Interview zum Anschlag in Sri Lanka "Dummheit ist kein Hinderungsgrund, dass Menschen etwas tun"

Die Regierung in Sri Lanka vermutet Islamisten hinter den Attentaten. Ist gar ein internationales Terrornetzwerk involviert? Islamwissenschaftler Torsten Tschacher hält das für unwahrscheinlich - andere Einflüsse seien stärker.

Betende Menschen in Colombo (Sri Lanka)
Mohd RASFAN / AFP

Betende Menschen in Colombo (Sri Lanka)

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Tschacher, die Regierung in Sri Lanka vermutet die National Thowheed Jamaath hinter dem Terror vom Ostersonntag. Kannten Sie diese Organisation vorher?

Tschacher: Nicht in Bezug auf Sri Lanka. Es gibt in Indien eine Gruppierung, die ich aber immer für eine lokale südindische Erscheinung gehalten habe. Das ist eine Gruppe, die in den Neunzigerjahren entstanden ist, als immer mehr Muslime in Indien sich verfolgt sahen. Sie scheint mir dort aber auf dem absteigenden Ast. Jetzt wird in den sozialen Medien verbreitet, es handele sich in Sri Lanka um dieselbe Organisation.
Es gibt einen Zweig der Gruppe in Sri Lanka, die Sri Lanka Towheed Jamath, aber inwiefern das dieselbe Organisation ist, der jetzt die Anschläge vorgeworfen werden, kann ich nicht einschätzen. Towheeth als Begriff für puritanisches Gedankengut ist relativ häufig in der Region. Es heißt, einfach übersetzt: Monotheismus, die absolute Einheit Gottes. In der Region wird der Begriff oft verwendet, um Sufis und Menschen, die zu Schreinen gehen, vorzuwerfen, dass sie diese Einheit Gottes aufbrechen und daher zu bekämpfen sind.

Zur Person
  • privat
    Torsten Tschacher, 42, ist Juniorprofessor am Institut für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er befasst sich mit dem Islam in Südasien, seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Südindien und Sri Lanka. Tschacher übersetzt auch Literatur von Tamil ins Deutsche.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht denn aus Ihrer Sicht gegen die islamistische Theorie?

Tschacher: Geht man nach dem alten Grundsatz 'cui bono?' und fragt sich, wer der Nutznießer einer solchen Anschlagserie ist, würde ich sagen, dass es das Dümmste war, das eine islamistische Gruppe hätte tun können. Von der jetzigen Situation profitieren die radikalen Buddhisten und der frühere Präsident Mahinda Rajapaksa, der politisch wieder in den Startlöchern steht, und nicht in irgendeiner Weise die muslimische Gemeinschaft.
Man kann sich fragen: Warum werden ausgerechnet Christen in Sri Lanka angegriffen, die als Minderheit in einer sehr ähnlichen Situation sind wie Muslime? Denen, genauso wie Muslimen, vorgeworfen wird, sie seien nicht national genug? Möglicherweise steckt dahinter aber auch eine übergeordnete dschihadistische Ideologie. Und leider ist Dummheit ja kein Hinderungsgrund, dass Menschen etwas tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark versuchen denn Taliban, al-Qaida, "Islamischer Staat" und andere, in Sri Lanka Fuß zu fassen?

Tschacher: Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Organisationen wenig bis keinen Einfluss in Sri Lanka haben. Es stimmt schon, dass in den letzten 50 Jahren manche islamischen Bewegungen aus Pakistan und dem nördlichen Indien hier an Einfluss gewonnen haben. Noch viel stärker aber sind die Einflüsse aus den Golfstaaten. Gerade in den zurückliegenden Jahren war es immer wieder ein Streitpunkt zwischen Buddhisten und Muslimen, dass sri-lankische Muslime, die ein paar Jahre in arabischen Staaten gelebt haben, die wahhabitische Ideologie nach Sri Lanka importieren. Plötzlich schienen immer mehr Frauen verschleiert. Es führte aber auch zu Streit unter den Muslimen untereinander: Die einen sagten den anderen: So, wie wir den Islam bisher gelebt haben, ist alles falsch.

Im Video: Die Anschlagsserie in Sri Lanka

REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Etwa sieben Prozent der Bevölkerung Sri Lankas, also etwa 1,7 Millionen Menschen, sind Muslime, überwiegend Sunniten. Wie ist ihre Situation?

Tschacher: Muslimische Gemeinschaften gibt es auf Sri Lanka seit fast einem Jahrtausend. Die Mehrheit spricht Tamil, in manchen Regionen Singhalesisch. Es gibt zwei kleinere Minderheiten unter den Muslimen: die Malaien, die aus Indonesien und Malaysia kamen, und kleinere Gruppen von schiitischen Händlern aus anderen Teilen Südasiens. In diesem ethnischen Mix in Sri Lanka gibt es einen seit Langem andauernden Konflikt zwischen Muslimen und der buddhistischen Mehrheit. Vor allem im Südwesten des Landes, wo relativ viele Muslime leben, denen es wirtschaftlich gut geht.
Seit der Bürgerkrieg 2009 beendet wurde und die Tamilen als Hauptgegner weggefallen sind, konzentriert man sich jetzt wieder auf die Muslime. Es hat eine ganze Reihe von kleineren Pogromen und Angriffen gegeben. Zwei, drei nationalistische buddhistische Gruppen, die aus Mönchen bestehen, treiben das an. Eine davon, die Bodu Bala Sena, die buddhistische Streitmacht, greift ganz speziell Muslime an, bezeichnet sie als anti-buddhistisch und anti-national. Es gab eigenartige Vorwürfe, beispielsweise, dass Muslime Unterhosen verkaufen würden, die singhalesische Frauen unfruchtbar machen würden.

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