Anschlagserie in Mumbai Indische Armee jagt Terroristen in Luxushotel

Mindestens 125 Menschen sind tot, mehr als 300 verletzt - und das Terrordrama von Mumbai ist noch nicht zu Ende. Die indische Armee hat die Situation im Taj Mahal Hotel offenbar unter Kontrolle. Im Oberoi Hotel befreiten Spezialeinheiten am frühen Morgen 39 Geiseln.


Mumbai - Vor mehr als 24 Stunden haben Terroristen ihren Angriff auf die indische Finanzmetropole Mumbai begonnen - und noch immer ist das blutige Drama nicht zu Ende. An mindestens drei Tatorten kämpften Spezialkräfte in den vergangenen Stunden um das Leben Dutzender Geiseln, die sich in der Hand bewaffneter Extremisten befanden. Von einem Schauplatz der Gewalt - dem Taj Mahal Hotel - gab es am späten Abend (Ortszeit) Meldungen, die auf eine Entschärfung der Situation hindeuteten. Am Oberoi Trident Hotel jedoch dauerten die Kämpfe länger an.

Nach Polizeiangaben befreiten Spezialeinheiten 39 Menschen aus dem Oberoi. Unter den Befreiten seien auch mehrere Ausländer, sagte ein Sprecher am frühen Freitagmorgen (Ortszeit). Die Menschen hätten sich in ihren Zimmern versteckt gehalten, seit die Islamisten am Mittwochabend das Luxushotel angegriffen hatten. Dem Polizeisprecher zufolge dauerte der Einsatz in dem Hotel an, Spezialbeamten suchten Zimmer für Zimmer nach weiteren Menschen, die sich dort möglicherweise noch versteckt hielten. Noch sei unklar, ob sich auch noch Terroristen in dem Gebäude verschanzt hielten.

Auch im jüdischen Chabad-Zentrum war die Lage entgegen ersten anderslautenden Berichten weiter dramatisch.

Nach Behördenangaben ist der Einsatz im Luxushotel Taj Mahal so gut wie beendet. Fast alle Attentäter seien getötet worden, teilten die Behörden am Donnerstagabend mit. "Im Taj ist ein Terrorist, er wurde verletzt", sagte der Generaldirektor der Nationalen Sicherheitsgarde, J.K. Dutt, dem Fernsehsender NDTV: "Wir haben die Situation voll unter Kontrolle." Zunächst hatte es allerdings geheißen, alle Attentäter in dem Taj Mahal Hotel seien getötet worden.

Zuvor hatte es heftige Gefechte in dem teilweise brennenden Hotel gegeben. Der TV-Sender CNN-IBN meldete auf seiner Website, die ersten Spezialkräfte, die in das Gebäude eindrangen, seien auf heftigen Widerstand schwer bewaffneter Terroristen gestoßen. Die Sicherheitskräfte hätten in dem Gebäude Sprengstoff, Gewehre, Bargeld, gefälschte Papiere und Proviant gefunden. Nun werde das Hotel Zimmer für Zimmer und Etage für Etage gesichert.

Ein aus dem Taj Mahal Hotel Geretteter sagte im Fernsehen, die Einsatzkommandos hätten das Hotel unter Kontrolle. Sie hätten die Menschen aufgefordert, nicht zu den Leichen zu blicken. "Viele Kochlehrlinge wurden in der Küche niedergemetzelt", sagte der Mann.

Auch andere Überlebende berichteten von schockierenden Erlebnissen. Eine australische Schauspielerin sagte, sie sei einem Angreifer nur deshalb entkommen, weil sie sich in einem Badezimmerschrank versteckt habe. Bei ihrer Flucht habe sie auf den Hoteltreppen viele Leichen liegen gesehen. Eine Spanierin berichtete, sie sei mit anderen hinter der Rezeption in Deckung gegangen. Weil sie ihre Schuhe auszog, habe sie dann barfuß durch das Blut der Opfer waten müssen.

Nachrichtenagenturen berichteten zunächst auch von neuen Entwicklungen in der Zentrale der jüdisch-orthodoxen Organisation Chabad Lubavitch. Dort hatten Terroristen sich ebenfalls mit Geiseln verschanzt. Zum Zeitpunkt des Überfalls hielten sich nach Angaben der Organisation acht Israelis in dem Haus auf, unter ihnen der Rabbiner Gavriel Noach Holtzberg mit seiner Frau.

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Acht Personen seien aus der Gewalt der Extremisten befreit worden, sagte ein Vertreter der Regierung des Bundesstaats Maharashtra. CNN-IBN zeigte Bilder, auf denen offensichtlich Ausländer neben indischen Sicherheitskräften zu sehen waren. Die Situation sei ruhig aber unübersichtlich, sagte eine Reporterin.

Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums dementierte bei CNN die Berichte über die Freilassung. Unter Berufung auf Einsatzkräfte vor Ort sagte der Sprecher, die Lage sei unverändert. Bei den Personen im Schutz der Soldaten habe es sich um Nachbarn des Zentrums gehandelt, die ihre Häuser verlassen mussten.

Kämpfe im Oberoi Hotel

Die Kämpfe im Hotel Oberoi Trident dauern an. Dort halten sich eine Reihe von Hotelgästen, darunter auch Ausländer, entweder versteckt, oder sie befinden sich in der Gewalt der Angreifer. Völlig unklar ist, wie viele Menschen im Hotel sind. Die Regierung sprach von bis zu 30 Geiseln, das Hotelmanagement vermutete noch bis zu 200 Gäste in dem Hotel. Der Ministerpräsident von Maharashtra, Vilasrao Deshmukh, sagte dagegen, in keinem Hotel seien noch Geiseln in der Gewalt von Extremisten. Im Oberoi Trident verbliebene Gäste hätten sich in den Zimmern eingesperrt.

Immer wieder durchbrachen Schüsse und Explosionen die gespannte Ruhe um das Gebäude. Aus einem der oberen Stockwerke schlugen am Abend Flammen, das Feuer war nach Angaben eines CNN-Reporters nach einigen Stunden aber gelöscht.

Nach Einbruch der Dämmerung führten Soldaten mehrere Dutzend Gefangene aus dem Hotel Oberoi heraus. Einer der Befreiten sagte, er habe in dem Hotel viele Tote gesehen. Nach Angaben des Innenministeriums von Maharashtra wurden 45 Geiseln aus dem Oberoi befreit, 35 waren am Donnerstag noch in der Gewalt der Extremisten.

Mindestens 125 Tote, mehr als 300 Verletzte

Die Angriffe von rund zwei Dutzend Terroristen hatten in der Nacht zum Donnerstag begonnen. Sie schlugen kurz hintereinander an mindestens zehn Orten zu, so etwa in den beiden Luxushotels, einem beliebten Restaurant, in Krankenhäusern und einen Bahnhof. Bei der Anschlagsserie wurden nach jüngsten Polizeiangaben mindestens 125 Menschen getötet, mindestens 314 erlitten Verletzungen.

Unter den Toten ist auch ein Deutscher. Bei ihm handelt es um den Münchner Medienunternehmer Ralph Burkei, wie sein Geschäftspartner Ralph Piller mitteilte. Er habe versucht, sich aus dem Taj Mahal zu retten und sei dabei zu Tode gestürzt. Außenminister Frank Walter Steinmeier hält es für möglich, dass weitere Deutsche ums Leben gekommen sind. Nach offiziellen Angaben und Medienberichten sind unter den Opfern außerdem ein Italiener, ein Brite, ein Japaner und ein Australier. Im Taj Mahal wohnte auch eine europäische Parlamentariergruppe, die sich retten konnte.

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Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
Eine bislang unbekannte Gruppe namens Deccan Mudschahidin bekannte sich in E-Mails an indische Medien zu der Anschlagsserie. In einem Anruf bei dem Sender India TV forderte ein vermeintlicher Terrorist namens Imran Babar die Regierung zur Verhandlung über Kaschmir auf. Im indischen Teil Kaschmirs kämpfen muslimische Extremisten für die Unabhängigkeit oder den Anschluss der Region an Pakistan. Andere Medien berichteten nicht über Forderungen. Auch die Regierung Maharashtras dementierte, dass die Terroristen Kontakt aufgenommen hätten, und schloss Verhandlungen aus. Einer der Angreifer im Hotel Oberoi forderte in einem Telefoninterview mit einem TV-Sender, alle in Indien inhaftierten islamistischen Kämpfer müssten freigelassen werden.

Der indische Premierminister Manmohan Singh geht davon aus, dass die Terroristen ihre Basis im Ausland haben. Er warnte die Nachbarländer der Atommacht, man werde es nicht dulden, wenn von ihrem Territorium aus Anschläge auf Indien verübt würden. "Wenn keine angemessenen Maßnahmen von ihnen ergriffen werden, wird das seinen Preis haben", betonte er in einer Ansprache an die Nation.

Pakistan forderte seinen Erzrivalen Indien daraufhin auf, sich mit Schuldzuweisungen in Richtung Islamabad zurückzuhalten. "Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass man mit voreiligen Schlussfolgerungen vorsichtig sein muss", sagte der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi am Donnerstag.

phw/asc/Reuters/AP/AFP/dpa

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