SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Januar 2010, 15:48 Uhr

Anschlag auf Physiker in Teheran

Irans Bevölkerung misstraut der offiziellen Sabotage-These

Von , Beirut

Ein Physiker wurde ermordet - und nun streiten Regime und Reformbewegung in Iran darum, zu welchem Lager er zählte. Die öffentlichen Zweifel an der offiziellen Version beweisen vor allem eines: Der Staat hat nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 seine Glaubwürdigkeit verloren.

Wer war Massud Ali-Mohammadi? Mit dem gewaltsamen Tod des 50-Jährigen in Teheran am Mittwochmorgen ist in Iran ein heftiger Streit um diese einfache Frage entbrannt. Denn das Regime und die Reformbewegung machen widersprüchliche Angaben. Beide behaupten, der Wissenschaftler sei einer ihrer glühenden Anhänger gewesen.

Bei allen Widersprüchen zeigt der Fall Ali-Mohammadi eines deutlich: dass die umstrittene Wahl im vergangenen Sommer dem Regime um Machmud Ahamdinedschad zwar den Sieg eingebracht, aber viel, sehr viel gekostet hat. Der Staat hat gegenüber seinen Bürgern jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Was immer die staatlichen Medien in den vergangenen Monaten berichteten: Umgehend machten sich Regimekritiker daran, Geschichten nachzurecherchieren, geradezurücken, ihre eigene, andere Wahrheit ins Internet zu stellen. Die Iraner, ohnehin geschult darin, den Doppelsprech ihrer Regierung zu entlarven, greifen inzwischen in Massen auf reformorientierte Web-Seiten und Blogs zurück, um sich ein halbwegs akkurates Bild der Lage zu machen.

Zweifel an der offiziellen Version vom Mord am Atomphysiker

Tatsächlich bröckelt die staatliche Version des Mordes an Ali-Mohammadi bei näherem Hinsehen: Schon seine Web-Seite bei der Teheraner Universität zeigt, dass der Physiker sich mitnichten auf angewandte Atomwissenschaften spezialisiert hatte, wie staatliche Stellen nahegelegt hatten. Stattdessen publizierte er regelmäßig zu Themen der Partikel-Forschung.

Mehrere Blog-Autoren, die angeben, bei ihm studiert zu haben, beschreiben ihn als reformorientiert, erzählen, wie er politische Debatten angestoßen, sie ermutigt hat, auf die Straße zu gehen. Ali-Mohammadis Name ist zudem auf einer im Internet einzusehenden Liste von Professoren zu finden, die sich vor den Wahlen als Anhänger Mussawis outeten.

Gemutmaßt wird weiter, dass Ali-Mohammadis Tod die iranische Professorenschaft einschüchtern soll. Vor zwei Wochen hatten 88 Hochschullehrer einen Aufruf unterschrieben, in dem sie das gewaltsame Vorgehen von Sicherheitskräften gegen ihre Studenten anprangerten.

Trotz dieser Indizien, dass die staatliche Version der Geschichte nicht völlig plausibel ist, kann derzeit aber nicht ausgeschlossen werden, dass Ali-Mohammadi nicht doch Opfer ausländischer Geheimdienste wurde: Er wäre vermutlich nicht das erste. Im Januar 2007 kam der Nuklearexperte Ardeschir Hassanpour unter mysteriösen Umständen an seinem Arbeitsplatz im Atomreaktor in Isfahan ums Leben. Gerüchte, der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad sei für seinen Tod verantwortlich, verstummten nie.

Irans Atomprogramm ist tatsächlich Ziel von Sabotage

Der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman geht davon aus, dass das iranische Atomprogramm in den vergangenen vier Jahren massiv und erfolgreich Ziel von Sabotageakten wurde. Zu verzeichnen seien unter anderem zwei Flugzeugabstürze von Maschinen, die Fracht für das Atomprogramm transportierten, als auch zwei scheinbar unerklärliche Brände in Forschungslaboren, schreibt Bergman in seinem Buch "The Secret War with Iran".

Ähnlich undurchsichtig waren die Fälle zweier Männer, die aus Iran verschwanden und die mutmaßlich zu westlichen Mächten übergelaufen sind: General Ali Reza Asgaris Spur verliert sich im März 2007, die des iranischen Atomwissenschaftlers Schahram Amiri im August vergangenen Jahres.

Auffällig ist, dass die iranischen Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit versucht haben, solche für sie peinlichen Vorfälle möglichst lang zu verschweigen. Im Fall Ali-Mohammadis jedoch ging das Regime nur Stunden nach dem Mord an die Öffentlichkeit und beschuldigte das "Dreieck der Boshaftigkeit - das zionistische Regime, Amerika und ihre angeheuerten Agenten" -, hinter dem Terrorakt zu stehen. Mit dem an sich blamablen Zugeständnis, dass westliche Geheimdienste in Teheran nach Belieben operierten, wolle das Regime seine These stützen, dass ausländische Agenten auch die Proteste nach den Wahlen orchestriert haben, so Gary Sick, Iran-Experte an der US-amerikanischen Columbia-Universität, in seinem Blog.

Erinnerungen an die "Kettenmorde" der 1990er werden wach

Reformer bringen den Mord an Ali-Mohammadi mit dem Tod des Neffen Mussawis in Verbindung: Nachdem Ali Habibi Mussawi - vermutlich wegen seines prominenten Onkels - wiederholt bedroht worden war, wurde er Ende Dezember vor seiner Haustür in Teheran erschossen.

Aus Sicht der Opposition ein politisches Verbrechen, das möglicherweise nur der Auftakt zu einer Mordserie ist, wie sie Iran schon einmal erlebt hat: Den sogenannten "Kettenmorden" fielen in den 90er Jahren Dutzende Intellektuelle und Abweichler zum Opfer. Auch damals wurden anfangs israelische und US-amerikanische Agenten als Schuldige benannt.

Erst 1999 gab die Regierung zu, dass die Täter aus den Reihen der iranischen Sicherheitskräfte stammten. Als Anführer der laut offiziellen Angaben von westlichen Agenten beeinflussten Mörderbande wurde Saieed Emami verhaftet - der dann prompt im Gefängnis verstarb, angeblich weil er sich eigenhändig vergiftet hatte.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung