Anschlag auf Regierungsratschef "Salim ist den Märtyrertod gestorben"

Die Autobombe explodierte unmittelbar neben dem Wagen des Präsidenten des irakischen Regierungsrates. Issedin Salim und acht weitere Menschen kamen ums Leben. Die Besatzungsmächte sollen indes einen rascheren Rückzug aus dem Irak planen, als bisher vorgesehen.




Angriff auf Autokonvoi: Der Präsident des Regierungsrats und acht weitere Menschen sterben
REUTERS

Angriff auf Autokonvoi: Der Präsident des Regierungsrats und acht weitere Menschen sterben

Bagdad - Vize-Außenminister Hamed al-Bajati sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Abdul Sahra Othman Mohammed, besser bekannt als Issedin Salim, habe am Eingang zum Gelände des Hauptquartiers der US-geführten Besatzungstruppen gewartet, als eine Autobombe detoniert sei.

Salim war einer von neun Politikern, die sich im monatlichen Wechsel an der Spitze des von den USA eingesetzten Regierungsrates ablösen. Iraks Außenminister Hoschijar Sebari erklärte, der politische Prozess zur Übergabe der Macht an eine Übergangsregierung werde durch das Attentat nicht aufgehalten.

Nur kurze Zeit nach dem Anschlag wählte der irakische Regierungsrat Ghasi Maschal Adschil al-Jawer zum Nachfolger des ermordeten Salim. Jawer ist ein Ingenieur und sunnitischer Muslim aus der nordirakischen Stadt Mossul. Er soll das Amt bis zur Machtübergabe am 1. Juli innehaben.

"Salim ist den Märtyrertod gestorben", sagte Bajati. Sein Auto sei das letzte eines Konvois des Regierungsrates gewesen. Die anderen Fahrzeuge seien noch vor der Explosion in die so genannte Grüne Zone gelangt, die besonders gesichert ist. Derzeit sei es zu früh, festzustellen, ob es sich um einen gezielten Anschlag auf den aus 25 Mitgliedern bestehenden Regierungsrat gehandelt habe. Salim ist das zweite Ratsmitglied, das einem Attentat zum Opfer fiel. Im September war eines der drei weiblichen Mitglieder, Akila al-Haschemi, getötet worden.

Salim war Führer der Islamischen Dawa-Bewegung in der südirakischen Stadt Basra. Er war Schriftsteller, Philosoph, Politiker und Herausgeber mehrerer Zeitungen und Magazine. Die Position des Vorsitzenden des Regierungsrats rotiert monatlich in dem Gremium.

Bagdad: Mehr als ein Dutzend Autos wurden zerstört
REUTERS

Bagdad: Mehr als ein Dutzend Autos wurden zerstört

Bei der Explosion wurden mehr als ein Dutzend Autos zerstört. Zwei US-Soldaten wurden nach US-Angaben verletzt. Ärzte zogen verkohlte Leichen aus den Wracks von Kleinbussen. "Am Kontrollpunkt war eine große Menschenmenge", sagte ein Wachmann. "Dann gab es diese riesige Explosion. Ich sah überall Leichenteile und Märtyrer."

Sebari sagte, "der Anschlag beweist, dass unsere Feinde noch da sind und alles zur Einschüchterung der Iraker unternehmen werden, um den politischen Prozess zu sabotieren." Die US-Verwaltung plant, zum 1. Juli Macht an eine irakische Übergangsregierung abzugeben.

Auch US-Militärsprecher Mark Kimmitt bestätigte den Anschlag. Das Attentat werde den Demokratisierungsprozess nicht aufhalten; die Machtübergabe an eine irakische Regierung werde wie geplant am 30. Juni erfolgen. "Ereignisse wie heute" zeigten, dass es dazu keine Alternative gebe, sagte er im US-Fernsehsender CNN.

Großbritannien erklärte unterdessen, dass der Aufbau irakischer Regierungsinstitutionen beschleunigt werden solle. Neu sei die Betonung auf die Schaffung vollständig funktionsfähiger Streitkräfte, Polizei, Grenz- und Katastrophenschutz, teilte eine Sprecherin von Premierminister Tony Blair in London mit. Die Iraker sollten vom 1. Juli an über eine ungeteilte Souveränität verfügen. "Es gibt die Notwendigkeit einer Irakisierung, das heißt, die Iraker müssen die Werkzeuge in die Hand bekommen, ihre Probleme zu lösen."

Ein US-Soldat neben einem der bei dem Anschlag zerstörten Autos
REUTERS

Ein US-Soldat neben einem der bei dem Anschlag zerstörten Autos

Außerdem hat sich Großbritannien mit den USA nach einem Bericht der "Times" auf eine Beschleunigung ihrer Rückzugspläne aus dem Irak geeinigt. Die Pläne wurden nach Angaben der Zeitung am Wochenende zwischen London und Washington beraten. Einzelheiten wurden nicht genannt.

Bisher hatte es in London und Washington geheißen, die Truppen würden "so lange wie nötig» im Irak bleiben. Von einer Stationierung bis 2006/2007 war ausgegangen worden. Jetzt läge die Betonung verstärkt auf dem Ziel des Truppenabzugs, berichtet die "Times". Die Regierungen in Washington und London wollten ihren zunehmend unruhigen Wählern zeigen, dass es im Irak einen "Endplan" gebe, hieß es weiter.

Bereits Anfang des Monats hatte ein Selbstmordattentäter fünf Iraker und einen US-Amerikaner am Eingang zur Grünen Zonen mit in den Tod gerissen. Das schwer gesicherte Gelände gehörte früher zum Palast des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein und dient zurzeit der US-geführten Besatzung als Hauptquartier.

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