Anschlagserie in Kabul Taliban überrumpeln Sicherheitskräfte mit Simultan-Angriff

Mit einer koordinierten Attacke haben die Taliban das schwer gesicherte Zentrum Kabuls angegriffen. Es gab heftige Gefechte, einige Taliban verschanzten sich in einem Shopping-Center. Erst nach mehreren Stunden hatte die Polizei die Lage halbwegs unter Kontrolle.

REUTERS

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Kabul - In einer koordinierten Operation haben die Taliban die afghanische Regierung angegriffen. Etliche schwer bewaffnete Kämpfer und Selbstmordattentäter attackierten seit dem frühen Morgen mehrere Ministerien, das bekannteste Hotel der Stadt und zwei Einkaufszentren im Zentrum Kabuls.

Die völlig überforderte Polizei hatte die Situation erst nach über fünf Stunden einigermaßen unter Kontrolle. Sie wurde seit dem Beginn der Kämpfe von internationalen Truppen, darunter Spezialeinheiten der US-Armee, unterstützt. In einer aktuellen Mitteilung aus dem Präsidentenpalast heißt es, die Sicherheit sei wieder hergestellt.

Wie viele Tote es gegeben hat, ist noch nicht abzusehen. Nach bisherigen Angaben wurden vier Angreifer getötet - zwei Selbstmordattentäter sprengten sich in die Luft, zwei weitere Taliban wurden von afghanischen Sicherheitskräften erschossen. Das Gesundheitsministerium berichtete von fünf Toten und 38 Verletzten, doch diese Zahlen sind nur vorläufig.

An mehreren Stellen in der Stadt steigt derzeit immer noch Rauch in den wolkenlosen Himmel auf, seit dem Morgen waren Schusswechsel zu hören. "Wir hoffen, dass es bald aufhört, doch wir wissen nicht, wie viele Angreifer noch in der Stadt sind", sagte ein Beamter aus dem Innenministerium SPIEGEL ONLINE per Telefon. Ein Polizeisprecher sagte im Fernsehen, es sei "ein tragischer Tag für Afghanistan".

Die Attacke erinnert fatal an einen Überfall der Taliban auf die Hauptstadt vor ziemlich genau einem Jahr. Damals hatten acht Selbstmordattentäter die Stadt infiltriert und mehrere Ministerien angegriffen. Die schlecht ausgerüstete Polizei bekam die Situation erst nach Stunden unter Kontrolle, rund 20 Menschen kamen ums Leben.

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Überfall der Taliban Mitte Januar: Angriff auf Kabul

Der Angriff an diesem Montagmorgen scheint jedoch besser geplant gewesen zu sein als der vorige. Laut Augenzeugen begannen die Kämpfe gegen 9 Uhr morgens. Zeitgleich attackierten Selbstmordattentäter das Finanzministerium, das Justizministerium und das Verteidigungsministerium, das sehr nahe am Kabuler Präsidentenpalast liegt.

Gleichzeitig griffen weitere Taliban-Gruppen das "Serena"-Hotel an, in dem üblicherweise viele Westler übernachten. Verletzt wurde ersten Angaben zufolge niemand - dank der umsichtigen Reaktion der Sicherheitsleute, die alle Gäste rechtzeitig in einen unterirdischen Schutzkeller brachten.

Ziel der Attacke war außerdem ein nahegelegenes Einkaufszentrum gleich neben dem Außenministerium. Dieses Gebäude ging in Flammen auf, berichteten Augenzeugen. In einem weiteren Einkaufszentrum verschanzten sich zeitweise mehrere Kämpfer, später gelang es den afghanischen Sicherheitskräften, das Gebäude unter Kontrolle zu bringen. Dabei kamen nach Angaben aus Sicherheitskreisen fünf Taliban ums Leben.

Alle Tatorte liegen im Zentrum Kabuls, das von mehreren Sicherheitsringen umgeben ist. Ebenso gab es Kämpfe an mehreren Eingangskontrollen zum weiträumig abgesperrten Gelände rund um den Präsidentenpalast von Hamid Karzai.

"Wir haben diesen Angriff lange vorbereitet"

Die Taliban bekannten sich über einen ihrer Sprecher umgehend zu der Tat. Saibullah Mudschahed meldet sich regelmäßig bei afghanischen und westlichen Medien und gibt Details der Attacke durch. "Wir haben diesen Angriff auf Karzai und seine Schergen lange vorbereitet", sagte er SPIEGEL ONLINE. Angeblich seien mehr als 20 Selbstmordattentäter in Kabul unterwegs gewesen, weitere warteten nur auf den Befehl zuzuschlagen.

Die Taliban haben ihre Attacke offenbar gut vorbereitet. Im Internet veröffentlichten sie immer neue Meldungen mit Details über den Angriff auf die Hauptstadt. "Die Schlacht, welche die Kämpfer des islamischen Emirats heute Morgen gegen die wichtigsten Einrichtungen der Regierungen in der Hauptstadt begonnen haben, ist noch nicht beendet", heißt es im aktuellen Beitrag, der auf islamistischen Websites veröffentlicht wurde. Als Emirat bezeichnen die Taliban ihre Schattenregierung in Afghanistan.

Der Angriff beweist erneut, wie wenig Kontrolle die lokalen Sicherheitskräfte über die Hauptstadt haben. Ersten Informationen nach hatten die Taliban in den vergangenen Tagen mehrere gepanzerte Fahrzeuge mit Sonderausweisen gestohlen, die eine Durchfahrt durch die diversen Checkpoints der Stadt ermöglicht, und sind offenbar mit diesen am Morgen durch die Sicherheitskontrollen geschlüpft. Ebenso lagen den Sicherheitsbehörden Hinweise vor, dass mehrere Krankenwagen entwendet wurden.

Signal an die Nato, symbolische Ohrfeige für Karzais Versöhnungsprogramm

Anlass für die Attacke könnte die für diesen Montag geplante Vereidigung mehrerer Minister durch den Präsidenten sein. Nach dem von Wahlfälschungen überschatteten Urnengang war Karzai am vergangenen Samstag erneut mit rund der Hälfte seiner Kabinettsvorschläge am Widerstand des Parlaments gescheitert. Trotzdem wollte er die bestätigten Minister bereits vereidigen lassen.

Die Attacke ist auch ein Signal an die Nato. Inmitten der von den USA und der Allianz angekündigten Verstärkungen der internationalen Truppen für das Land am Hindukusch demonstrierte der Angriff die Fähigkeit der Taliban, auch schwerste Sicherheitsvorkehrungen in der Hauptstadt zu überwinden.

Gleichzeitig ist der Angriff eine symbolische Ohrfeige für die Pläne der Kabuler Regierung, ein Versöhnungsprogramm mit den Taliban aufzulegen. Erst am Sonntag hatte ein Sprecher von Präsident Karzai einen neuen Anlauf für Gespräche mit den Taliban angekündigt und Kämpfern, die sich von der Bewegung lösen, Anreize wie finanzielle Unterstützung und Arbeitsplätze versprochen. Die Taliban haben bisher alle Gesprächsangebote zurückgewiesen. Ihre Bedingung für jede Art von Verhandlungen, so die immergleiche Linie, ist ein sofortiger Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan.

Mitarbeit: Hasnain Kazim, Yassin Musharbash

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Seite 1
frubi 18.01.2010
1. .
Zitat von sysopMit einer koordinierten Attacke haben die Taliban das schwer gesicherte Zentrum Kabuls angegriffen. Die Wachen an den Checkpoints überlisteten sie mit gestohlenen Panzerwagen. Nun sind bewaffnete Kämpfer und Selbstmordattentäter in den Straßen der Stadt unterwegs - die Polizei ist momentan machtlos. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,672449,00.html
And the Storie goes on and on and......... Mir persönlich macht es Angst, dass ich diese Nachrichten mitlerweile als "normal" betrachte. Es geht halt kaum eine Woche ohne Anschläge rum. Ändern tut sich sowieso nichts und manchmal habe ich so das leise Gefühl, dass manche Entscheidungsträger auch gar nicht daran interessiert sind dieses Land aufzubauen.
gerd2006 18.01.2010
2. Entweder oder
Entweder man geht aus Afghanistan raus und überlässt die Bevölkerung (Frauen, gemässigte Muslime, ...) der Willkür der Taliban. Dann soll man aber nicht später (bei Gröueltaten oder weiterer Ausweitung nach Pakistan) rufen: Da muss der Westen / die UNO / die USA doch eingreifen. Oder man führt einen regelrechten Krieg gegen die Taliban. Dann wartet man z.B. nicht, bis der Gegener schiesst, ehe man selbst zur Waffe greift. Dann stellt man Soldaten auch nicht vor Gericht, solange sie nicht in den Kampfhandlungen gegen Genfer Konvention u.ä. verstossen. Wer glaubt denn wirklich, dass man die Taliban mit Brunnen, Brücken und Kindergärten friedlich stimmen könnte?
mbberlin, 18.01.2010
3. ...
Bezeichnend für die Gesamtsituation.
quadraginti, 18.01.2010
4. Ichb habs's
Zitat von sysopMit einer koordinierten Attacke haben die Taliban das schwer gesicherte Zentrum Kabuls angegriffen. Die Wachen an den Checkpoints überlisteten sie mit gestohlenen Panzerwagen. Nun sind bewaffnete Kämpfer und Selbstmordattentäter in den Straßen der Stadt unterwegs - die Polizei ist momentan machtlos. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,672449,00.html
Hier die Lösung: Die flotten Staatsanwälte, die immer gegen Bundeswehrsoldaten "ermitteln", die können doch die Taliban anklagen. Vor 'nem teutschen Staatsanwalt hat jeder Taliban Angst. Ganz bestimmt!
Rübezahl 18.01.2010
5. Simultan - Angriff
Zitat von sysopMit einer koordinierten Attacke haben die Taliban das schwer gesicherte Zentrum Kabuls angegriffen. Die Wachen an den Checkpoints überlisteten sie mit gestohlenen Panzerwagen. Nun sind bewaffnete Kämpfer und Selbstmordattentäter in den Straßen der Stadt unterwegs - die Polizei ist momentan machtlos. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,672449,00.html
War das nicht in Ha Noi auch so !? Es ist die Strategie von General Giap. Ich wundere mich nur, warum die Taliban noch keine Attacken im Hinterland der Nato angedriffen haben, wo es doch da jede Menge Weichziele, wie Kaufhäuser und ähnliches gibt.
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