Anschläge in den USA Terrorangst im Wahlkampf

Erst Schüsse, dann der Zugriff: Nach den Bombenexplosionen in New Jersey und New York hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen. Im Wahlkampf heißt es nun: Wer schützt die USA besser, wer greift härter durch - Clinton oder Trump?

Von und , New York und Washington


Der Mann liegt auf einer Trage, festgeschnallt, er hat eine Wunde am rechten Arm, sein T-Shirt ist blutig und zerfetzt. Er ist bei Bewusstsein, neigt den Kopf zur Seite. Dann schieben Sanitäter die Trage in den Krankenwagen, die Türen schließen sich.

Diese Bilder von einem Verdächtigen, der nach einem Schusswechsel mit der Polizei in der Stadt Linden in New Jersey dingfest gemacht wurde, laufen in Dauerschleife im US-Fernsehen.

Der Tenor der Berichterstattung ist eindeutig: Mit großer Effizienz haben die US-Sicherheitsbehörden auf die Bombenexplosionen reagiert, die offenbar möglichst viele Menschen töten sollten. Anderthalb Tage, nachdem zunächst ein Sportfest in New Jersey und dann ein Ausgehviertel in New York von den Detonationen erschüttert wurden, ist der Verdächtige Ahmad Khan Rahami in Polizeigewahrsam.

Nach bislang ungesicherten Informationen sollen Fingerabdrücke auf dem Bombenmaterial zu dem Mann geführt haben: Rahami ist 28 Jahre alt, seine aus Afghanistan stammende Familie betreibt in der Stadt Elizabeth in der Nähe von Linden offenbar ein Schnellrestaurant.

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Clinton vs. Trump: Wie der Terror den Wahlkampf prägt

Die Hintergründe der Anschläge, bei denen 29 Menschen verletzt wurden, sind noch unklar. In New Jersey hatte es am Montag weitere Bombenfunde gegeben.

Bislang ist noch nichts bekannt über eine etwaige politische Motivation. Und handelt es sich um einen Einzeltäter oder existiert eine Zelle, die gemeinsam plante und agierte? New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio sagte, es sei von einem "Terrorakt" auszugehen, schwieg sich über konkrete Anhaltspunkte aber aus.

Es dauerte jedoch nicht lang, bis die Anschläge den US-Wahlkampf erreicht hatten. Beide Kandidaten, Hillary Clinton und Donald Trump, äußerten sich zum Geschehen: "Ich wusste, dass sowas passieren würde", sagte der republikanische Kandidat Trump am Montagmorgen dem Nachrichtensender Fox. Die USA ließen "Tausende dieser Leute" ins Land. Er verurteilte den Kurs der Regierung Obama gegen Extremisten im In- und Ausland als zu weich.

Die Demokratin Clinton betonte, es sei erst an der Zeit, sich ausführlicher zu äußern, wenn die Hintergründe der Tat klar seien. Nur so viel: Sie wisse, wie man Terroristen besiege, sie sei schließlich bei der Krisensitzung im Weißen Haus dabei gewesen, als der Zugriff auf Osama bin Laden erfolgte.

Das Rennen zwischen Clinton und Trump ist unerbittlich: Jeder Vorfall, jede Krise wird zum Charaktertest. Wer zeigt Schwäche, wer zeigt Stärke? Wer hat das Format, ist die geeignete Persönlichkeit, um die USA in unsicheren Zeiten erfolgreich zu führen?

Die Erfahrungen der jüngsten Anschläge und nationalen Tragödien wie jenen in San Bernardino und Orlando zeigen, dass Trump nicht zwangsläufig von der Diskussion profitiert.

Natürlich kann sich der Milliardär einer von der Terrorgefahr aufgeschreckten amerikanischen Gesellschaft erneut als starker Mann präsentieren. Außerdem hofft er, die Angst der Amerikaner zusätzlich schüren zu können, indem er das Thema Terrorismus mit der Einwanderungspolitik verknüpft. Eine Mehrheit der Wähler, das zeigen Umfragen, ist unzufrieden mit dem Stand der nationalen Sicherheit. Trump hat vor, das zu seinen Gunsten zu nutzen.

Drei Faktoren sind aber zu beachten:

Erstens ist Terrorismus ein Thema, bei dem sich auch Clinton profilieren kann. Sie kann auf ihre Erfahrung verweisen und ihre Rolle bei der Operation gegen Osama bin Laden 2011.

Zweitens lenkt die Diskussion von mehreren für Clinton weitaus unvorteilhafteren Debatten ab - darunter die E-Mail-Affäre, ihr Schwächeanfall und Fehlentscheidungen in ihrer Außenpolitik. Clinton wird viel vorgeworfen im Wahlkampf, sicherheitspolitische Schwäche gehört jedoch eher nicht dazu.

Drittens hat Donald Trump bislang nie entscheidend von der terroristischen Gefahr profitiert. Das dürfte an eklatanten Fehlern liegen, die er in dieser Hinsicht zuletzt machte, so zum Beispiel seine Reaktion nach der Massenschießerei in Orlando, als er soziale Netzwerke und Fernsehstationen mit Deutungen und Interviews geradezu überflutete. Nur Minuten nach der Tragödie unternahm er damals den Versuch, den Fall politisch auszuschlachten.

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Anschlag in Manhattan: Explosion in Chelsea

In Umfragen stürzte er damals regelrecht ab. Angesichts dieser Erfahrung ist es vergleichsweise überraschend, dass Trump sich nun abermals so vehement und hektisch in die Diskussion einschaltet.

Am Montagabend hatte Trump einen Wahlkampfauftritt in Florida, einem der besonders umkämpften Swing States. Der festgenommene Tatverdächtige Rahimi sei ein "übler Halunke" - doch statt in solchen Fällen hart durchzugreifen, werde in den USA dafür gesorgt, dass er in einem Krankenhaus "von den besten Ärzten der Welt" behandelt werde, wahrscheinlich habe er noch Zimmerservice. Dann bekomme er einen großartigen Anwalt gestellt, und bestraft werde er am Ende "auch nicht so wie früher". Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, sollen einige Zuhörer im Publikum "Hängt ihn auf" gerufen haben.



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johannesbueckler 19.09.2016
1. Natürlich nicht PC
Aber Israel ist relativ erfolgreich mit "Screenings".....Die Reise nach Afghanistan haette vielleicht einen Eintrag in die "Watch List" gerechtfertigt....Aber zwischen Freiheit und Sicherheit bin ich auch wankelmütig....
Atheist_Crusader 19.09.2016
2.
"Im US-Wahlkampf heißt es nun: Wer schützt die USA besser, wer greift härter durch - Clinton oder Trump?" Na, die zweite Frage ist einfach: Wer greift wohl härter durch? Trump. Es hat schon was für sich, wenn man nicht nur Anstand und Gesetze, sondern auch grundlegende Erkenntnisse über funktionierende Praktiken ignorieren kann. Aber wer schützt die USA besser? Uhm... Clinton schützt die USA wahrscheinlich weniger schlecht, weil sie nicht gleich ein Dorf atomar auslöschen würde um einen Falschparker auszuschalten. Wirklichen Schutz sehe ich da aber nicht. Zum einen weil wirksamer Schutz ab einem gewissen Punkt beginnt sich mit der Freiheit zu beißen, zum Anderen weil immer noch Niemand wirklich die echten Probleme hinter dem islamischen Terrorismus benennt (lies: eine Kultur, die Terrorismus zwar in der Mehrheit nicht unterstützt, aber verharmlost, glorifizert oder ignoriert und damit das Wachsen radikaler Gruppen, Bewegungen und Politiken begünstigt).
Maruk0815 19.09.2016
3. Trump wird das Rennen machen
Trump wird das konsequent für seinen Wahlkampf ausnutzen und die Amerikaner werden ihn erhöhren. Der IS wird seinen Anteil dazu leisten denn nur Trump garantiert Ihnen das was sie wollen: Christen gegen Muslime, einen Kampf der Religionen.
großwolke 19.09.2016
4.
Trumps Strategie geht auf ganzer Linie auf. Er hat sich bei einigen Themen, unter anderem Terror und Clintons Gesundheit, schon relativ früh hingestellt und gewarnt, kann sich daher jetzt wieder hinstellen und auf seine eigene Weisheit und Voraussicht verweisen. Im Falle des islamistischen Terrors hat er das sogar so geschickt gemacht, dass das Hochnehmen eines potentiellen Attentäters vor der Tat bedeutet, dass er psychologisch gewinnt. Man sollte sich von der einseitigen Berichterstattung über Trump im deutschen Blätterwald nicht täuschen lassen: wir sehen da ein Genie bei der Arbeit. Die eigentlich interessante Frage ist, was der Mann mit der Macht anstellen wird, so er sie denn bekommt (was aktuell ganz gut aussieht). Ob er das selber schon weiß?
Le Commissaire 19.09.2016
5.
Zitat: "(Clinton) kann auf ihre Erfahrung verweisen und ihre Rolle bei der Operation gegen Osama bin Laden 2011." Welche Rolle wäre das denn? Wäre mir neu, dass sie damals eine besondere Rolle gespielt hat.
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