Giftanschlag auf Ex-Agent Skripal Viel Wirbel, wenig Wissen

Vor einem Monat wurde der Ex-Agent Skripal vergiftet - London wirft Moskau vor, verantwortlich zu sein. Die Belege sind dünn. Beide Länder geraten immer heftiger aneinander. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Wladimir Putin

Wladimir Putin

Foto: MIKHAIL KLIMENTYEV/ SPUTNIK/ KREMLIN/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

1. Welche Beweise hat London bisher gegen Moskau vorlegt?

Bisher keine - auch vier Wochen, nachdem Sergej Skripal und seine Tochter Julija am 4. März bewusstlos auf einer Bank in Salisbury aufgefunden wurden, gibt es keine dezidierten Belege für eine russische Beteiligung an dem Anschlag. Premierministerin Theresa May hat nur eine Indizienkette präsentiert. Bereits zehn Tage nach Auffinden der Skripals erklärte sie im Parlament, dass Russland "höchstwahrscheinlich" hinter dem Nervengiftangriff stecke. Das habe eine Analyse des verwendeten Kampfstoffes ergeben. Dabei handelt es sich nach Tests des Forschungszentrums des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down um Nowitschok. Das Nervengift wurde in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt und produziert.

Das aber muss nicht zwingend heißen, dass Russland auch hinter dem Anschlag steckt. Die britische Regierung verweist aber in diesem Zusammenhang auch auf andere Spuren und Geheimdiensterkenntnisse. Welche das sind, sagt sie nicht, was viel Raum für Interpretationen und Beschuldigungen lässt.

2. Was sagt das Labor?

Der Chef des britischen Labors Gary Aitkenhead erklärte in einem Interview einerseits, dass es sich bei dem angesetzten Gift um Nowitschok handele. Anderseits sagte er aber auch, dass man nicht in der Lage sei, die Herkunft des Stoffes genau zu bestimmen. Es fehlen dazu Vergleichsproben vom Ursprungsort, die nach Angaben von Experten notwendig seien, um die Quelle zu benennen. Nowitschok sei nur sehr schwer herzustellen, sagt Aitkenhead. "Dazu hat nur ein staatlicher Akteur die Fähigkeiten." In London heißt es, dass nur Professionelle, kaum Kriminelle, in der Lage gewesen seien, Nowitschok auf die Türklinke von Skripals Haus aufzutragen.

3. Warum beschuldigt die britische Regierung gerade Russland?

Noch immer ist vielen in Erinnerung, wie der ehemalige Agent und Korruptionsermittler Alexander Litwinenko 2006 in London qualvoll starb, nachdem er mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde. Für den Mord macht die britische Justiz unter anderem den ehemaligen FSB-Mann und heutigen Parlamentsabgeordneten Andrej Lugowoj verantwortlich. Auffällig ist, wie viele Kreml-Kritiker in Großbritannien gestorben sind. Mitte März, kurz nach dem Giftanschlag auf die Skripals, wurde der Geschäftsmann Nikolai Gluschkow tot aufgefunden: Er war ermordet worden, die Polizei stellte "Gewalteinwirkungen im Nackenbereich" fest. Gluschkow war mit Putin-Gegner Boris Beresowski befreundet, der 2013 in der Nähe von London starb. 14 Todesfälle im Zusammenhang mit Russland überprüfen die britischen Behörden nun.

Bank in Salisbury

Bank in Salisbury

Foto: Ben STANSALL/AFP

4. Wie geht London in der Skripal-Affäre vor?

Überhastet wirkt das Handeln der britischen Regierung, die nun einen Monat nach dem Anschlag zunehmend unter Druck steht. Fast wirkte Mays Erklärung im Parlament am 14. März so, als ob sie zeigen wolle, dass Großbritannien - anders als damals im Litwinenko-Fall - zügig reagiere. Mays Rede wirkte zudem so, als ob sie in erster Linie auf das Verhalten von Russlands politischer Elite antworte, das sie mit "Sarkasmus, Verachtung und Trotz" umschrieb. Diese Reaktionen aus Moskau waren für viele europäische Länder - auch Deutschland - der Grund, sich der abgestimmten Ausweisung von russischen Diplomaten anzuschließen (lesen Sie hier mehr).

heresa May

heresa May

Foto: Jack Taylor/ Getty Images

Die Fronten verhärten sich nun weiter, auch weil Vertreter Großbritanniens rhetorisch nachlegen. Der britische Außenminister Boris Johnson behauptete gar, dass Präsident Wladimir Putin "höchstwahrscheinlich" persönlich den ersten Angriff mit einer Massenvernichtungswaffe in Europa nach dem Zweitem Weltkrieg angeordnet habe. Zudem sagte er der "Deutschen Welle" in Bezug auf das Labor in Porton Down, es gebe "keinen Zweifel" an der Herkunft des Nervengiftes. Belege? Legte er nicht vor.

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Sein Haus twitterte noch am 22. März, das Labor in Porton Down habe erklärt, dass das eingesetzte Nowitschok in Russland hergestellt wurde. Der Tweet wurde inzwischen gelöscht, nachdem der Leiter der Einrichtung diesen Zusammenhang am Dienstag nicht bestätigen konnte. Das lässt die britische Regierung alles andere als gut aussehen.

London lehnt gemeinsame Ermittlungen mit Moskau rigoros ab, wies sie am Donnerstag als "pervers" zurück. Auch eine Sondersitzung der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) am Mittwoch in Den Haag konnte nicht zur Entspannung beitragen.

5. Wie verhält sich Moskau?

In Russland weist man eine jegliche Beteiligung an dem Anschlag zurück. Man reagiert zunehmend wütender auf die Beschuldigungen aus Großbritannien, wirft den Briten vor, keinerlei Informationen zu übermitteln. Von einer "Lüge" spricht die Sprecherin des Außenministeriums. Eine "groteske Provokation" nennt der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Naryschkin, den Anschlag auf die Skripals - und legt am Mittwoch noch nach: Der Westen sei "aus Furcht vor Veränderungen" dazu bereit, "um sich herum einen neuen Eisernen Vorhang zu errichten".

Sergej Skripal im Gericht in Moskau 2006

Sergej Skripal im Gericht in Moskau 2006

Foto: Yuri Senatorov/ Kommersant/ REUTERS

Der gelöschte Tweet des britischen Außenministeriums wurde breit in den Medien aufgegriffen, scheint er doch ein Beleg mehr für Großbritanniens Intransparenz. Zudem weisen russische Vertreter darauf hin, dass es der ehemalige britische Premier Tony Blair war, der dazu aufrief, gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein in den Krieg zu ziehen, weil dieser angeblich Massenvernichtungswaffen besitze. Bis heute wurden diese nicht gefunden. Die russische Regierung kritisiert außerdem, dass keine ihrer Fragen von London beantwortet werde.

Moskau allerdings hat bisher wenig dafür getan, den Angriff auf Skripal konstruktiv aufzuklären. Die Regierung wähnt sich unschuldig, legt aber nicht offen, was sie über Nowitschok weiß. Wieso wandte sie sich erst spät an die OPCW? Wieso verbreiten die politische Führung und die Staatsmedien des Landes immer neue Behauptungen darüber, wer für die Nervengiftattacke angeblich verantwortlich ist? Eine Taktik, die Moskau bereits beim Abschuss der Passagiermaschine MH17 und bei der Krim-Annexion zum Einsatz brachte und die Misstrauen schürte.

Im Fall von Skripal gab es folgende Versionen: Mal hieß es, der Ex-Spion solle Selbstmord begangen haben; dann erklärte das Außenministerium, durch die Attacke solle Russland die Fußball-WM im Sommer weggenommen werden; danach wurde verkündet, der Kampfstoff Nowitschok habe in der Sowjetunion niemals existiert - eine Aussage, der drei russische Chemiker, die damals daran mitwirkten, dementierten. Dann wiederum wurde gemeldet, man habe den Stoff doch besessen, aber alles sei zerstört; zuletzt wurde verbreitet, auch andere Staaten verfügten über Nowitschok, darunter Großbritannien und die USA, sie sollen selbst für den Angriff verantwortlich sein. Laut Putin gibt es den Kampfstoff in 20 Ländern.

Julija Skripal

Julija Skripal

Foto: AFP/ FACEBOOK PAGE OF YULIA SKRIPAL

6. Wie geht es weiter?

Russland fordert eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrates zum Skripal-Fall. Anfang kommender Woche will die OPCW Ergebnisse ihrer Untersuchungen vorlegen, der Bericht wird London übergeben. Experten der Organisation hatten selbst Proben in Salisbury genommen. Ob Moskau, selbst Mitglied in der OPCW, den Bericht anerkennen wird, ist unklar.

Vielleicht kann Julija Skripal, die inzwischen - anders als ihr Vater - wieder bei Bewusstsein ist, einige Fragen beantworten.

SPIEGEL TV Magazin über das Nervengift Nowitschok

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