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Terror in der Türkei "Das Grenzgebiet zu Syrien ist IS-Land"

32 Menschen starben bei dem Selbstmordanschlag im türkischen Suruc, die meisten davon Studenten. Der Angriff hat die Grenzstadt verändert, im ganzen Land wächst die Wut. Überlebende schildern ihre Eindrücke.

Die jungen Männer und Frauen wollten helfen, wollten Kobane wieder aufbauen. Jene Stadt, die die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) im vergangenen Jahr eingenommen und die kurdische Kämpfer mithilfe einer von den USA angeführten Koalition erst nach zähem Kampf befreien konnten. Dabei wurde nahezu die gesamte Stadt zerstört, die Bevölkerung flüchtete in die nahegelegene Türkei.

"Wir wollten dazu beitragen, dass die Menschen wieder zurückkehren und in Kobane ein normales Leben führen können", sagt ein junger Mann, der den Anschlag von Suruc überlebt hat. Mindestens 32 Menschen starben, mehr als hundert wurden verletzt, als sich am Montagmittag vermutlich eine Selbstmordattentäterin in die Luft sprengte.

Die etwa 150 Helfer hatten sich in Istanbul und Ankara getroffen und waren am Sonntag in den Grenzort Suruc gereist. Er liegt nur ein paar Kilometer von Kobane entfernt, auf der türkischen Seite. "Von hier wollten wir nach Kobane und mit der Arbeit beginnen", sagt der Mann, der nun am Telefon weint. Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht sehen.

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Türkei: Anschlag in Suruc, Wut auf Erdogan

Foto: Dicle News Agency/ dpa

"Wir waren gewarnt worden, dass es hier IS-Leute gibt. Aber wir hätten nie gedacht, dass wir hier in Suruc auf diese Weise angegriffen werden." Er beruhigt sich, schweigt. Dann sagt er: "Jetzt wissen wir, dass die türkische Regierung lügt, wenn sie behauptet, es gäbe hier keine IS-Leute. Jetzt wissen wir: Das Grenzgebiet zu Syrien ist IS-Land."

Beliebter Treffpunkt für Aktivisten und Flüchtlinge

Mitten in Suruc befindet sich das von der Gemeinde betriebene Kulturzentrum, ein beliebter Treffpunkt von Aktivisten und Flüchtlingen. Hier begegneten Journalisten kurdischen Kämpfern, die auf ihren Einsatz gegen den IS in Kobane warteten, und zuletzt Freiwilligen, die als Aufbauhelfer über die Grenze ziehen wollten, darunter auch Deutsche.

Auch SPIEGEL-ONLINE-Reporter trafen hier Informanten zum Gespräch. Angebote, in dem Gebäude zu übernachten, wurden aber abgelehnt - zu sehr bot sich der Ort als Anschlagsziel für den IS an. Eben gerade weil sich dort viele westliche Ausländer und kurdische Kämpfer aufhielten.

Zwar hat sich der IS bisher nicht zu der Tat bekannt, aber erstmals geht sogar die türkische Regierung davon aus, dass die islamischen Extremisten hinter der Bluttat im Land stecken. Premierminister Ahmet Davutoglu bestätigte am Dienstag, dass man den IS verdächtige.

Die Terrororganisation hat mehrfach damit gedroht, ihren Kampf auf die Türkei auszuweiten. In den vergangenen Tagen hat der türkische Geheimdienst MIT vor einem Angriff durch IS-Terroristen gewarnt, die illegal über die Grenze von Syrien in die Türkei kommen. Namentlich wurden sieben Verdächtige genannt, darunter drei Frauen. Inzwischen gehen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass eine von ihnen die Selbstmordattentäterin von Suruc ist.

Bei Razzien in mehreren Städten, unter anderem in Istanbul, Ankara und Izmir, aber auch in Sanliurfa, wenige Kilometer vom Anschlagsort entfernt, wurden etwa hundert Personen festgenommen - allerdings nicht die Gesuchten.

Angriff auf die prokurdische HDP

Die jungen Aufbauhelfer, überwiegend Studenten, traf es, weil sie Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation SGDF waren, die für die kurdische Sache eintritt. Aus ihr rekrutierten sich auch Kämpfer gegen den IS. Mitglieder kämpften in Kobane auf der Seite der kurdischen Truppen, einige fielen dort. Der Anschlag könnte daher auch ein Racheakt des IS gewesen sein.

Es war aber auch ein Angriff auf die prokurdische Partei HDP, die bei den Wahlen Anfang Juni mit ihrem Einzug ins Parlament für eine politische Sensation gesorgt hatte. Die Jugendorganisation steht der sozialistischen Partei ESP nahe, die wiederum unter dem Dach der HDP organisiert ist. Derzeit finden Koalitionsverhandlungen in der Türkei statt. Das Attentat vertieft den Graben zwischen HDP und der bislang regierenden AKP. Ihr wirft die HDP-Führung vor, mitverantwortlich zu sein für den Terror, weil sie den IS bislang unterstützt oder zumindest bei dessen Aktivitäten in der Türkei weggesehen habe.

So wurden verletzte IS-Kommandeure angeblich in türkischen Krankenhäusern behandelt und anschließend nicht festgenommen, sondern durften unbehelligt nach Syrien zurückkehren. Hinweise auf Waffen- und Munitionslieferungen über die Türkei in das vom IS beherrschte Gebiet konnte die Regierung in Ankara nicht entkräften. In mehreren türkischen Großstädten rekrutierte der IS neue Kämpfer.

Spott über den "Dschihad-Express"

Die IS-Anhänger, die sich nun in türkischen Grenzstädten aufhalten, kommen nicht nur aus Syrien. Oft sind es Europäer, die sich den Extremisten angeschlossen haben und die über Istanbul eingereist sind. Die Flüge von Istanbul in Grenzstädte wie Sanliurfa und Gaziantep werden deshalb schon seit Jahren als "Dschihad-Express" verspottet.

"Ich hoffe, dass die in Ankara endlich kapieren, dass es gefährlich ist, mit diesen IS-Leuten zu paktieren, nur weil sie dasselbe Ziel verfolgen. Nämlich gegen Syriens Präsidenten Assad und gegen die Kurden zu sein", sagt eine Studentin. "Wir müssen gegen den IS und gegen die bisherige Politik der Regierung protestieren. Wir müssen demonstrieren."

Daraus dürfte, zumindest in Suruc und Umgebung, nichts werden. In der Provinz Sanliurfa wurden Kundgebungen jeglicher Art verboten - angeblich aus Angst vor weiteren Anschlägen.


Zusammengefasst: Die Überlebenden des Anschlags von Suruc haben Schreckliches erlebt. Manche sind aber auch enttäuscht von der türkischen Regierung, die Sicherheit im Grenzgebiet versprochen habe. Der Angriff erschüttert die komplette Türkei - und sorgt auch innenpolitisch für Verwerfungen.

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