Stimmung in Barcelona nach dem Anschlag "Ich hatte unglaubliche Angst"

Einen Tag nach dem schweren Anschlag treibt es die Spanier wieder auf ihre Prachtstraße. Die Touristen aber bleiben weg - genau der Plan der Terroristen.

Jordi Pizarro

Aus Barcelona berichten und Jordi Pizarro (Fotos)


Mühsam presst Meri Badia die Worte über ihre Lippen: "Wir haben keine Angst", sagt sie. Tränen rinnen über ihr Gesicht. Ihr Freund Ernest Drift versucht die 20-Jährige zu trösten. Direkt vor ihnen legen Fremde rote Rosen nieder, zünden Kerzen an in Gedenken an die 13 Menschen, die am Donnerstag hier auf Barcelonas Flaniermeile Las Ramblas getötet worden sind.

Um 16.50 Uhr raste ein weißer Lieferwagen in die Menschenmenge. Mehr als 500 Meter wurde er im Zickzack über die Straße gelenkt, vermutlich um so viele Menschen wie möglich zu töten. In Panik sprangen die Menschen aus dem Weg, flüchteten in die Läden und harrten hinter verschlossenen Eisengittern aus. Erst am berühmten Bodenmosaik von Joan Miró stoppte der Wagen.

"Es tut so weh"

Am Freitagmittag hat die Polizei die Straße wieder freigegeben. Tausende Menschen haben sich zur Schweigeminute versammelt, anschließend ziehen sie über die Ramblas in Richtung Meer. Die Stimmung ist gedämpft. Immer wieder brandet aber auch Applaus auf - die Spanier machen sich gegenseitig Mut.

Eine ältere Frau sieht Meri Badia in den Armen ihres Freundes weinen, stellt sich zu ihnen und küsst die junge Frau auf die Wange. "Es tut so weh", sagt Meri Badia. "Hier gehe ich jeden Tag entlang. Sie haben uns nicht nur 13 Leben genommen, sondern auch die Sicherheit."

Eine Mischung aus Trotz und Trauer treibt die Menschen nicht mal einen Tag nach dem Attentat wieder auf ihre Straße. Es sind vor allem Spanier, die gekommen sind. Viele Touristen sind in ihren Hotels geblieben. Die meisten stehen immer noch unter Schock.

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Nach dem Anschlag: Barcelona trauert, Barcelona trotzt

Die Fahrt durch die Menschenmenge war ein Anschlag auf alle Spanier, alle Katalanen. Aber Barcelona und besonders Las Ramblas sind auch ein Symbol: Die katalanische Hauptstadt ist das Touristenzentrum des Landes. In diesem Jahr reisten bereits acht Millionen Menschen in die Metropole.

Die Flaniermeile Las Ramblas verbindet den alten Stadtkern und seine Geschäfte mit dem Meer. Wer in Barcelona Urlaub macht, kommt hier vorbei, schlendert Richtung Strand und genießt die Abendsonne. An den meisten Tagen sieht man auf der Prachtstraße mehr Touristen als Einheimische. Einiges spricht dafür, dass die Täter Las Ramblas gezielt ausgewählt haben, um auch Reisewilligen Angst einzujagen.

Die Ereignisse im Videoüberblick:

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Auch in Cambrils trifft der Terror Einheimische und Gäste

Zu diesem Muster scheint auch der Vorfall zu passen, der sich am Donnerstag wenige Stunden später in Cambrils ereignete. Auch hier, rund hundert Kilometer südlich von Barcelona, leben die Menschen vom Tourismus, traf der Terror die Menschen an der belebten Promenade.

Fünf mutmaßliche Terroristen hatten offenbar ein weiteres Attentat geplant, gerieten dann in der Küstenstadt aber in eine Polizeikontrolle - sie flüchteten mit ihrem Wagen und rasten in Passanten. Mindestens eine Frau starb, weitere Menschen wurden verletzt. Erst als sich ihr Audi A3 überschlug und die Männer zu Fuß flüchten wollten, konnte die Polizei sie stoppen.

Überblick in Karten - was wo passiert ist

Wie in Barcelona brach auch in Cambrils laut spanischen Medienberichten Panik aus. Hunderte Touristen und Einheimische flüchteten in Restaurants und Bars an der Promenade und bangten um ihr Leben. Laut der spanischen Zeitung "El Mundo" sprangen einige Menschen ins Wasser, weil sie zwischen den Terroristen und dem Meer festsaßen. Die kleine Stadt ist bei ausländischen Touristen beliebt, aber auch viele Spanier machen hier im August Strandurlaub.

Angriff auf die Unbeschwertheit

So unbeschwert wie sonst wird wohl so schnell niemand mehr über die Ramblas schlendern oder in die kleinen spanischen Küstenorte fahren. Viele Menschen haben inzwischen die Videos aus Barcelona gesehen, die zeigen, wie wenige Minuten nach dem Anschlag blutende Menschen auf der Flaniermeile liegen. Die Aufnahmen verbreiten sich via Twitter und WhatsApp.

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Terrorangriffe: Schüsse in Cambrils, Schock in Barcelona

Die Opfer des Anschlags stammen laut dem katalanischen Innenministerium aus mehr als 20 Ländern. Unter den Verletzten sind unter anderem 13 Deutsche.

Viele Touristen bleiben traumatisiert zurück. Familie Sandi Dagrada reiste am Donnerstag aus Mailand an, wenige Stunden später gerieten die Italiener mit einer befreundeten Familie mitten in die Massenpanik auf Las Ramblas. Hunderte Menschen seien Richtung Hafen geflohen. "Ich hatte unglaubliche Angst, wusste nicht, was vor sich ging", sagt Marina Dagrada. Der kleine Sohn ihrer Freundin sei verloren gegangen, die Tochter bei einem Sturz verletzt worden. "Es war schrecklich."

Vielen anderen dürfte es ähnlich gehen - und auch wegen solcher Erlebnisse könnte der Anschlag Spanien womöglich doppelt treffen. Der Tourismus ist die wichtigste Industrie des Landes. Vor allem durch das Geld der vielen Gäste aus dem Ausland erholt sich die spanische Wirtschaft langsam von der Wirtschaftskrise.

Länder wie Ägypten, Tunesien oder die Türkei erschienen vielen Touristen in den vergangenen Jahren zu unsicher. Zu oft hatten Terroranschläge dort Schlagzeilen gemacht. Selbst in London, Berlin und Paris hatten dschihadistische Attentäter bereits zugeschlagen.

Spaniens Versprechen: Sonne und Sicherheit. Der islamistische Bombenanschlag auf Züge in Madrid am 11. März 2004 schien lange vergessen. Dank der steigenden Touristenzahlen fanden zuletzt mehr und mehr spanische Arbeitslose wieder einen Job - wenn auch meist nur während der Sommermonate. Jetzt also auch in Barcelona.

Familie Sandi Dagrada will sich davon nicht beeindrucken lassen. "Wir fühlen uns sicher", sagt Rohit Dagrada und nickt seiner Frau aufmunternd zu. "Auch wir lassen uns keine Angst einjagen." Sie wollen trotzdem bleiben - erst mal.

Video: Augenzeugen schildern Terroranschlag

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