Anschlag in Kabul Taliban torpedieren Stichwahl-Vorbereitungen

Sie kamen im Morgengrauen, feuerten aus Maschinenpistolen, warfen Granaten: Taliban haben ein Uno-Gästehaus in Kabul gestürmt, außerdem ein Luxushotel mit Raketen beschossen. Vor der Stichwahl verschärfen die Extremisten ihren Terror.
Von Hasnain Kazim und Shoib Najafizada
Anschlag in Kabul: Taliban torpedieren Stichwahl-Vorbereitungen

Anschlag in Kabul: Taliban torpedieren Stichwahl-Vorbereitungen

Foto: Gemunu Amarasinghe/ AP

Islamabad/Kabul - Als die ersten Schüsse fielen, glaubten die Menschen noch an einen einzelnen Angriff. Gerade ging über Kabul die Sonne auf, es war halb sechs Uhr am Morgen. Drei Taliban waren im Stadtteil Schar-e-Now trotz Kontrollposten bis zu einem Gästehaus gelangt, das die Uno für ihre Mitarbeiter gemietet hat. Schar-e-Now, das heißt "neue Stadt", ist der moderne Teil von Kabul. Er gilt als relativ sicher, hier trauen sich Ausländer noch auf die Straße, hier suchen sich Mitarbeiter von internationalen Organisationen und Journalisten gern eine Unterkunft.

Doch am Mittwochmorgen waren die Straßen leer, wer nicht unbedingt sein Haus verlassen musste, blieb zu Hause. Afghanistans Präsident Hamid Karzai ordnete eine erhöhte Sicherheitsstufe für Ausländer an.

Nach einer Detonation, vermutlich eine Bombe, waren die Angreifer in die Pension eingedrungen. Ein Polizeisprecher erklärte, es seien sogar fünf Terroristen gewesen, die allesamt Polizeiuniform getragen hätten. Zwei von ihnen seien aber geflohen, als die ersten Sicherheitskräfte eintrafen. Die drei anderen waren mit Maschinenpistolen und Granaten bewaffnet, sie trugen zudem Sprengstoffwesten. In dem Gebäude nahmen sie mehrere Uno-Mitarbeiter als Geiseln.

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Anschlag auf Uno-Gästehaus: Terror in Kabul

Foto: Gemunu Amarasinghe/ AP

Bei dem anschließenden Feuergefecht zwischen Sicherheitskräften und Geiselnehmern kamen alle drei Angreifer ums Leben, vermutlich sprengten sie sich selbst in die Luft - es waren drei Explosionen zu hören. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE stammten zwei Angreifer aus der südafghanischen Stadt Kandahar, einer aus Kabul. Außerdem wurden sechs Uno-Mitarbeiter, zwei Wachleute und ein Passant getötet. Neun Menschen wurden verletzt. Erste Berichte über einen verletzten Deutschen bestätigten sich nicht.

"Als ich nach draußen ging, sah ich vier Leichen"

Polizisten trugen Menschen auf dem Rücken aus der Gefahrenzone, Fernsehbilder zeigten, wie Geländewagen der Sicherheitskräfte die Opfer in ein nahegelegenes Krankenhaus fuhren. Auf den Bildern waren auch weinende Menschen zu sehen, darunter mehrere Ausländer. Bis zum Mittag stieg Rauch von dem Gebäude auf, vom Dach loderten meterhohe Flammen empor.

"Ich war in meinem Haus, als ich plötzlich ganz in der Nähe Explosionen hörte", sagte der Augenzeuge Ahmad Nazir SPIEGEL ONLINE. Ich dachte zuerst, dass Soldaten in mein Haus stürmen. Als ich nach draußen ging, sah ich vier Leichen vor dem benachbarten Gästehaus. Zwei Männer in Polizeiuniform flohen vom Tatort", sagte er und bestätigte damit die Angaben der Polizei, es habe fünf Täter gegeben. Mohammad Jan, ein weiterer Augenzeuge, berichtete von weinenden Frauen und Kindern. "Oh mein Gott", riefen mehrere Ausländer. Manchen gelang es, aus dem Gästehaus zu fliehen und afghanische Soldaten um Hilfe zu bitten.

Ein afghanischer Soldat, der in dem Gästehaus gegen die Terroristen kämpfte, sagte SPIEGEL ONLINE, er habe in dem Gebäude sechs tote Ausländer gesehen, darunter eine Frau. "Ich glaube, einige von ihnen waren Nepalesen", sagte er.

Am Vormittag, das Gefecht im Uno-Gästehaus war noch in vollem Gange, feuerten Extremisten dann auch noch zwei Raketen ab. Beide schlugen im Garten des Hotels "Serena" ein, dem schwer geschützten, einzigen Fünf-Sterne-Hotel der Stadt. Das teilte die afghanische Polizei mit und widersprach damit Angaben eines Taliban-Sprechers, wonach eine Rakete das Gebäude getroffen habe. Nach Angaben von Augenzeugen wurden die mehr als hundert Hotelgäste in einen Bunker in Sicherheit gebracht, niemand wurde verletzt. Unklar war, ob die Taliban gezielt auf das "Serena" geschossen hatten oder ob die Raketen eher zufällig in der Nähe des Hotels landeten, wie westliche Diplomaten vermuteten.

"Wir werden unsere Angriffe fortsetzen und verschärfen"

Fest steht jedenfalls: Die Taliban haben Kabul am Mittwoch gezielt angegriffen. Zehn Tage vor der geplanten Stichwahl zum Präsidentenamt zwischen Amtsinhaber Hamid Karzai und Herausforderer Abdullah Abdullah versuchen die Extremisten, die Abstimmung durch Gewalt zu sabotieren. Ein Sprecher der Taliban bekannte sich zu beiden Taten. Sie seien als Angriff auf die geplante Wahl zu verstehen, betonte er. "Wir werden unsere Angriffe fortsetzen und verschärfen", hieß es in einer Mitteilung der Taliban. Es sei der "Auftakt einer Kampagne gegen die Stichwahl".

Mit Angriffen in dieser Form haben westliche Beobachter lange gerechnet. Sie zeigen, dass die Taliban in Kabul immer noch gut vernetzt sind und genau wissen, wann und wo sie Ausländer treffen können. Präsident Karzai ordnete an, die Sicherheitsvorkehrungen für internationale Organisationen in Kabul zu verschärfen.

Auch in der pakistanischen Stadt Peschawar gab es am Mittwoch einen verheerenden Anschlag: Mehrere Menschen wurden getötet, das Attentat ereignete sich kurz nach Ankunft von US-Außenministerin Clinton in der Hauptstadt Islamabad.

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