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24. Juli 2016, 19:35 Uhr

Anschlag von Nizza

Beamtin fühlte sich bedrängt, Polizeibericht zu ändern

Schwere Vorwürfe gegen das französische Innenministerium: Eine Polizistin aus Nizza wurde laut eigener Aussage aufgefordert, ihren Bericht über das Polizeiaufgebot am Nationalfeiertag zu ändern und Videos zu löschen.

Wie viele Polizisten sicherten zum Zeitpunkt des LKW-Attentats die Promenade von Nizza? Gab es Sicherheitslücken? Über diese Frage wird seit dem verheerenden Anschlag, bei dem 84 Menschen ums Leben kamen, in Frankreich diskutiert.

Viele Bürger sind sauer, dass die Regierung den Anschlag nicht verhindern konnte. Und Oppositionspolitiker zweifeln die Regierungsangaben zum Polizeiaufgebot an. Deswegen hat Innenminister Bernard Cazeneuve bereits eine interne Untersuchung angewiesen.

Nun hat sich eine Polizeibeamtin zu Wort gemeldet: Sie sei nach dem Anschlag vom Innenministerium in Paris unter Druck gesetzt worden, sagte die Leiterin der Videoüberwachung bei der städtischen Polizei in Nizza, Sandra Bertin, der französischen Zeitung "Journal du dimanche".

Laut Bertin sei sie dazu gedrängt worden, ihren Bericht über das Polizeiaufgebot am Anschlagsabend abzuändern und Überwachungsvideos zu löschen.

Eine Stunde lang bedrängt worden

Einen Tag nach dem Anschlag vom 14. Juli habe das Büro von Innenminister Bernard Cazeneuve einen Vertreter zu ihr geschickt, der sie telefonisch mit dem Innenministerium in Verbindung gesetzt habe, schilderte Bertin. In dem Telefonat habe ein Beamter des Innenministeriums sie aufgefordert, einen Bericht über die Polizeiposten und Absperrungen am Abend des Anschlags zu verfassen "und darin zu betonen, dass an zwei Stellen auch die nationale Polizei zu sehen gewesen sei".

Sie habe geantwortet, dass sie "nur schreibe, was ich gesehen habe", sagte die Polizeibeamtin der Zeitung. "Und vielleicht war die nationale Polizei ja dort, aber sie tauchte nicht in den Videos auf." Daraufhin sei sie aufgefordert worden, ihren Bericht in nicht schreibgeschützter Fassung zu schicken, "damit ich später nicht alles neu tippen muss".

Sie sei eine ganze Stunde lang bedrängt worden, sagte Bertin. Schließlich habe sie den Vertreter des Innenministeriums aus dem Büro drängen müssen. Wenige Tage, nachdem sie ihren Bericht über die Auswertung der Videoüberwachung geliefert hatte, habe die Antiterror-Abteilung des Innenministeriums sie aufgefordert, die Aufnahmen aus sechs Kameras zu löschen, die sie in dem Bericht genannt hatte - "diejenigen, die den Anschlag gefilmt haben". Zur Begründung habe es geheißen, damit solle verhindert werden, dass die Bilder an die Öffentlichkeit gelangen.

"Schwere Anschuldigungen"

Das Innenministerium in Paris erklärte, es handele sich um "schwere Anschuldigungen". Innenminister Cazeneuve werde noch am Sonntag Verleumdungsklage gegen Bertin einreichen.

Der für Terrorermittlungen zuständige Pariser Staatsanwalt François Molins erklärte gegenüber AFP, "im alleinigen Auftrag der Staatsanwaltschaft" hätten Ermittler die Abteilung für Videoüberwachung aufgesucht. Ziel sei es gewesen, den Weg des Attentäters zu verfolgen. "Dies hat keinen anderen Zweck als den, im Rahmen einer juristischen Untersuchung die Wahrheit herauszufinden", betonte Molins.

Bertins Anschuldigungen in Bezug auf die Anwesenheit nationaler Polizei sind brisant. Tatsächlich wirft die Stadtverwaltung von Nizza der Regierung in Paris vor, nicht ausreichend Landespolizei zur Verfügung gestellt zu haben. Laut einem Zeitungsbericht soll die für den Fahrzeugverkehr gesperrte Strandpromenade am Anschlagsabend von einem einzigen Auto der städtischen Polizei abgesichert worden sein.

Die nationale Polizei sei dort - anders als vom Innenminister angegeben - nicht im Einsatz gewesen. Der Verkehr sei der Stadtverwaltung zufolge ansonsten nur durch einfache Metallbarrieren umgeleitet worden. Innenminister Cazeneuve teilte nun laut AP mit, dass sich am Anschlagsort tatsächlich keine nationale Polizei befunden habe.

Der 31-jährige Mohamed Lahouaiej Bouhlel war am französischen Nationalfeiertag mit einem Lastwagen auf der Strandpromenade in die feiernde Menge gefahren. 84 Menschen wurden getötet, bevor Polizisten den Angreifer erschossen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) beanspruchte den Anschlag für sich.

Experten gehen davon aus, dass der Anschlag mit 84 Toten seit Monaten geplant war. Gegen fünf mögliche Komplizen läuft ein Ermittlungsverfahren.

AFP/AP/lgr

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