Anschlag in London Minimaler Aufwand, maximaler Terror

Nizza, Berlin, jetzt London: Das Attentat von Westminster reiht sich ein in die Kette von Terrorangriffen mit Fahrzeugen. Solche Anschläge mit einfachen Mitteln sind auch ein Zeichen der militärischen Schwächung des IS.

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Ein Mann, ein Auto, ein Messer: Mehr brauchte es nicht, um am Mittwochnachmittag drei Menschen zu töten und das Parlamentsviertel in London in Angst und Schrecken zu versetzen. Die britische Polizei hat den erschossenen Attentäter identifiziert, hält seinen Namen aber aus ermittlungstaktischen Gründen zurück.

Der Täter sei in Großbritannien geboren und vor einigen Jahren wegen "gewalttätigen Extremismus" ins Visier des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 geraten, sagte Premierministerin Theresa May im Unterhaus. Zum Zeitpunkt des Attentats habe es jedoch keine aktuellen Verdachtsmomente gegen den Mann gegeben. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) beansprucht den Anschlag für sich, liefert in ihrer knappen Mitteilung aber auch keinerlei Informationen über den Attentäter.

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Angriff beim Parlament: Großeinsatz im Zentrum von London

Die Vorgehensweise und das Fahrzeug als Tatwaffe passen zu Anschlägen im vergangenen Jahr, die der IS für sich reklamiert hat - etwa das Attentat von Nizza am 14. Juli 2016 mit 86 Toten oder der Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin am 19. Dezember 2016 mit zwölf Toten.

Der damalige Chefsprecher des IS, Mohammed al-Adnani, hatte Sympathisanten in Europa schon im September 2014 zu Anschlägen mit leicht zu beschaffenen Waffen aufgerufen. "Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, werft ihn von einem hohen Platz nach unten, erstickt oder vergiftet ihn", forderte Adnani. Ausdrücklich nannte er Polizisten und Soldaten als bevorzugte Angriffsziele.

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"Low Profile"-Anschläge als Zeichen der Schwäche des IS

In einer Audiobotschaft vom März 2015 erwähnte Adnani auch ausdrücklich Big Ben, also den Glockenturm des britischen Parlaments, als Terrorziel - allerdings war damals von einer Explosion die Rede. Zu Füßen des Turms stach der Terrorist von London am Mittwoch den Polizisten Keith Palmer nieder und verletzte ihn tödlich.

Die deutschen Sicherheitsbehörden halten sich mit Stellungnahmen bislang zurück. Man wisse noch zu wenig über die Ereignisse, heißt es. Gleichwohl gibt es Stimmen, die eine Häufung sogenannter "Low Profile"-Anschläge - also von Attacken mit einfachsten Mitteln - auf die militärische Schwächung des IS zurückführen. "Womöglich ist der IS derzeit nicht in der Lage, Kommandoaktionen wie in Brüssel und Paris erfolgreich umzusetzen", sagt ein hochrangiger Beamter. Vor allem, was Ausrüstung und Kommunikation angehe, sei die Terrormiliz im Westen momentan nicht mehr so handlungsfähig wie zuvor, hieß es.

So kam etwa die mutmaßliche IS-Terrorzelle von Düsseldorf, deren Mitglieder als Flüchtlinge eingereist waren und nach Erkenntnissen der Ermittler komplexe Anschlagsszenarien beabsichtigten, letztlich nicht über die Planungsphase hinaus. Ähnlich verhielt es sich mit den mutmaßlichen IS-Schläfern in Schleswig-Holstein, denen die Sonderkommission "Galaxy" des Bundeskriminalamts auf die Schliche kam.

Anschlagsort mit hoher Symbolkraft

In einer aktuellen Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden zu islamistischen Terroranschlägen heißt es daher, in den vergangenen Jahren hätten zumeist Einzeltäter oder Kleinstgruppen zugeschlagen. Dabei habe "die Nutzung von einfach zu beschaffenden, zu lagernden und einzusetzenden Tatmitteln" erheblich an Bedeutung gewonnen. "Dies gilt insbesondere für Täter innerhalb der Europäischen Union, die nicht auf die logistischen Ressourcen terroristischer Gruppierungen zurückgreifen können."

In dieses Muster passt auch der bis gestern letzte tödliche islamistische Anschlag in Großbritannien: Im Mai 2013 überfuhren zwei islamistische Terroristen den Soldaten Lee Rigby vorsätzlich und töteten ihn anschließend mit Beil und Messer. Der Angriff ereignete sich in einem Viertel am südwestlichen Stadtrand von London.

Hingegen scheint der Täter vom Mittwoch ähnlich wie Anis Amri im Dezember in Berlin einen Ort von hoher Symbolkraft gesucht zu haben: Die Herzen europäischer Metropolen sind pulsierende Zentren der in den Augen der Terroristen verhassten westlichen Lebensweise, Städte von erheblicher historischer und politischer Bedeutung. Das deutet auf ein höheres Maß an Planung und Vorbereitung hin.

Häufig nämlich schlagen Einzeltäter oder Kleinstgruppen in ihrem persönlichen Nahbereich zu, wie die Attacken des vergangenen Jahres in Essen, Hannover, Nizza, Würzburg und Ansbach gezeigt haben. Hingegen führen die Spuren im Londoner Terrorfall ins rund 200 Kilometer entfernte Birmingham. Dort wurde offenbar das Tatfahrzeug angemietet, dort nahm die Polizei in der Nacht mehrere Personen vorläufig fest.

Der letzte koordinierte IS-Anschlag liegt ein Jahr zurück

Für die Sicherheitsbehörden sind solche Anschläge einzelner Täter, begangen mit Alltagsgegenständen, kaum zu verhindern. Es fehlten bei ihnen jegliche "erfolgversprechenden Ermittlungs- und Präventionsansätze", heißt es in einer Analyse der Behörden: Die Täter reisten nicht, weil sie im Zielland lebten. Sie nutzten Waffen, die leicht und unauffällig zu beschaffen seien. Sie handelten kurzfristig oder spontan. Und vielleicht beziehen sie vor ihrer Tat noch nicht einmal jemanden in die Planung ein, sondern legen erst kurz vor dem Anschlag einen Treueeid auf den IS ab, den die Terrormiliz nach dem Attentat dann im Internet verbreitet.

Der bislang letzte koordinierte IS-Anschlag mit dem Einsatz von Sprengstoff und mehreren Selbstmordattentätern in Europa geschah am 22. März 2016 in Brüssel. Auf den Tag genau ein Jahr vor dem Terrorangriff von London.

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