Türkei nach Anschlag in Ankara "Wir trauern für den Frieden"

Es war der schwerste Anschlag in der jüngeren Geschichte der Türkei: Fast einhundert Menschen sind bei zwei Explosionen im Zentrum von Ankara umgekommen. Ministerpräsident Davutoglu hat eine dreitätige Staatstrauer angeordnet.

DPA

Zu dem Anschlag auf eine Friedensdemonstration in Ankara hat sich bislang noch niemand bekannt. Fast einhundert Menschen hatten am Samstag bei zwei Explosionen ihr Leben verloren, 246 Personen wurden verletzt. Die prokurdische Partei HDP spricht von 122 Toten und mehr als 500 Verletzten.

Der Anschlag war der schwerste in der jüngeren Geschichte der Türkei. Nun hat Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen.

Davutoglu zufolge wurde der Anschlag wahrscheinlich von zwei Selbstmordattentätern verübt. Er nannte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und zwei linksextremistische Terrorgruppen als mögliche Verdächtige.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan versprach eine Aufklärung des Attentats. Und so ermittelt die türkische Polizei auch an diesem Sonntag, um die Opfer zu identifizieren und die Täter zu finden. "Die notwendigen Schritte wurden eingeleitet, um diejenigen ausfindig zu machen, die hinter dem Anschlag stehen, und schnell vor Gericht zu bringen", hieß es in einem Statement der Polizei.

Gedenken in der Nähe des Anschlagortes

Am Sonntag versammelten sich Tausende Menschen in der türkischen Hauptstadt zum Gedenken an die Opfer. Auf einem Platz in der Nähe des Anschlagsortes kamen sie einem Aufruf von Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und linken oder kurdischen Parteien nach, die am Vortag zu einer Friedensdemonstration aufgerufen hatten. In der Millionenmetropole Istanbul hatten am Samstagabend rund 2000 Menschen gegen die Regierung demonstriert

Das Büro von Davutoglu ließ mitteilen, 52 Opfer seien bereits identifiziert worden und von den 246 Verletzten befänden sich 48 auf der Intensivstation. Einige Angehörige der Opfer warteten am Sonntag in Sorge vor den Krankenhäusern, in denen die Verletzten behandelt werden.

Zu der Friedensdemonstration, bei der die Menschen gegen den Konflikt zwischen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und der Regierung demonstrieren wollten, hatten die HDP und andere regierungskritische Gruppen aufgerufen. Die HDP sah sich als Ziel des Anschlags und machte der politischen Führung des Landes schwere Vorwürfe

Trauer für den Frieden

"Wir trauern für den Frieden", hieß es auf der Titelseite der säkularen Tageszeitung "Cumhuriyet". Andere Zeitungen thematisierten die Wut der Gesellschaft über den Anschlag.

Einer der Selbstmordattentäter soll laut der regierungstreuen Zeitung "Yeni Safak" bereits identifiziert worden sein. Demnach soll es sich um einen Mann zwischen 25 und 30 Jahren gehandelt haben.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und der Präsident der Uno-Vollversammlung, Mogens Lykketoft, haben der Türkei nach dem Doppelanschlag in Ankara ihr Mitgefühl ausgesprochen. Ban drückte in der Nacht zum Sonntag über einen Uno-Sprecher zugleich die Hoffnung aus, dass die Täter schnell ergriffen und zur Rechenschaft gezogen würden.

Lykketoft nannte die Bombenanschläge eine "feige und sinnlose Tat". Sie werde aber "Menschen und Länder nicht davon abhalten, sich für eine friedlichere, harmonische und nachhaltige Welt einzusetzen", sagte er.

EU-Ratspräsident Donald Tusk sicherte der Türkei Unterstützung zu. "Die Europäische Union steht an der Seite der Türkei, seiner Bürger und der Behörden, wenn es um den Kampf gegen Terrorismus und die Bemühungen um Aussöhnung geht", ließ er mitteilen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und US-Präsident Barack Obama hatten bereits ihre Anteilnahme bekundet.

Obama sprach nach Angaben des Weißen Hauses in einem Telefonat mit Erdogan von einer heimtückischen Attacke und bekräftigte die Solidarität der Amerikaner mit der türkischen Bevölkerung im Kampf gegen Terrorismus.

Demonstrationen nach dem Anschlag

Auch in mehreren deutschen Städten gingen nach dem Anschlag am Samstag pontan Hunderte Menschen auf die Straße. Prokurdische Demonstrationen gab es unter anderem in Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main und Stuttgart. Die Polizei sprach von einem friedlichen Verlauf der Proteste.

Ende Juli war der Konflikt zwischen türkischer Regierung und PKK eskaliert. Beide warfen sich gegenseitig vor, einen mehr als zwei Jahre anhaltenden Waffenstillstand gebrochen zu haben. Seither verübt die PKK immer wieder Anschläge auf Sicherheitskräfte im Südosten der Türkei. Die Armee wiederum fliegt regelmäßig Luftangriffe gegen PKK-Stellungen in der Türkei und im Nordirak.

Im Video: Krawalle und Protest nach Anschlag in der Türkei

kha/dpa/Reuters/AFP

insgesamt 20 Beiträge
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hinschauen 11.10.2015
1. Die PKK verdächtig?
Der türkische Ministerpräsident nennt die PKK als einen möglichen Verdächtigen? Abgesehen davon, dass Selbstmord-Attentate nicht zu deren Vorgehensweise gehören, war es doch ein Anschlag auf Kurden. Das zeigt nur, dass die türkische Regierung nichts unversucht lässt die PKK in Misskredit zu bringen.
bikerstraum 11.10.2015
2. Das jemand
so weit geht und mit Bomben den Wahlausgang beeinflussen will, ist blanker Wahnsinn. Aber wem ist solcher Wahnsinn zuzutrauen? Wer hat einen Nutzen davon? Das sind Fragen die sich aus den Reaktionen nach dem Anschlag und den dazugehörigen Äußerungen leicht ablesen lassen. Die türkische Polizei wird schon die Wahrheit, die Erdogan vorgibt, ans Licht bringen. Man kann nur hoffen, dass die Kurden stark genug sind und dem Despoten bei der Wahl eine Klatsche verabreichen. Der Größenwahn gefährdet den Frieden in Europa.
angst+money 11.10.2015
3. @hinschauen
Machen Sie doch mal Ihrem Namen Ehre und stecken Sie nicht alle Kurden in einen Topf. Dass Friedensgegner auch gerne mal Friedensfreunde aus den eigenen Reihen angreifen ist ja nichts neues. Siehe Naher Osten. Ich glaube zwar auch nicht an die PKK, würde das aber ohne irgendwelche Fakten zu kennen nicht in überheblichem Tonfall hier rumposaunen.
abdelmalek.marwan 11.10.2015
4. Erdogan ist ein Unheil für die gesamte Region. Er soll verschwinden.
Ersten: Mein Beileid für die Opfer des barbarischen Mord. Zweitens: Der Titel Erdogan als Unheil, hat sich im Laufe der Zeit unter Beweis gestellt. Der Mann von außen wirkt modern – ein BLUFF-, im Inneren ist er ISIS-Ideologie-Orientiert. Die Doktrin der Muslim Bruderschaft, gleich seine Partei, ist Blutvergießen um an die Macht zu kommen und bleiben. Drittens: Die Menschen die wir sahen waren mit Freunde und Gesang tanzenden Kurden. Über die ethnische Zugehörigkeit der Opfer wird verschwiegen. Ich persönlich bin kein Kurdenförderer, weil mir das Wasser bis zum Hals steht mit was sie im Irak und Syrien machen, an Vertreibungen und Usurpationen von Ländereien. Viertens: Erdogan muss wegen seiner Politik mit einem Bumerang Effekt rechnen. Er hat den Islamistischen Terror in Syrien und Irak hervorgebracht.
Kismet 11.10.2015
5.
Die Täter sind mit großer Wahrscheinlichkeit IS Anhänger. Andere Gruppen wie PKK oder DHKPC sind sehr unwahrscheinlich. Bleibt nur die Frage offen ob auch die Hintermänner der IS Ideologie angehören. Das ist ein Anschlag mit der Absicht die Wahlen zu beeinflussen. Die AKP wird Wähler verlieren, die HDP dafür gewinnen. War das auch die Absicht der Täter? Oder wollten sie nur Chaos verursachen? Das ist der Nahe Osten, man wird es nie erfahren. Mein Beileid an die Hinterbliebenen der Opfer.
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