Folgen des Anschlags Deutscher Botschaft in Kabul droht der Abriss

Nach dem Bombenanschlag in Kabul liegt die deutsche Botschaft in Trümmern. Nach SPIEGEL-Informationen erwägt Berlin, den Standort komplett aufzugeben.

Ort der Bombenexplosion am 31.5.2017
AP

Ort der Bombenexplosion am 31.5.2017

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Die deutsche Botschaft in Kabul wird für längere Zeit komplett geschlossen. Nach SPIEGEL-Informationen ergab eine erste Begutachtung der Schäden nach dem verheerenden Bomben-Anschlag in unmittelbarer Nähe der Auslandsvertretung, dass alle Gebäude für eine Renovierung zu stark beschädigt seien. Auch von Abriss ist bereits die Rede.

Sicherheitsexperten halten zudem den augenblicklichen Standort direkt an einer vielbefahrenen Wazir Akhbar Khan Road am äußeren Rand des schwer geschützten Botschaftsviertels in Kabul für zu gefährlich. "Eine Verlegung der Botschaft an einen besser geschützten Ort erscheint zwingend", hieß es am Freitag in Sicherheitskreisen. Ein solcher Neubau werde sicherlich Jahre dauern.

Eine finale Entscheidung über die Zukunft der Botschaft soll kommende Woche fallen, dann reist ein Team von Experten aus Deutschland nach Kabul und inspiziert die Schäden. Im Auswärtigen Amt (AA) ist von "völliger Verwüstung" aller Gebäude die Rede. Auch die Residentur des Bundesnachrichtendienstes (BND) ist stark beschädigt.

"Niemand hätte überlebt"

Besonders das Kanzleigebäude, ein zweigeschossiger Funktionsbau, der den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Afghanistan überlebte, gleicht einer Ruine. Bilder aus der Botschaft zeigen, wie die Druckwelle der Detonation am Dienstagmorgen extra verstärkte Wände eingedrückt hat und das Büro des Botschafters und seines Vizes im ersten Stock komplett verwüstete.

Schon vor Monaten hatte das AA aus Sicherheitsgründen das Kanzleigebäude weitgehend geräumt, da es immer wieder abstrakte Warnungen vor schweren Attacken auf das Botschaftsviertel gab. "Wir haben Glück gehabt, dass es keine Toten gab", hieß es in Sicherheitskreisen, "in dem vorderen Gebäude hätte bei normalem Betrieb vermutlich niemand die Detonation überlebt".

Nach dem Anschlag hatten sich die deutschen Diplomaten zunächst in einem Bunker versteckt, danach wurden sie ins Nato-Hauptquartier gefahren. Eine Mitarbeiterin war durch Glassplitter verletzt worden, der Rest kam mit dem Schrecken davon. Am Freitagmorgen wurden die meisten Diplomaten nach Deutschland ausgeflogen. Vorerst soll nur ein Kernteam aus dem Nato-Lager heraus weiter arbeiten.

Fahrer war an Kontrollpunkten abgewiesen worden

Nach ersten Ermittlungen gehen die deutschen Behörden davon aus, dass die Attacke nicht direkt auf die deutsche Botschaft abzielte. Vielmehr sei das Ziel des Anschlags offenbar nur gewesen, den mit Sprengstoff präparierten Tanklaster in das schwer gesicherte Viertel mit vielen Botschaften und dem Nato-Hauptquartier zu bringen und dort explodieren zu lassen, hieß es in Sicherheitskreisen.

Als Beleg für die These wird angeführt, dass der Laster früher am Vormittag bereits versucht hatte, ein Gate näher am Nato-Lager mit einem gefälschten Passierschein zu passieren, aber abgewiesen wurde. Als er danach am Gate nahe der Botschaft ebenfalls abgewiesen worden war, zündete er den Sprengsatz, der einen fast zehn Meter tiefen Krater in die Straße vor der Botschaft riss.

Am Mittwoch schon hatte das Auswärtige Amt bei der Bundeswehr um Hilfe gebeten, seitdem schützen rund 30 Soldaten das Gelände der Botschaft. Mit der Sicherung will das AA vor allem verhindern, dass Plünderer in die Botschaft eindringen oder gezielt sensibles Material oder Technik gestohlen wird.

Hinweise auf das Haqqani-Netzwerk

Über die Hintergründe der Attacke rätselt die Bundesregierung bis heute. Der Bundesnachrichtendienst sieht trotz eines Bekenntnisses des Afghanistan-Ablegers des "Islamischen Staats" (IS) eher das sogenannte Haqqani-Netzwerk als Drahtzieher der Attacke, heißt es in Berlin.

Der frühere afghanische Geheimdienstchef Rahmatullah Nabi sieht die Lage ähnlich. Afghanische Sicherheitskreise verfügten über Erkenntnisse, dass der gestrige Angriff wie auch frühere Attentate vom sogenannten Haqqani-Netzwerk ausgeführt wurden, sagte er in einem Telefoninterview mit dem SPIEGEL.

Der Sprengstoff soll, wie schon häufig zuvor, aus einer Verbindung von Dünger, Schwefel und anderen Chemikalien zusammengemixt worden sein, wie sie etwa im pakistanischen Karatschi produziert werden.

"Botschaft an den Westen"

Die Terrorgruppe operiert aus den Stammesgebieten Pakistans. Ihr Anführer, Saraj Haqqani, ist ein erfahrener und berüchtigter Kommandeur, den die Taliban 2015 zu ihrem stellvertretenden Führer kürten.

Tatsächlich unterstützt Pakistan die Taliban seit vielen Jahren. Islamabad will bei künftigen Friedensverhandlungen die Bedingungen mitdiktieren.

Der Anschlag vom Mittwochmorgen sei aber auch eine "Botschaft an den Westen", sagt Sicherheitsexperte Nabil. Die massive Explosion sollte zeigen, dass es in Kabul keinen sicheren Ort mehr gebe für internationale Institutionen.

Wenn die deutsche Botschaft nun tatsächlich für eine längere Zeit schließt, wäre die Strategie der Terrors aufgegangen.

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