Anschlag in Afghanistan Taliban-Sprengsatz war in Mauer versteckt

Das tödliche Attentat auf ein deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen war kein Selbstmordanschlag - die Explosion im Gouverneurspalast erfolgte durch einen versteckten Sprengsatz, der ferngesteuert gezündet wurde. Die Täter hatten offenbar viele Komplizen beim Sicherheitspersonal.

REUTERS

Von und Shoib Najafizada


Berlin - Neue Details werfen ein anderes Licht auf den Anschlag, der am Samstag ein hochrangig besetztes deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen in der Provinzhauptstadt Talokan traf. Im Gegensatz zu ersten Berichten über den Angriff handelte es sich nicht um ein Selbstmordattentat. Das teilte der Geheimdienst NDS mit.

Ein Ermittlerteam recherchierte, dass für die Attacke eine im Amtssitz des Gouverneurs versteckte und später ferngezündete Mine benutzt worden sei. Am Wochenende hatten Augenzeugen stets von einem Selbstmordattentäter in Polizeiuniform gesprochen, der nach dem Treffen einen Sprengsatz gezündet habe.

Die Bundeswehr hält die neuen Erkenntnisse des afghanischen Dienstes, die für einen sehr genau geplanten Anschlag sprechen, für glaubhaft. "Erste Ermittlungen der Isaf decken sich mit den Erkenntnissen des afghanischen Geheimdienstes", sagte ein Sprecher des Generalinspekteurs der Bundeswehr zu SPIEGEL ONLINE. Volker Wieker war nach dem Anschlag ins Einsatzland geflogen und lässt sich dort regelmäßig über den Stand der Ermittlungen unterrichten. "Den Recherchen zufolge handelte es sich um einen Sprengsatz, der an der Außenwand des Gebäudes angebracht war", sagte Wiekers Sprecher.

Aus Nato-Kreisen in Kabul erfuhr SPIEGEL ONLINE zudem, dass Ermittler der Schutztruppe Isaf am Tatort eindeutige Hinweise fanden, die auf einen versteckten Sprengsatz in dem Gebäude hindeuten. Den Ermittlungen zufolge sei hochexplosiver Sprengstoff, der zur Erhöhung der tödlichen Wirkung mit Metallkugeln ummantelt war, in einer Mauer in der Halle des Gebäudes versteckt worden. Eine solche Bombenkonstruktion ist in Afghanistan weit verbreitet und verursacht verheerende Schäden in einem großen Umkreis.

Hinweise auf einen möglicherweise versteckten Sprengsatz sind am Tatort gut zu sehen. Augenzeugen berichteten SPIEGEL ONLINE von einem auffälligen Loch in einer Wand in der Halle des Gebäudes, wo es die tödliche Explosion gab. Möglicherweise hatten die Täter dort eine alte Sprengmine oder eine sogenannte Hohlladung in der Wand versteckt und zündeten sie mit einem Kabel oder per Mobiltelefon.

Der deutsche General Markus Kneip wurde bei der Attacke leicht verletzt, einer seiner engsten Berater und ein Personenschützer des Zwei-Sterne-Generals kamen ums Leben. Eine Bundeswehr-Übersetzerin befand sich nach dem Anschlag in einem kritischen Zustand, ihr geht es aber mittlerweile etwas besser. Insgesamt waren sechs deutsche Soldaten bei der Explosion verletzt worden, darunter der Kommandeur des lokalen Stützpunkts der Bundeswehr in Talokan.

Karzai brach Europa-Reise ab

Zunächst hatte es am Wochenende geheißen, nach dem Ende der Beratungen sei ein Selbstmordattentäter in Uniform auf Daud Daud, den mächtigen Sicherheitschef von Nordafghanistan zugegangen, habe zuerst auf ihn geschossen und dann eine Sprengweste gezündet. Dabei kamen Daud Daud, einer der einflussreichsten Sicherheitsverantwortlichen in ganz Afghanistan, ein lokaler Polizeichef und zwei weitere Afghanen ums Leben. Auch die Bundeswehr geht davon aus, dass sich der Anschlag vor allem gegen den bei den Taliban verhassten Polizeichef und nicht hauptsächlich gegen die Bundeswehr richtete.

Afghanistans Präsident Hamid Karzai brach wegen des Vorfalls sogar eine geplante Reise nach Europa ab und kehrte in die Hauptstadt Kabul zurück. Der Anschlag ist ein schwerer Angriff auf seine schwache Regierung und die Behörden. In einem Telefonat mit Kanzlerin Angela Merkel sicherte der Präsident eine schnelle Untersuchung des Vorfalls zu und drückte seine Trauer über die deutschen Opfer aus. Karzai muss schnell einen geeigneten Nachfolger für Daud Daud in der immer gefährlicheren Region von Nordafghanistan finden.

Die neuen Erkenntnisse belegen, dass der Anschlag sehr genau geplant war. Zum einen, so Bundeswehrinsider, hatten die Täter offensichtlich Zugang zu dem gesicherten Gebäude des Gouverneurs und vermutlich auch Komplizen beim Sicherheitspersonal. Außerdem wird für eine Attacke mit einem ferngezündeten Sprengsatz auch ein Informant im Gebäude benötigt, der den Zeitpunkt des Endes der Beratungen per Mobiltelefon oder ein Zeichen durchgeben konnte. Möglicherweise war dies der Mann in Uniform, den die Augenzeugen fälschlich als Selbstmordattentäter identifiziert hätten, hieß es aus der Truppe.

Für dieses Vorgehen hätten die Planer des Anschlags einen sicheren Zugang ins Gebäude vor der Attacke gebraucht - was auf eine Verstrickung des Personals des Gouverneurs in den tödlichen Plan hindeutet.

Die Taliban hatten sich schon rund eine Stunde nach dem Anschlag per Telefon bei lokalen Journalisten zu dem Anschlag bekannt. Später berichteten sie in einer schriftlichen Mitteilung, ein Selbstmordattentäter aus der Provinz, den sie als einen gewissen Amaduddin identifizierten, habe den Anschlag ausgeführt. Hochrangige afghanische Militärs und Politiker vermuteten, der Mann habe sich mit einer Uniform in eine der afghanischen Delegationen eingeschleust und sei so in das Gebäude gelangt. Für die afghanischen Behörden wäre dies ein überaus peinlicher Vorfall und ein weiterer Beweis, wie wenig Kontrolle sie über die eigenen Einheiten haben.

Abschied von den getöteten Bundeswehrsoldaten

Agenten des NDS hatten nach dem Anschlag den Tatort mit einem Sprengstoffteam untersucht. Zwar ist der Dienst gerade in so abgelegenen Regionen wie Talokan nicht gut ausgerüstet, doch die Mitarbeiter des NDS haben viel Erfahrung mit Anschlägen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE nahmen sie zudem am Wochenende mehrere Wachleute, die das Tor des Geländes bewachen, in Gewahrsam. Die Festnahme des Wachpersonals ist bei den meistens nicht zimperlichen Ermittlungen des NDS Routine. Der Dienst gilt als undurchsichtige Organisation. Die Agenten schrecken auch vor Folter nicht zurück.

Unmittelbar vor dem Treffen der Deutschen mit den Afghanen gab es nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eindringliche Warnmeldungen der Geheimdienste über einen drohenden Selbstmordanschlag der Taliban in Talokan. Ohne Details oder ein mögliches Ziel zu nennen, warnten sowohl die Amerikaner und auch der deutsche Geheimdienst vor einem drohenden und gut geplanten Attentat in der Hauptstadt der Provinz Takhar. In Bundeswehrkreisen hieß es jedoch, solche Meldungen gebe es in Afghanistan jeden Tag. Meist seien sie zu wenig konkret, um darauf reagieren zu können.

In Masar-i-Scharif nahmen unterdessen die Bundeswehrsoldaten am Morgen Abschied von ihren getöteten Kameraden. General Kneip geleitete die Särge der beiden Soldaten persönlich zu einem Transportflugzeug, das sie nach Deutschland bringen sollte. Am Freitag wird in Deutschland eine Trauerfeier für den 43-jährigen Major aus dem Führungsunterstützungsbataillon 282 in Kastellan und einen von Kneips Personenschützern, einen 31-jährigen Hauptfeldwebel des Feldjägerbataillons 152 aus Hannover, stattfinden.

Der General wird auf eigenen Wunsch ebenfalls für etwa drei Wochen nach Deutschland ausgeflogen, um seine Splitter- und Brandverletzungen zu behandeln. Zudem wollte Kneip an der Trauerfeier für die gefallenen Kameraden teilnehmen. Danach will er sein Kommando in Nordafghanistan wieder aufnehmen.

insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frubi 30.05.2011
1. .
Zitat von sysopDas tödliche Attentat auf ein deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen war kein Selbstmordanschlag. Die Explosion im Gouverneurspalast*erfolgte nach Informationen von SPIEGEL ONLINE durch einen versteckten Sprengsatz. Die Täter*hatten offenbar*viele Komplizen beim Sicherheitspersonal. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765707,00.html
Erst waren es Taliban in Polizeiuniform und jetzt sind es Taliban, die einen Sprengsatz mit Hilfe der Sicherheitskräfte verstecken konnten. Daran sieht man doch, wie unübersichtlich die Lage ist und das wir daran auch in 20 Jahren nichts ändern werden. Die Taliban wollen unsere Hilfe nicht und die gemäßigten Afghanen haben anscheinend auch längst die Nase voll von westlichen Soldaten die bei Angriffen auf alles schießen was sich bewegt. Letztlich leidet wie in jedem Krieg die Zivilbevölkerung und da wir daran nichts ändern können sollten wir so schnell wie möglich abziehen.
sentinel1986 30.05.2011
2. Antwort
Zitat von sysopDas tödliche Attentat auf ein deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen war kein Selbstmordanschlag. Die Explosion im Gouverneurspalast*erfolgte nach Informationen von SPIEGEL ONLINE durch einen versteckten Sprengsatz. Die Täter*hatten offenbar*viele Komplizen beim Sicherheitspersonal. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765707,00.html
Nach diesem wohlgeplanten anschlag darf die Bundeswehr nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern muss den Taliban eine eindrucksvolle, unvergessliche militärische Antwort geben. Auge um Auge, Zahn um Zahn!
feb1958 30.05.2011
3. Hervorragende Idee...
Zitat von sentinel1986Nach diesem wohlgeplanten anschlag darf die Bundeswehr nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern muss den Taliban eine eindrucksvolle, unvergessliche militärische Antwort geben. Auge um Auge, Zahn um Zahn!
...nur: Ist Ihnen aufgefallen, dass die Taliban sich durch noch so eindrucksvolle militärische Antworten nicht von ihrem Kurs abbringen lassen? Fast glaube ich, dass Ihr Beitrag ironisch gemeint war... feb
frubi 30.05.2011
4. .
Zitat von sentinel1986Nach diesem wohlgeplanten anschlag darf die Bundeswehr nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern muss den Taliban eine eindrucksvolle, unvergessliche militärische Antwort geben. Auge um Auge, Zahn um Zahn!
Wieviele deutsche Opfer? 51? Wieviele Opfer allein bei dem Kunduz Massaker? Selbst nach ihrer kruden Logik müssten die Taliban noch den ein oder anderen BW Soldaten wegsprengen, damit das Verhältniss ausgeglichen wäre. Gehts noch?
xxyxx 30.05.2011
5. Aber bitte....
Zitat von sentinel1986Nach diesem wohlgeplanten anschlag darf die Bundeswehr nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern muss den Taliban eine eindrucksvolle, unvergessliche militärische Antwort geben. Auge um Auge, Zahn um Zahn!
...mit genauso wenig Kolleteralschäden
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.