Anschlag in Ruanda Warnsignale an den Präsidenten

Mitten hinein in die Siegesfeiern für den wiedergewählten Präsidenten Ruandas explodierten in der Hauptstadt Kigali Bomben. Es ist bereits der dritte Anschlag in diesem Jahr. Die Hintermänner sind bisher unbekannt. Hat es sich Wahlsieger Paul Kagame mit Teilen seiner Armee verscherzt?

Ruandas Präsident Kagame (Archivbild): Bomben für den Wahlsieger
AFP

Ruandas Präsident Kagame (Archivbild): Bomben für den Wahlsieger

Von , Nairobi


Die Hauptstadt Kigali befand sich noch in Euphorie ob des rauschenden Wahlerfolgs von Paul Kagame, als es am Mittwochabend gegen 18 Uhr am Busbahnhof plötzlich knallte. Körperteile lagen auf der Straße, Menschen wälzten sich in ihrem Blut. Ob es eine oder mehrere Bomben waren, die detonierten, blieb auch Stunden später noch unklar.

Ein Mensch kam nach Angaben der ruandischen Nachrichtenagentur RNA ums Leben, etwa zwei Dutzend wurden verletzt, darunter mehrere Kinder. Unmittelbar nach der Explosion sperrten Polizei und Armee den Tatort großräumig ab, Zutritt gab es danach nicht mehr. Bilder oder verlässliche Nachrichten auch nicht.

Sicher ist: Am Tage seines Sieges dürfte der Anschlag ein gehöriger Dämpfer für den sicherheitserpichten Präsidenten gewesen sein. Und so war er wohl auch gedacht.

Es war bereits die dritte Explosion in Kigali in diesem Jahr, ohne dass bisher Täter gefasst wurden oder Motive erkennbar geworden wären. Jedes Mal waren belebte Bus- oder Taxistationen Ort des Anschlags, jedes Mal wurden Unschuldige getötet oder verletzt. Und jedes Mal blieb ein Bekennerhinweis aus.

Dass der jüngste Anschlag just am Tag des haushohen 93-Prozent-Sieges von Kagame erfolgte, lässt auf das eigentliche Ziel der Attentäter schließen: Es ist der Präsident. Und weil sie ihn selbst nicht treffen können, versuchen sie in der Stadt ein Klima der Unsicherheit zu erzeugen.

Beobachter vermuten Militärs hinter den Attacken, denn kaum sonst jemand im streng kontrollierten Ruanda hat Zugang zu explosivem Material.

Ehemalige Weggefährten setzten sich ab

Für die These, dass Teile der Armee hinter den Anschlägen stecken könnten, spricht auch, dass Kagame es sich mit beträchtlichen Teilen seiner Truppe gründlich verscherzt hat. 1994 marschierte sie unter seinem Kommando in Kigali ein und beendete damit den hundert Tage währenden Völkermord, der knapp eine Million Menschen das Leben kostete. Und auch in den Jahren danach war ihm die Armee stets ein sicherer Rückhalt.

Doch das Verhältnis des Präsidenten zu seinen Generälen ist seit einiger Zeit erkennbar belastet.

Am 28. Februar setzte sich sein ehemaliger Kampfgefährte Faustin Kayumba Nyamwasa nach Südafrika ab. Zuletzt war er Botschafter in Indien. Frankreich verdächtigt Nyamwasa, im April 1994 die Maschine des damaligen Präsidenten Habyarimana abgeschossen zu haben. Mit Nyamwasa entschwand der frühere Sicherheitschef für das Ausland, Patrick Karegeya, ans Kap.

Die Regierung brachte den entwischten Nyamwasa sogleich mit dem ersten Anschlag in Kigali in Verbindung, bei dem wenige Tage zuvor 30 Menschen verletzt und einer getötet wurde.

Im April ordnete Kagame die Spitze seiner Armee neu - und ließ kurz danach zwei populäre Generäle, den früheren Geheimdienstchef und den ehemaligen Luftwaffenchef, verhaften. Der Vorwurf: Bestechlichkeit und Missbrauch des Amtes. "Die Männer waren korrupt, auch in Europa würde man solche Leute ihrer Ämter entheben", rechtfertigte Kagame kurz danach im Interview die Aktion.

Der Präsident muss vorsichtig sein

Der Unterschied ist, dass der Vorwurf der Korruption in Ruanda und auch sonst in Afrika ein beliebtes Mittel ist, potentielle Konkurrenten zu diskreditieren oder aus dem Weg zu räumen.

Anfang Juli schließlich wurde der Chef des nationalen Fußballverbandes, Jean Bosco Kazura, verhaftet, als er zur WM nach Südafrika reisen wollte. Auch er war ein alter Kampfgefährte Kagames, und weil er immer noch im Rang eines Oberst amtierte, hätte er seinen Ausflug zuvor genehmigen lassen müssen. So die offizielle Version.

Keine Frage: Es brodelt in der ruandischen Armee. Das zwingt den Präsidenten, noch genauer zu beobachten, wer für ihn ist und wer gegen ihn.

Das Volk aber scheint von den Anschlägen wenig beeindruckt. Die Bewohner Kigalis fanden am Donnerstag schnell wieder in ihren Rhythmus. Die Explosionsstelle blieb abgesperrt, doch drumherum brummten Verkehr und Geschäftsleben, als ob nichts gewesen wäre.



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