Anschlag in Nordirland Sprengsatz aus der Vergangenheit

Traurige Premiere in Nordirland: Sinn Fein, der politische Arm der aufgelösten Terrortruppe IRA, ruft das Volk auf, der Polizei bei der Suche nach den Killern von Massareene zu helfen. Es ist ein wichtiges Signal an das schockierte Land - jetzt bloß nicht vom Friedenskurs abkommen.

Von Ralf Sotscheck, Dublin


"Was die Menschen in Nordirland gemeinsam aufbauen, sollte niemand, kein Mörder, kein Terrorist zerstören dürfen", sagte der britische Premierminister Gordon Brown an diesem Montagmorgen vor der Massereene-Kaserne in der nordirischen Grafschaft Antrim. Am Samstagabend sind dort zwei Soldaten erschossen und vier weitere Menschen schwer verletzt worden. Die Attentäter müssten so schnell wie möglich festgenommen und vor Gericht gestellt werden, forderte Brown. Die überwältigende Mehrheit der nordirischen Bevölkerung wolle den Frieden, der Friedensprozess sei durch diesen Anschlag nicht gefährdet.

Der britische Regierungschef Brown im Gespräch mit Nordirlands Premier Robinson und dessen Vize McGuinness: "Der Krieg ist vorbei"
REUTERS

Der britische Regierungschef Brown im Gespräch mit Nordirlands Premier Robinson und dessen Vize McGuinness: "Der Krieg ist vorbei"

Nach der Sonntagsmesse hatten sich Katholiken und Protestanten, Republikaner und Unionisten vor der Kaserne versammelt und Blumen am Tatort niedergelegt. Es war ein Zeichen für die veränderten Zeiten in Nordirland: Früher trauerten beide Seiten getrennt um ihre Toten.

3700 Menschen sind im Verlauf des Konflikts ums Leben gekommen. Diese Zeiten, so glaubte man, seien vorbei. Der Mord an den beiden Pionieren Mark Quinsey, 23, und Cengiz Azimkar, 21, hat Befürchtungen ausgelöst, dass die langwierigen Bemühungen um Frieden zunichtegemacht werden könnten.

Nach einem Vierteljahrhundert des Konflikts hatten Anfang der neunziger Jahre vorsichtige Verhandlungen begonnen. Sie mündeten 1998 ins Belfaster Karfreitagsabkommen, das die gemeinsame Regierung von Protestanten und Katholiken vorsah. Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) schuf die Voraussetzungen dafür: Sie musterte ihre Waffen aus, löste die Kommandostrukturen auf und erkannte die fast ausschließlich protestantische Polizei an.

Manchen IRA-Aktivisten gingen die Zugeständnisse zu weit. Sie gründeten Splitterorganisationen wie die Real IRA, die Continuity IRA und Oglaigh na hÉireann, der irische Name für die IRA. Eine dieser Organisationen, die Real IRA, hat sich zum Attentat vom Samstag bekannt.

Sie rechtfertigte den Anschlag damit, dass die britischen Soldaten Irland noch immer besetzt halten. Die beiden Pizzalieferanten, die bei dem Anschlag schwer verletzt wurden, seien ebenfalls legitime Angriffsziele gewesen: Sie haben mit der Armee kollaboriert, indem sie ihnen Essen brachten, hieß es in dem Bekenneranruf. Das erinnert an die siebziger und achtziger Jahre, als kein Handwerker, der den Soldaten die Toilette reparierte, und kein Geschäftsmann, der ihnen einen Kühlschrank lieferte, seines Lebens sicher war.

An diesem Montagnachmittag beriet Brown mit dem nordirischen Polizeichef Hugh Orde und Vertretern der Regionalregierung darüber, wie man mit der neuerlichen Bedrohung durch die Splittergruppen umgehen soll. Wie stark sie sind, kann nur vermutet werden. 200 bis 300 Mann sollen es sein, glauben die Geheimdienste. Über die Strukturen oder das Waffenarsenal gibt der Anschlag vom Samstag keinen Aufschluss. Er stellte keine großen logistischen oder nachrichtendienstlichen Anforderungen.

Dass die Massereene-Kaserne, in der ein Technikregiment stationiert ist, jeden Samstag bis zu zwanzig Pizzalieferungen entgegennimmt, ist ebenso wenig ein Geheimnis wie die Tatsache, dass die Soldaten ihre Mahlzeit unbewaffnet am Lieferwagen abholen. Natürlich schaut nun alles auf Sinn Fein ("Wir selbst"), den politischen Flügel der ausgemusterten IRA. Parteipräsident Gerry Adams bestreitet zwar, jemals in der IRA gewesen zu sein, aber sein Vize Martin McGuinness, stellvertretender Premierminister in der Mehrparteienregierung, gibt es offen zu: "Ich war Mitglied der IRA, aber der Krieg ist vorbei."

"Viele Menschen haben unter der britischen Armee gelitten"

Britische Zeitungen monierten, dass die Sinn-Fein-Reaktion auf den Anschlag erst 14 Stunden später kam und nicht scharf genug formuliert gewesen sei. Adams sagte in einem Radiointerview, dass diejenigen, die solche Vorwürfe erheben, keine Ahnung von der nordirischen Geschichte haben. "Die britische Armee ist bei Republikanern, bei Patrioten, bei Demokraten unerwünscht in Nordirland. Ich betone nochmals, dass das die Tat nicht rechtfertigt. Aber viele Menschen haben unter der britischen Armee gelitten."

Sinn Fein könne es als Erfolg verbuchen, dass die Mehrheit der Katholiken und Republikaner beim Friedensprozess mitgezogen habe. Deshalb wisse er am besten, wie er zu diesen Menschen zu sprechen habe. "Die Presse-Erklärung von Sinn Fein war absolut beispiellos", fügte er hinzu.

Das war sie tatsächlich: Die Bevölkerung müsse jegliche Informationen an die Polizei weitergeben, damit die Killer gefasst werden, forderten verschiedene Sinn-Fein-Vertreter. Ein Aufruf zur Zusammenarbeit mit der Polizei gehörte noch vor zehn Jahren nicht zu ihrem Repertoire. Die Partei ist im Mainstream angekommen. Ihre Führungsriege ist vor den Dissidenten der Real IRA ebenso wenig sicher wie die Politiker anderer Parteien.

Gefahr so groß wie seit sieben Jahren nicht mehr

Die Real IRA hatte sich 1997 von der IRA unter Führung des damaligen Quartiermeisters Michael McKevitt abgespalten. Ein Jahr später zündete sie in der Hauptstraße der Kleinstadt Omagh eine Autobombe, 29 Passanten wurden getötet. Es war der schwerste Anschlag in der Geschichte des 30-jährigen Konflikts. Aufgrund der öffentlichen Empörung über das Massaker stellte die Real IRA ihre Kampagne vorübergehend ein.

Doch in den vergangenen Monaten sind fünf Polizisten bei verschiedenen Attacken verletzt worden, und vor kurzem hat die Polizei eine 140 Kilogramm schwere Bombe sichergestellt, die für einen Anschlag auf ein Polizeirevier vorgesehen war. Orde hatte erst am Freitag beim Geheimdienst der britischen Armee um Hilfe bei der Überwachung potentieller Terroristen gebeten. Die Gefahr eines Anschlags sei so groß wie seit sieben Jahren nicht mehr, sagte er. Adams hatte Orde dafür kritisiert: "In einer zivilen und rechenschaftspflichtigen Polizeistruktur haben britische Sonderkommandos nichts zu suchen."

Die britische Armee hatte 2007 nach 38 Jahren ihren Einsatz in Nordirland beendet. Zurück blieben lediglich 5000 Soldaten - "die übliche Garnisonsstärke in Friedenszeiten", sagte ein Armeesprecher. Im Jahr 1972, zum Höhepunkt des Konflikts, waren 27.000 Mann in mehr als hundert Kasernen stationiert.

Britische Soldaten werde es auf Nordirlands Straßen nicht mehr geben, versprach Orde. Und Frankie Gallagher, der enge Verbindungen zur protestantischen Ulster Defence Association hat, die noch immer über ein beträchtliches Waffenarsenal verfügt, sagte, es herrsche zwar "beträchtliche Wut bei den Unionisten über den Anschlag, aber es darf keine Vergeltungsschläge geben". So waren die Morde vom Samstag wohl nur ein "blast from the past" - ein Blick in die Vergangenheit.

Ein "blast" kann in der wörtlichen Übersetzung allerdings auch eine Explosion sein.



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