrennt ihr Fleisch und grillt es mit Sprengfallen an Autos. Zerquetscht ihre Glieder mit Bomben und lasst mit Scharfschützen die Hölle in ihren Herzen toben", geiferte der Mann, der sich mittlerweile sogar als Staatschef des von al-Qaida ausgerufenen "Islamischen Staates Irak" huldigen lässt. Das Ziel der Kampagne sei es nicht nur, die "Kreuzfahrer" zu töten, sondern auch "die Abtrünnigen auszurotten" – damit sind die Vertreter des irakischen Staates gemeint.

Das Ziel des heutigen Anschlags war es, den neuen, von den USA protektionierten Staat symbolisch zu demontieren. Es gab schon in der Vergangenheit Versuche, dessen mangelnde Autorität und praktisch nicht existentes Gewaltmonopol zu demonstrieren. Zwei Mal in den vergangenen zwei Jahren hat die irakische al-Qaida Filme veröffentlicht, in denen zu sehen ist, wie ihre Kämpfer unbehelligt in einer Hauptstraße Bagdads flanieren.

Das Blutbad im Abgeordnetenhaus markiert dennoch eine Zäsur – eben wegen seiner herausgehobenen symbolischen Bedeutung. Es setzt eine Reihe von Anschlägen fort, die den fortschreitenden Zerfall des Irak und sein Abgleiten ins Chaos markieren: Das erste Selbstmordattentat im Irak, das 2003 die Uno aus dem Land vertrieb, gehört ebenso dazu wie die Sprengung der den Schiiten heiligen Moschee von Samarra im vergangenen Jahr. "Das war genau der Anschlag, den wir nicht gebrauchen können", sagt ein US-Offizier heute über den Vorfall.

Der Anschlag ist eine Zäsur

"Es geht wirtschaftlich voran, so schrecklich die Attentate sind", sagt zwar Geschäftsmann Fritsche. Gerade während der vergangenen Tage sei es in der Stadt "vergleichsweise ruhig" gewesen. Aber auf den gesamten Irak bezogen fällt das Bild wesentlicher düsterer aus. Selbst hochrangige US-Militärs sehen längst weder Fortschritt noch Ausweg. Sunniten und Schiiten führen längst einen faktischen Bürgerkrieg, Entführungen und Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Polizisten ziehen abends die Uniform von Milizionären an. Das Parlament kommt kaum noch zu einer abstimmungsfähigen Sitzung zusammen, weil so viele Abgeordnete schon im Ausland leben – aus Angst vor dem Terror. Die Kurden im Norden arbeiten derweil fleißig an der Separation.

Der heutige Anschlag wird al-Qaida keine neuen Anhänger mehr zutreiben – die meisten Iraker haben von der Gewalt ohnehin einfach genug, und wer zum Kämpfen bereit ist, kämpft längst. Aber die Attacke wird den weit verbreiteten Unmut der irakischen Bevölkerung verstärken, sie wird ihr geringes Vertrauen in den neuen Staat weiter schwächen. Wie sollen die Politiker und die Sicherheitskräfte sie schützen, wenn sie nicht einmal hinter ihren eigenen hohen Mauern sicher sind?

Genau dieses Gefühl wollten die Terroristen erzeugen - es ist ihnen gelungen. Der heutige Tag ist ihr Triumph und eine Katastrophe für den Irak und die US-Armee.

In zwei Wochen wird eine große internationale Irak-Konferenz stattfinden: Die Außenminister der Anrainerstaaten, der USA, der G7 wollen Wege aus der Tragödie zwischen Euphrat und Tigris finden. Ursprünglich hatte die irakische Regierung vorgeschlagen, das Treffen in Bagdad abzuhalten – um zu dokumentieren, dass es vorangehe. Sie ist aufs Tragischste widerlegt worden.

"König der Grünen Zone" - so lautet einer der zahllosen Schmähnamen, mit denen die Dschihadisten den irakischen Premierminister seit seiner Wahl im vergangenen Jahr belegen. Seit heute ist Nuri al-Maliki nicht einmal mehr das.

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