Anschlag auf Uno im Irak Terror schweißt Bush und Annan zusammen

Trauer herrschte auf der Uno-Sicherheitsratssitzung in New York. Die Bombe von Bagdad zwingt die Vereinten Nationen und die USA zum Zusammenrücken. Bush braucht Rückendeckung, die Uno braucht Schutz. Nun wird eine multinationale Eingreiftruppe diskutiert. Bedingung: eine neue Resolution, die dem Staatenbund im Irak Mitbestimmung sichert.



New York - Es war eine seltene, historische Szene. Einmütig wortkarg schlichen die 15 Uno-Botschafter am Mittwochabend an den TV-Kameras vorbei in den Sitzungssaal des Sicherheitsrats. Kein diplomatisches Säbelrasseln, keine Fensterreden, keine verbalen Nadelstiche wie sonst an dieser Stelle. Selbst die Kleiderordnung war uniform, dem Anlass gemäß: schwarzer Anzug.

Trauer eint. Und so bedurfte es einer Tragödie, um im zerstrittenen Weltsicherheitsrat für Frieden zu sorgen. Für eine Schweigeminute jedenfalls, derweil draußen vor der Tür hunderte Uno-Angestellte weinend "Amazing Grace" und "Imagine" sangen. "Reality Check" nennen sie das hier, wenn man rüde auf den Boden der Tatsachen zurückgerissen wird.

"Es ist wie ein Alptraum, aus dem wir aufzuwachen hoffen", sagte Generalsekretär Kofi Annan, vorzeitig aus dem Urlaub in Helsinki zurückgekehrt, in einem Video an seine Mitarbeiter. "Doch das wäre zu schön."

Politischer Ballast für Bush

Denn der Alptraum hat erst begonnen. Nach dem Anschlag von Bagdad sind die Uno und die US-Regierung, obwohl einander spinnefeind, plötzlich rettungslos aufeinander angewiesen. US-Präsident George W. Bush braucht nun den diplomatischen Flankenschutz des Weltsicherheitsrats, Uno-Chef Annan militärischen Schutz für seine Leute.

Diese "Symbiose im Desaster", so ein Uno-Diplomat, formulierte gestern niemand klarer als das sonst so regierungsfreundliche "Wall Street Journal". Dessen Schlagzeile: "Irak-Bombe zwingt USA zur Wahl: Im Alleingang weiter oder der Uno eine größere Rolle geben?"

Eine Frage, die Bush bisher vermieden hat, obwohl sie sich ihm ja schon seit Wochen aufdrängt. Denn immer mehr wird der blutige Endloseinsatz für ihn zum politischen Ballast.

176 Koalitionssoldaten sind seit offiziellem Kriegs-"Ende" umgekommen, 131 Amerikaner und 45 Briten. Sabotageakte auf Pipelines, Wasser- und Stromleitungen blockieren den Wiederaufbau. Washingtons Beziehungen zu islamischen Staaten leiden. Im Westen werden selbst engste Verbündete immer skeptischer.

Der Irak wird Wahlkampfthema

Und daheim beginnen die Wähler nicht nur über die toten Soldatensöhne zu murren. Sondern auch darüber, dass es nie eine "Exit-Strategie" für den Irak gegeben hat und die sich dahin ziehende Besatzung pro Monat fast vier Milliarden Steuerdollars verschlingt.

US-Wähler sind zickig. Längst hat Bushs Popularitätskurve das Hoch von 90 Prozent hinter sich gelassen und nähert sich dem alten Tiefstwert von Anfang September 2001.

Eine dumme Entwicklung fürs Bush-Team, das doch gehofft hatte, die Kriegsfolgen noch vor Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs schnell abhaken zu können. Daraus wird nun nichts.

"Der Irak", freut sich ein demokratischer Stratege, "wird zum Wahlkampfthema." Selbst Bushs Parteifreund, Senator John McCain, räumt ein: "Wir haben das amerikanische Volk in die Irre geführt, indem wir gesagt haben, alles sei vorbei." McCain, zum Zeitpunkt des Anschlags selbst in Bagdad, sieht nur einen Ausweg: noch mehr US-Soldaten in den Irak.

Dagegen sperren sich jedoch nicht nur immer mehr Amerikaner - sondern auch die Chefplaner im Pentagon. Allen voran US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein Vize Paul Wolfowitz, der die Irak-Invasion seit Jahren persönlich vorbereitet hatte.

Eine neue Irak-Resolution?

Die erhoffte Lösung: eine multinationale Eingreiftruppe, die mit Uno-Segen die Amerikaner und Briten im Irak unterstützen soll. Eine Idee, die die USA selbst erst kürzlich in Umlauf gebracht, nach scharfem Widerstand im Sicherheitsrat aber schnell wieder fallen gelassen hatten.

Denn nicht nur die alten Kriegsfeinde Frankreich, Deutschland und Russland, sondern auch Verbündete, auf die die USA eigentlich gesetzt hatten wie Indien und Pakistan weigerten sich bisher strikt, ihre Soldaten unter US-Kommando zu stellen. Stattdessen forderten sie im Gegenzug eine stärkere Uno-Mitsprache im Irak. Eine Konzession, zu der Washington aber nicht bereit war - Ende der Diskussion.

Nun ist das Thema wieder auf dem Tisch. US-Außenminister Colin Powell wird es heute beim Krisenfrühstück mit Annan in New York zur Sprache bringen, kurz bevor sich dann der Sicherheitsrat mit der Lage im Irak befasst.

Powells Plan: eine US-Resolution, die die anderen Uno-Mitgliedsstaaten quasi moralisch mit dem Rücken an die Wand stellt. "Die internationale Gemeinschaft muss ihre Verpflichtung erneuern", sagt der Ex-General.

In einem hat Powell Recht: Auch für die Uno drängen im Irak praktische, lebensnotwendige Fragen. Wie lassen sich ihre Mitarbeiter im Irak künftig beschützen, wenn nicht militärisch?

"Jede Menge verwundbarer Mitarbeiter"

Eine "Neubewertung" der Sicherheitslage sei nötig, sagt Annan. Den verbliebenen fast 300 Mitarbeitern in Bagdad stellte er gestern frei, ihre Posten zu verlassen und nach Hause zu kommen. Doch gerade mal zwei machten von diesem Angebot bisher Gebrauch. Getreu dem Motto, das ihr Chef in New York ausgab: "Wir werden uns nicht abschrecken lassen."

Derlei Durchhalteparolen kommen jedoch nicht bei jedem an. Die Angestelltengewerkschaft der Uno forderte zum Beispiel sofort, "alle Dienste im Irak zu suspendieren und den Stab abzuziehen", bis die Sicherheitsfrage zufrieden stellend gelöst seien. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds - jene zwei Uno-Behörden, auf die die USA beim Wiederaufbau am stärksten angewiesen sind - zogen prompt die meisten ihrer Mitarbeiter ab.

Klagen über mangelnde Sicherheit bringt die Uno-Gewerkschaft seit langem vor, doch bisher weitgehend ungehört - nicht nur im Irak, sondern auch bei anderen Uno-Missionen. "Wir haben viel getan, um das anzusprechen", sagt Uno-Gewerkschafter Guy Candusso. "Es gibt da draußen ernsthafte Sicherheitslücken und jede Menge verwundbare Mitarbeiter."

Und der Tod "da draußen" trifft auch die da drinnen. Selbst Uno-Sprecher Fred Eckhard, sonst kein Mann der Gefühle, hat seit Dienstag rot geränderte Augen. "Es ist nicht leicht", murmelt er. "Die meisten von uns kennen jemanden, der von der Tragödie betroffen ist."

"100 Tage des Fortschritts"

Zum Beispiel Nadia Younes, die Stabschefin des Uno-Sonderbeauftragten im Irak, Sergio Vieira de Mello. Sie starb mit ihrem Chef in den Trümmern. Die Ägypterin war eine fröhliche, beliebte Uno-Veteranin, die zuvor am East River Sprecherin von Generalsekretär Javier Perez de Cuellar und Protokollchefin war.

"Es ist klar, dass die Situation eine größere internationale Beteiligung verlangt", beschreibt Mexikos Uno-Botschafter Adolfo Zinser das Dilemma des Sicherheitsrats. Doch bestehe unter vielen Uno-Mitgliedern auch nach dem Terror von Bagdad "großes Zögern, unter der Autorität der Besatzungsmacht" ihr Geld und ihre Soldaten zur Verfügung zu stellen.

Rückendeckung bekommen die Widerspenstigen von unerwarteter Seite - Großbritannien, dem treuesten US-Allierten. Londons Außenminister Jack Straw kommt heute Nachmittag ebenfalls nach New York. In seinem diplomatischen Gepäck: ein Vorschlag für ein "verstärktes" Uno-Mandat im Irak.

Eine Lösung könnte, so ist auf den Uno-Fluren zu hören, auch in der Wortwahl liegen: Möglicherweise könnten sich Deutsche und Franzosen einer Irak-Truppe anschließen, sofern deren Mission so definiert werde, dass sie "die Uno beschützt", statt, wie bisherige Planspiele vorsahen, "die Koalition ablöst".

Die Irak-Sitzung des Sicherheitsrats war, ironischerweise, schon lange vor dem Anschlag von Bagdad anberaumt worden. Ursprüngliche Tagesordnung: Ein Lagebericht der USA und Großbritanniens. Auch einen Titel für diesen Bericht hatte das Weiße Haus schon gefunden: "100 Tage des Fortschritts."