Anschlag in Istanbul Türkei fürchtet die Gefahr aus Nahost

Istanbul rätselt über das Attentat vom Topkapi-Palast: Der Schütze fuhr ein syrisches Auto, soll aber aus Libyen stammen. Handelte er aus persönlichen Motiven, oder hatte er ein politisches Motiv? Der Großmacht Türkei könnte eine ganz neue Dimension des Terrors drohen.
Von Jürgen Gottschlich
Sicherheitskräfte in Istanbul: Hintergrund im Nahen Osten?

Sicherheitskräfte in Istanbul: Hintergrund im Nahen Osten?

Foto: AP

Die PKK steckt nicht hinter dem Angriff im Topkapi-Palast von Istanbul - das hatte der Istanbuler Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu in einer ersten Stellungnahme bereits überraschend deutlich ausgeschlossen. Es habe sich um einen "ausländischen" Attentäter gehandelt, erklärte er stattdessen. Laut Augenzeugen hatte der Mann zu Beginn der Schießerei gerufen: "Ich bin Syrer." Nun wird befürchtet, dass die Türkei zum ersten Mal einen Anschlag erlebt hat, der weder auf den Konflikt mit der kurdischen PKK zurückgeht, noch von Qaida-Anhängern verübt wurde. Stattdessen soll er das neue Engagement der Türkei im Nahen Osten zum Hintergrund haben.

Die Hinweise auf Syrien als Herkunftsland des Attentäters verdichteten sich auch deshalb, weil das Auto, mit dem er bis in unmittelbare Nähe des großen Tores zum ersten Innenhof des Palastes gefahren war, ein syrisches Kennzeichen hatte. Doch die Spur des Attentäters endet nicht in Syrien. Vor der Presse erklärte Innenminister Idris Naim Sahin am Mittag, bei dem Attentäter habe es sich um einen 1975 in Libyen geborenen Mann gehandelt.

Der Mann sei am 27. November aus Syrien mit einem syrischen Auto in die Türkei eingereist. Am Mittwochmorgen tauchte er dann mit zwei Gewehren bewaffnet vor dem historischen Topkapi-Palast auf und feuerte auf einen Soldaten und einen Parkwächter, die am großen ersten Tor zum ehemaligen Sultanspalast standen. Das Gebäude steht auf der Spitze der historischen Halbinsel Istanbuls und bildet gemeinsam mit der unmittelbar an den Palast anschließenden Hagia Sophia und der Blauen Moschee das wichtigste Touristenziel der Stadt.

Der Attentäter verschanzte sich nach den Schüssen auf Soldat und Parkwächter, die beide nicht lebensbedrohlich verletzt wurden, im ersten Vorhof des Palastes. Dort lieferte er sich über eine Stunde lang ein Feuergefecht mit Polizei und Spezialkräften der Gendarmerie. Nachdem er zwischenzeitlich offenbar signalisiert hatte, sich ergeben zu wollen, begann er erneut zu schießen und wurde daraufhin von einem Scharfschützen getötet.

Türkische Regierung hat etliche Feinde

Offiziell handelt es sich für die türkischen Behörden nach Aussagen des Innenministers um einen Einzeltäter, der "persönliche" Motive gehabt habe. Augenzeugen berichten allerdings, dass der Mann, als er auf die Bewacher am Außentor des Palastes losging, mehrmals "Allahu Akbar", also "Gott ist groß", gerufen habe.

Dies könnte darauf hindeuten, dass der Mann durchaus politische Motive hatte, die darüber hinausgehen, einfach nur "möglichst viel Schaden" anzurichten, wie Innenminister Sahin mutmaßte. Denn die neue aktive Außenpolitik der Türkei im Nahen Osten stößt nicht überall auf Begeisterung. Angefangen von Islamisten in Ägypten, Tunesien und Libyen, die Ministerpräsident Erdogan übelnehmen, dass er sich auf seiner Nahostreise für säkulare Verfassungen und nicht die Einführung der Scharia ausgesprochen hatte, über die syrischen Anhänger des Regimes von Baschar al-Assad, bis hin zu Iran, hat die türkische Regierung sich etliche Feinde gemacht.

Vor allem die eskalierende Auseinandersetzung mit dem Regime in Syrien und damit indirekt auch mit Iran, birgt noch mehr politischen Zündstoff. Just als der Attentäter im Topkapi-Palast noch wild um sich schoss, trat Außenminister Ahmet Davutoglu in Ankara vor die Presse und verkündete, dass die Türkei sich ab sofort den Sanktionen der Arabischen Liga, der EU und den USA gegen Syrien anschließen würde.

Konkret dürfen ab sofort keine Funktionäre des Regimes mehr einreisen, vor allem aber werden alle Konten des Regimes bei türkischen Banken eingefroren. Handel findet nicht mehr statt, und auch Lieferungen aus Drittstaaten über die Türkei, soweit sie nicht der Versorgung der Bevölkerung dienen, will die Regierung blockieren lassen.

Hinzu kommt, dass von türkischem Boden aus durch die sogenannte "Freie syrische Armee" bereits Angriffe auf syrische Regierungssoldaten verübt werden. Sollte durch Übergriffe der syrischen Armee auf Zivilisten eine neue Fluchtwelle in die Türkei ausgelöst werden, schließt Davutoglu auch den Einsatz der türkischen Armee zur Errichtung einer Schutzzone auf syrischer Seite nicht mehr aus. Der Attentäter im Topkapi-Palast von Mittwochmorgen dürfte dann nur der Verbote kommender Attacken gewesen sein.

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