Anschlagserie in Bagdad Blutiger Start in den Ramadan

Dutzende von Menschen sind in Bagdad bei einer Serie von Bombenanschlägen ums Leben gekommen. US-Militärs sehen in den Attentaten eine neue Art der Bedrohung: Guerilla-Kämpfer aus dem Ausland machen den Soldaten zu schaffen. Präsident Bush gibt sich hart.


Explosion bei der IKRK-Zentrale in Bagdad
REUTERS

Explosion bei der IKRK-Zentrale in Bagdad

Bagdad/Washington - Das US-Militär räumte nach der beispiellosen Bombenserie in Bagdad erstmals ein, dass ausländische Terroristen ein neuer Faktor bei der Destabilisierung des Iraks seien. "Heute haben wir ein neues Element", sagte General Mark Hertling, Vize-Kommandeur der für Bagdad zuständigen 1. US-Panzerdivision, auf einer Pressekonferenz in Bagdad. "Es gibt Anzeichen, dass ausländische Kämpfer beteiligt sind", betonte er unter Berufung auf geheimdienstliche Hinweise und Ermittlungen. Die Zahl der Opfer wäre noch höher gewesen, wenn sich irakische Polizisten und Sicherheitsleute nicht so "heroisch" verhalten hätten.

Die "terroristischen Anschläge" im Irak werden die USA nach den Worten von US-Präsident George W. Bush nicht von ihrem Kurs abbringen. "Je mehr Fortschritte wir machen, je freier die Iraker werden, die Stromversorgung und Schulen wieder funktionieren und mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, desto verzweifelter werden diese Kriminellen", sagte Bush in Washington bei einem Besuch des US-Zivilverwaltungschefs von Bagdad, Paul Bremer.

Bei der Serie von fünf Selbstmordanschlägen wurden zum Auftakt des Fastenmonats Ramadan in Bagdad mindestens 34 Menschen getötet und 224 verletzt. Diese Zahlen nannte der irakische Vizeinnenminister Ahmed Ibrahim. Bei den Opfern handelt es sich um US-Soldaten, Polizisten und irakische Zivilisten. Einen sechsten Anschlag auf eine Polizeistation hätten Sicherheitskräfte verhindert. Im Zusammenhang damit sei ein Syrer festgenommen worden, sagte Ibrahimi. Inzwischen hörten Zeugen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge jedoch bereits eine neue Explosion im Stadtgebiet.

Ein Selbstmordattentäter brachte am Morgen einen mit Sprengstoff beladenen Rettungswagen vor dem Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) zur Explosion. Zwölf Menschen wurden nach Angaben des Roten Kreuzes in Genf getötet, darunter zwei irakische Mitarbeiter. Bei einer Serie von weiteren Detonationen kamen rund 27 Menschen ums Leben, wie die irakische Polizei erklärte.

In der Fassade des dreigeschossigen IKRK-Gebäudes klaffte ein zwölf Meter breites Loch. Auch ein Wasserrohr wurde offenbar beschädigt, umliegende Straßen waren überflutet. General Hertling erklärte, die Anschläge sollten zum Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan offenbar Unruhe in der Bevölkerung auslösen. Die Sicherheitsbarrieren hätten jedoch verhindert, dass der Attentäter sein Ziel erreicht habe.

Hertling sagte weiter, am Morgen seien in der Gegend um Bagdad vier weitere Fahrzeuge vor Polizeiwachen explodiert. Auch diese Attentäter seien den Zielen ihrer Anschläge jedoch nicht nahe gekommen. Die irakische Polizei sprach dennoch von 27 Todesopfern, darunter vermutlich auch ein US-Soldat.

IKRK-Sprecherin Nada Doumani erklärte, in dem Gebäude arbeiteten normalerweise rund hundert Menschen, überwiegend Iraker. Wie viele sich zum Zeitpunkt des Anschlags um 8.30 Uhr in ihren Büros befanden, war zunächst nicht bekannt. `Wir können nicht verstehen, warum jemand das Rote Kreuz angreifen sollte", sagte sie. Das IKRK arbeite seit 1980 in Irak und habe sich niemals in die Politik eingemischt.

Die Uno-Hilfsorganisationen zeigten sich schockiert von dem Anschlag, erklärten jedoch gleichzeitig, sie seien nicht überrascht. Der Sprecher des Uno-Kinderhilfswerks Unicef, Damien Personnaz, sagte, angesichts des Anschlags auf das Bagdader Uno-Hauptquartier im August sei mit weiteren Angriffen zu rechnen gewesen. Die Uno-Organisationen erklärten, es sei unwahrscheinlich, dass sie ihre Arbeit in Irak noch weiter einschränken würden. Der außenpolitische Beauftragte der Europäischen Union, Javier Solana, betonte, die Lage in Irak sei nicht gut, werde aber nicht außer Kontrolle geraten.

Der britische Außenminister Jack Straw verurteilte den Anschlag. Die Tatsache, dass die Täter eine internationale Organisation ins Visier genommen hätten, zeige das Ausmaß ihrer Verderbtheit, sagte Straw vor der EU-Außenministerkonferenz in Brüssel.

Nach dem Anschlag auf den Sitz des IKRK in Bagdad erwägt die Organisation eine Verringerung ihrer Aktivitäten in Irak. "Wir müssen einen Schritt zurück treten und Bestand aufnehmen", sagte IKRK-Sprecher Florian Westphal in Genf. Es sei aber zu früh zu sagen, wie sich der Anschlag mit zwölf Toten - darunter zwei einheimische Mitarbeiter des IKRK - auf die Arbeit in Irak auswirken werde. Wie Westphal weiter mitteilte, wurde das IKRK schon vor Wochen vor einem Anschlag gewarnt.

Entsprechende Warnungen seien über Dritte an das Rote Kreuz "weitergeleitet" worden, sagte der Sprecher. Sie seien aber so unspezifisch gewesen, "dass es unmöglich war, ihnen irgendetwas zu entnehmen, außer natürlich, dass die Situation sehr schwierig und gefährlich ist". Bereits im August wurde das Personal verringert, nachdem bei einem Angriff auf einen Konvoi im Süden von Bagdad ein Mitarbeiter getötet worden war.

Zu den Aufgaben des IKRK zählt laut Genfer Konvention die Kontrolle der Behandlung von Kriegsgefangenen. In Irak besuchen die Mitarbeiter nach Angaben Westphals neben den Gefangenen der Koalitionstruppen auch Häftlinge der irakischen Polizei. Zudem biete die Organisation in Zusammenarbeit mit dem Roten Halbmond medizinische Hilfe an, helfe beim Wiederaufbau von Wasserversorgung und sanitären Anlagen und bringe der Bevölkerung bei, wie sich Unfälle mit Landminen und anderen Sprengsätzen vermeiden lassen. Das IKRK war eine der wenigen Organisationen, die ihre Arbeit auch während des Irak-Kriegs im Frühjahr fortsetzte und ist bereits seit 1980 im Land.

Auch andere Hilfsorganisationen zeigten sich entsetzt über den Angriff. Eine Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte: "Wir machen uns große Sorgen über die Folgen, nicht nur was die Opfer angeht, sondern auch betreffend der weiteren Reduzierung der internationalen Präsenz im Land." Nach dem Anschlag auf die Uno-Zentrale in Bagdad im August hatten bereits mehrere Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen ihren Einsatz in Irak zurückgefahren.

Auch Bundesinnenminister Otto Schily erwägt einen Abzug der in Bagdad stationierten Kräfte des Technischen Hilfswerks. Es werde momentan geprüft, ob die Sicherheit der THW-Mitarbeiter noch gewährleistet sei, sagte Schilys Sprecher Daniel Höltgen in Berlin. "Wenn die Sicherheitslage so gefährlich ist, dass eine effektive Arbeit nicht mehr möglich ist vor Ort, werden die Mitarbeiter zurückgezogen."

Schily hatte Mitte September vier THW-Spezialisten nach Irak geschickt. Sie sollen in Bagdad beim Wiederaufbau des maroden Trinkwassernetzes des Landes helfen.

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