Fotostrecke

Afghanistan: Erste heiße Spur in Talokan

Foto: WAHDAT AFGHAN/ REUTERS

Anschlag in Afghanistan Nato fasst mutmaßlichen Terrorhelfer von Talokan

Der Anschlag in der nordafghanischen Stadt Talokan hat die Bundeswehr schwer getroffen, jetzt haben Nato-Streitkräfte einen Verdächtigen gefasst. Durch ein Telefonat kamen Fahnder ihm auf die Spur. Er soll Verbindungen zur Islamischen Bewegung Usbekistans haben.

Berlin - Es ist ein erster möglicher Fahndungserfolg nach dem verheerenden Anschlag von Talokan: US-Spezialkräfte und afghanische Soldaten haben bei einer nächtlichen Kommandoaktion einen möglichen Komplizen der Attentäter gefasst, die mit einer Bombe ein hochrangiges deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen in der Stadt angegriffen haben.

Der Verdächtige sei bereits Montagnacht bei der Stadt Masar-i-Scharif festgenommen worden, hieß es in einer kurzen Mitteilung der Schutztruppe Isaf. Demnach habe er detailliert über den Anschlag per Telefon nach Pakistan berichtet. Das Gespräch wurde offenbar abgehört und führte die Fahnder so auf die Spur. Der Verdächtige wurde in einem Gehöft in der Nähe der nordafghanischen Provinzhauptstadt gefasst. In der Stadt hat die Bundeswehr ihr größtes Feldlager in Afghanistan. Außerdem seien mehrere weitere Männer zum Verhör mitgenommen worden.

"Die US-Spezialkräfte haben insgesamt vier Männer festgenommen", sagte der Sprecher des Provinzgouverneurs von Masar-i-Sharif. Einer von ihnen sei ein Usbeke. Anhand abgehörter Gespräche seien sich die Amerikaner mittlerweile sicher, dass die Männer enge Kontakte zur Führung der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) in Pakistan gehalten und den Anschlag in Talokan organisiert hätten. Nach dem Anschlag seien Details über die Opfer nach Pakistan gemeldet worden. Solche Informationen können nur die Planer des Anschlags haben, sagte der Sprecher. Die vier Männer seien nach dem Zugriff zur weiteren Vernehmung nach Bagram in der Nähe von Kabul gebracht worden.

Die Festnahme könnte die erste heiße Spur nach dem verheerenden Anschlag sein. Am Samstagnachmittag war im Gouverneurspalast von Talokan unmittelbar nach dem Ende des hochrangig besetzten Sicherheitstreffens zwischen Deutschen und Afghanen ein in einer Wand versteckter Sprengsatz detoniert. Durch die Wucht der Explosion wurden der einflussreiche Polizeichef von Nordafghanistan, Mohammend Daud Daud, der lokale Polizeichef und zwei weitere Afghanen getötet. Aus der Delegation des deutschen Regionalkommandeurs Markus Kneip wurden ein Berater und ein Personenschützer des Generals getötet. Kneip selber wurde durch die Splitter der Bombe leicht verletzt. Seine 56-jährige Dolmetscherin erlitt schwere Verletzungen und befindet sich mittlerweile in Deutschland zur medizinischen Behandlung.

Die Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistans ist vor allem in Nordafghanistan aktiv. Die Organisation arbeitet zum Teil mit den örtlichen Taliban zusammen. Sie kämpft jedoch hauptsächlich im Namen der in der Region zahlreich vertretenen Usbeken gegen die Zentralregierung. Dem Netzwerk, das enge Kontakte zu anderen Terrorgruppen in Pakistan unterhält, werden auch Verbindungen zu al-Qaida nachgesagt. Die Nato, allen voran die Spezialeinheiten der US-Armee, bekämpft die Gruppe, die zahlreiche ausländische Kämpfer in ihren Reihen hat, seit Monaten. In Pakistan hatten sich auch mehrere deutsche Dschihad-Kämpfer, die ins Krisengebiet gereist waren, der Organisation angeschlossen.

Ermittlern sind die Details des Attentats noch immer unklar

Der Anschlag, der sich nach Erkenntnissen des afghanischen Geheimdienstes NDS offenbar gegen den Polizeichef Daud und nicht vorrangig gegen die Bundeswehroffiziere richtete, passt zum Vorgehen der IBU. In den vergangenen Monaten hatten die Kämpfer gezielt hochrangige afghanische Sicherheitskräfte attackiert, die meist dem Volksstamm der Tadschiken angehören. Nach Darstellung der IBU wird die Region in Nordafghanistan von Tadschiken kontrolliert, obwohl dort mehr Usbeken leben. Ein nächtlicher Zugriff auf ein usbekisches Dorf nahe Talokan, der sich nach Militärangaben gegen die IBU richtete, sorgte für gewaltsame Demonstrationen in Talokan. Seitdem ist die Lage dort extrem angespannt.

Bisher wissen die Ermittler der Isaf noch nicht, wie den Attentätern der spektakuläre Angriff auf den landesweit bekannten Sicherheitschef Daud gelingen konnte. Dass der oder die Planer in der Lage waren, den mit Metallkugel ummantelten Sprengsatz in dem Gouverneurssitz zu verstecken und später punktgenau zu zünden, besorgt die Bundeswehr. Ohne Mittäter oder gar Komplizen beim Sicherheitspersonal des Gouverneurs, so die einhellige Meinung, hätte dies nie gelingen können. Noch immer rätseln die Fahnder, wie die Attentäter die Bombe - einen mit rund sechs Kilogramm professionell hergestelltem Militärsprengstoff zusammengebauten Sprengsatz - zünden konnten. Als wahrscheinlich gilt, dass sie einen Informanten im Gouverneurssitz hatten, der ihnen den besten Zeitpunkt für die Explosion mitteilte.

Vor dem Anschlag hatte es deutliche Warnungen der Geheimdienste vor einem Anschlag in Talokan gegeben, ein genaues Ziel war den Hinweisen jedoch nicht zu entnehmen. Innerhalb der Bundeswehr wird nun geprüft, warum der Ort des Treffens mit den Afghanen nicht genauer kontrolliert worden war. Für die Sicherheit des Amtssitzes des Gouverneurs, der bei dem Anschlag ebenfalls verletzt worden war, sind grundsätzlich die Afghanen verantwortlich, allerdings kontrolliert die Bundeswehr normalerweise vor Terminen von hochrangigen Militärs wie General Kneip vorab noch einmal die Lage an den Treffpunkten mit den Afghanen. Ob dies im aktuellen Fall passierte, ist derzeit noch unklar.

Die mögliche Rolle der afghanischen Sicherheitskräfte hat in Deutschland zu einer neuen Diskussion über die Zusammenarbeit mit den Afghanen ausgelöst. Bereits im Februar dieses Jahres waren drei deutsche Soldaten in Baghlan, einem weiteren Stützpunkt der Bundeswehr in Nordafghanistan, durch einen afghanischen Soldaten erschossen worden. Nach Angaben der afghanischen Behörden war der Soldat von den Taliban für die Tat angeworben worden. Seitdem hat sich die Zusammenarbeit mit den Afghanen auf dem Außenposten "OP North" erheblich verändert. Soldaten der Afghan National Army (ANA) sind nach dem tödlichen Vorfall nur noch für die Außensicherung des Lagers zuständig. Bei den Deutschen herrscht nach Angaben von Soldaten großes Misstrauen gegenüber dem Partner.

Abschied von den getöteten Soldaten in Hannover

Vor allem aus der Opposition kamen Forderungen, die lokalen Soldaten und Polizisten besser zu kontrollieren. Die Bundesregierung hingegen wiederholte mehrfach durch den Verteidigungs- und den Außenminister, dass es zur Strategie des sogenannten Partnerings keine Alternative gebe. Durch das gemeinsame Operieren von deutschen und afghanischen Sicherheitskräften sollen die Afghanen schon bald in der Lage sein, die Sicherheitsverantwortung in einzelnen Gebieten von Afghanistan selber zu übernehmen. So will die internationale Gemeinschaft den schrittweisen Abzug der ausländischen Soldaten sicherstellen.

Die Bundeswehr nimmt am kommenden Freitag Abschied von den beiden bei dem Anschlag getöteten Soldaten. In Hannover gibt es eine zentrale Trauerfeier, Verteidigungsminister Thomas de Maizière wird als Gast erwartet. Bei der Trauerfeier gedenkt die Truppe auch einem ebenfalls kürzlich in Nordafghanistan getöteten Hauptmann, der bei einem Sprengstoffattentat nahe Kunduz gefallen ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.