Mutmaßlicher Attentäter von Manchester Hass im Gesicht

Immer neue Details werden über Salman Abedi bekannt, den mutmaßlichen Attentäter von Manchester. So liegt der Verdacht nahe, dass er sich erst kürzlich radikalisierte - ein Imam berichtet von einer denkwürdigen Begegnung.

Die Didsbury Moschee
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Die Didsbury Moschee

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Es war eine Kreditkarte, die Salman Ramadan Abedi, den mutmaßlichen Attentäter von Manchester, identifizierte. Die Ermittler fanden sie in seiner Hosentasche in der Manchester Arena - an jenem Ort, an dem der Angreifer seine selbst gebaute Bombe gezündet hatte: 22 Menschen riss er mit in den Tod, darunter viele Kinder und Jugendliche.

An Tag zwei nach dem Angriff konzentrieren sich die britischen Sicherheitsbehörden vor allem auf eine Frage: Hatte der mutmaßliche Mörder Unterstützer, steckt ein Netzwerk dahinter?

Davon gehen die Ermittler inzwischen aus. Die Ausführung des Anschlags sei "anspruchsvoller gewesen als einige der Anschläge, die wir davor erlebt haben", sagte die britische Innenministerin Amber Rudd. Die Behörden nahmen mehrere Verdächtige fest.

Britische und amerikanische Medien legen derweil immer weitere Details zu dem Attentäter und seiner möglichen Radikalisierung offen. Diese zeichnen das Bild eines Mannes, der lange als unauffällig galt - und dann plötzlich mehr als 20 Menschen tötete.

Eine rote Backsteinsiedlung im Süden Manchesters. Hier, in der Elsmore Road, befindet sich das Haus, in dem Salman Abedi zuletzt gelebt haben soll: Stunden nach dem Anschlag rückten nach Medienberichten mehr als 30 Polizisten in Kampfanzügen dort an, sprengten die Tür auf - es folgte ein weiterer Einsatz in der Wohnung des 23-jährigen Bruders Ismail. Britische Medien hatten kurz danach dessen Verhaftung gemeldet. Die Behörden bestätigten dies bisher nicht.

Salman Abedi soll neben diesem Bruder noch zwei weitere Geschwister haben: einen jüngeren Bruder namens Hashem, der am Mittwochabend offenbar wegen Verbindungen zur Terrormiliz "Islamischen Staat" (IS) in Libyen verhaftet wurde - und eine Schwester. Er selbst ist das zweitjüngste Kind der Familie, geboren an Silvester 1994 in Manchester.

Salman Abedi
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Salman Abedi

Die Eltern waren nach britischen Medienberichten vor dem Gaddafi-Regime aus der libyschen Hauptstadt Tripolis nach England geflohen, ein genauer Zeitpunkt dafür ist nicht überliefert. Der Vater, ein Sicherheitsbeamter, und die Mutter zogen zunächst nach London. Später lebten sie im Süden Manchesters, wohl auch in der Adresse an der Elsmore Road, die von der Polizei durchsucht wurde.

Nach dem Tod von Machthaber Gaddafi kehrten die Eltern mit zwei Kindern in ihr Heimatland zurück. Nur der mutmaßliche Attentäter und sein Bruder Ismail blieben nach einem Bericht der Zeitung "The Telegraph" in England.

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Manchester: Trauer nach dem Anschlag

Schulfreunde beschreiben ihn als ruhigen, freundlichen Mann. Er sei ein guter Fußballer gewesen, habe den Verein Manchester United unterstützt und gelegentlich Marihuana geraucht. Im September schrieb er sich nach Informationen des Senders NBC-News an der Universität von Salford für den Studiengang "Business Management" ein, im September meldete er sich erneut dafür an, besuchte aber keine Kurse.

Doch wie kam es zur Radikalisierung des jungen Mannes, der von vielen als so unauffällig und freundlich beschrieben wird?

Eine Rolle könnte die Moschee spielen, die der mutmaßliche Attentäter mehrfach besuchte. Laut übereinstimmenden Medienberichten engagierte sich die als gläubig beschriebene Familie in der muslimischen Gemeinde. Der Vater war bis zu seiner Rückkehr nach Libyen Muezzin in der örtlichen Didsbury Moschee, der Bruder Tutor an der Koranschule. Auch Salman Abedi selbst besuchte mehrfach die einstige Kirche, die heute als Moschee genutzt wird.

Der Imam erinnert sich an Salman Abedi - und seine Beschreibung deckt sich so gar nicht mit dem Bild des ruhigen, freundlichen Mitbürgers: "Salman zeigte mir einen Gesichtsausdruck des Hasses, nachdem ich über den sogenannten Islamischen Staat gesprochen habe", sagte der Imam dem "Telegraph". Der Imam habe 2015 in einem Vortrag vor den Gefahren der Terrororganisation gewarnt. "Ich kann Ihnen anhand dieses Gesichtsausdrucks sagen: Er mochte mich nicht." Der spätere Anschlag sei für ihn deshalb keine Überraschung gewesen.

Moschee im Fokus

Die Moschee stand vor sechs Jahren selbst in dem Verdacht, Geld für eine dschihadistische Terrororganisation zu sammeln: die Libysche Islamische Kampfgruppe (Libyan Islamic Fighting Group ), die das Gaddafi-Regime bekämpfte, aber auch Beziehungen zum Terrornetzwerk al-Qaida unterhalten soll. Beweise gab es allerdings dafür nicht, die Moschee dementierte.

BBC-Journalisten wollen nach jüngsten Meldungen aber über Hinweise verfügen, dass der Vater des Attentäters selbst in Kontakt zu dieser libyschen Kampfgruppe stand.

Ist die Moschee also doch maßgeblich bei der Aufklärung des Falls? Eine Bestätigung darüber steht noch aus. Genau wie bei der Frage, ob die Terrororganisation "Islamischer Staat" hinter der Tat steckt, wie sie selbst behauptet.

Sicher sind sich die Geheimdienste bisher nur, dass Salman Abedi nach Libyen reiste - wahrscheinlich auch ins Bürgerkriegsgebiet Syrien. In beiden Ländern ist der IS aktiv.

Inzwischen äußerte sich auch der Vater des mutmaßlichen Attentäters. Ramadan Abedi weist eine Beteiligung seines Sohnes an dem Anschlag zurück: "Wir glauben nicht daran, Unschuldige zu töten. So sind wir nicht." Auch er wurde nun in Libyens Hauptstadt Tripolis festgenommen - um ihn zu verhören, wie es aus Sicherheitskreisen hieß.

Mitarbeit: Dominik Peters



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