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04. Juni 2011, 18:08 Uhr

Anschlag in Afghanistan

Deutsche Soldaten erschossen drei Demonstranten

Beim tödlichen Zwischenfall im afghanischen Talokan Mitte Mai hat die Bundeswehr offenbar mehr Demonstranten erschossen als bisher bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen geht ein Uno-Bericht von drei Toten aus - und nicht von einem.  Die deutschen Soldaten hätten aber "angemessen" reagiert.

Hamburg - Die Bundeswehr hat in Talokan am 18. Mai nicht einen, sondern drei Demonstranten erschossen. Dies geht nach SPIEGEL-Informationen aus einem Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen hervor. Zunächst hatte die Bundeswehr behauptet, es gebe keine Erkenntnisse, dass deutsche Soldaten jemanden tödlich verwundet hätten. Dann wurde ein Toter für möglich gehalten. Nun sind es offenbar drei.

Nach einer nächtlichen Attacke amerikanischer Spezialeinheiten eskalierte eine Trauerfeier für die vier afghanischen Opfer zu einem Angriff auf das deutsche Außenlager in Talokan. Einige Demonstranten warfen Molotow-Cocktails und Handgranaten. Nach dem Bericht der Uno wurden dabei vier afghanische Sicherheitskräfte und zwei deutsche Soldaten verletzt. Die Deutschen hätten erst mit Signalpistolen geschossen, dann Warnschüsse abgegeben. Schließlich hätten sie auf die Demonstranten gezielt.

Der Uno-Bericht nennt das Verhalten der Bundeswehrsoldaten "angemessen". Zur gleichen Schlussfolgerung kommt auch ein deutscher Untersuchungsbericht, den das Verteidigungsministerium seit gut einer Woche unter Verschluss hält, genauso die Bilder der Überwachungskameras. Bei den Ausschreitungen waren insgesamt mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Die Demonstration fand teilweise direkt vor einem kleinen Außenposten der deutschen Streitkräfte statt.

Die Sicherheitslage in dem Land bleibt für die Bundeswehr weiter brisant. Am vergangenen Donnerstag sind deutsche Truppen in Nordafghanistan erneut zum Ziel eines blutigen Anschlags geworden: Ein deutscher Soldat wurde getötet. Zwei Soldaten sind schwer verletzt worden, drei weitere erlitten leichte Verletzungen. Der Anschlag mit einem Sprengsatz, der an einer Straße versteckt worden war, ereignete sich in der Ortschaft Qandahari in der Region Baghlan und traf einen Schützenpanzer vom Typ "Marder", in dem sieben deutsche Soldaten saßen.

Es ist bereits der vierte deutsche Gefallene innerhalb der vergangenen Wochen. Bereits am 25. Mai war ein deutscher Hauptmann in der Umgebung von Kunduz bei einem Angriff mit einer Sprengfalle auf eine Patrouille gefallen, nur drei Tage später kam es ebenfalls in Talokan zu einem fatalen Anschlag auf ein deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen, dort wurde ein Berater und ein Personenschützer des deutschen Regionalkommandeurs Markus Kneip durch die Detonation einer Tage zuvor versteckten Bombe in den Tod gerissen.

Taliban-Sympathisanten in den Streitkräften

US-Spezialkräfte und afghanische Soldaten haben bei einer nächtlichen Kommandoaktion einen möglichen Komplizen der Attentäter gefasst, die mit einer Bombe das Sicherheitstreffen angegriffen haben. Bisher wissen die Ermittler der der Schutztruppe Isaf noch nicht, wie den Attentätern der spektakuläre Angriff gelingen konnte. Dass der oder die Planer in der Lage waren, den mit Metallkugeln ummantelten Sprengsatz in dem Gouverneurssitz zu verstecken und später punktgenau zu zünden, besorgt die Bundeswehr. Ohne Mittäter oder gar Komplizen beim Sicherheitspersonal des Gouverneurs, so die einhellige Meinung, hätte dies nie gelingen können.

Ein Vertreter des afghanischen Geheimdienstes NDS geht nach Informationen des SPIEGEL davon aus, dass es bei den afghanischen Sicherheitskräften 130 bis 150 sogenannte Schläfer gibt, die von der Taliban-Führung jederzeit für Angriffe gegen die ausländischen Truppen genutzt werden könnten. Bis zu sieben Prozent der afghanischen Soldaten und Polizisten hätten Sympathien für die Taliban.

Vor allem die vielen zivilen Opfer bei militärischen Operationen der westlichen Streitkräfte lassen die Wut der einheimischen Bevölkerung wachsen. Zuletzt musste sich die Nato für einen Luftangriff in der Provinz Helmand entschuldigen, bei dem Frauen und Kinder ums Leben kamen.

Rangin Dadfar Spanta, der nationale Sicherheitsberater des afghanischen Präsidenten, sagte zur Drohung von Hamid Karzai, die Afghanen würden die westlichen Soldaten als Besatzer betrachten, sollten bei ihren Einsätzen weiterhin Zivilisten ums Leben kommen: "Es ist Karzais letztes Wort in dieser Sache, es sollte ernst genommen werden. Die Stimmung in der Bevölkerung wird jetzt gegen die Nato kippen, wenn nichts passiert."

Zu Verhandlungen mit den Taliban sagte Spanta: "Sie könnten hilfreich sein, wenn Pakistan bereit ist, den Friedensprozess zu unterstützen. Das ist nicht der Fall. Die Kalkulation Pakistans ist eine andere: Der Westen ist offensichtlich müde und zieht sich bald zurück. Dann kann Pakistan Afghanistan endlich als strategischen Raum nutzen. Darum geht es."

ler/mgb

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