Ansprache an die Nation Wie der Präsident das Reden lernte

Bushs Rede zur Lage der Nation war eine melodramatische Show, voller Tränen und scharfer Angriffe gegen die Teufel dieser Welt. Sie zeigte, wie sich der US-Präsident vom Sprachtolpatsch zum gewieften Redner entwickelt hat. Das Kunststück vollbrachte sein Ghostwriter Mike Gerson. Leider war es seine letzte Schreibarbeit.

Von , New York


Bush (M.) bei der Rede zur Lage der Nation: Perfektes Timing
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Bush (M.) bei der Rede zur Lage der Nation: Perfektes Timing

New York - Wer immer noch Zweifel hatte, worin George W. Bush seine Berufung sieht, den Sinn seines Amts und sein Erbe an die Geschichte, der weiß es spätestens seit gestern abend. Eine Stunde lang müht sich der US-Präsident da halbherzig durch den ersten Teil seiner Rede zur Lage der Nation, den innenpolitischen. Dann aber läuft er zur Form auf - als es um seinen Krieg gegen den Terror geht und, wie er sagt, sein "ultimatives Ziel, die Tyrannei in unserer Welt zu beenden".

"Die einzige Kraft, die mächtig genug ist, den Aufstieg von Tyrannei und Terror zu stoppen", ruft Bush ins Plenum des Kongresses, "ist die Kraft der menschlichen Freiheit." Da glühen seine Wangen, seine Worte fließen rythmisch, die Augen schimmern, und am Ende kommen ihm tatsächlich die Tränen, echt oder nicht.

Die Tränen kommen Bush in dem Moment, da er innehält, um Janet und William Norwood zu begrüßen, deren 25-jähriger Sohn Byron im November in Falludscha umkam. Die Eltern des Marineinfanteristen sitzen in der Ehrenloge, wie in Trance; vor ihnen, gleich neben der First Lady, sitzt die irakische Menschenrechtlerin Safia Taleb al-Suhail. Zu minutenlangen Ovationen sinken sich die Frauen weinend in die Arme, verhaken sich in ihrer Garderobe, eine unmöglich symbolische Verkettung. Es ist der Höhepunkt des Abends, zu dem Bush in perfektem Timing die elegante Vorlage liefert: "Ladies and Gentlemen, mit dankbaren Herzen ehren wir die Verteidiger der Freiheit." Da springen selbst die Demokraten bebend auf.

Die Hobby-Rhetoriker überschlugen sich

Eloquenz braucht keine Neuigkeiten. Die Ansprache hatte keine Überraschung, kein unerwartetes Detail, keine Initiative, über die nicht sowieso schon geredet wird. Das meiste war bekannt, die Themen waren längst tausendfach kommentiert, die Aufmacher der US-Morgenzeitungen waren sogar bereits vorgefertigt, nach den zwei Stunden zuvor verbreiteten Auszügen. Und doch war die Rede in einer Hinsicht herausragend: Sie war - in jenen weiten Teilen zumindest, die Bush am Herzen liegen - ein Meisterstück der Redekunst.

"Seine beste Performance bisher", schwärmte, leicht hyperbolisch, der republikanische Senator John McCain, kaum ein Bush-Jünger. "Er hat sich wirklich sehr entwickelt seit seinem ersten Jahr im Amt." Sogar die Demokratin Dianne Feinstein konnte nicht anders: "Erhebend, allumfassend, sehr eindrucksvoll", staunte sie. Die Rede motivierte. Viele Antworten gab sie nicht.

Es war kein Zufallstreffer. Schon bei seiner Vereidigungsrede vor zwei Wochen, da überschlugen sich die Hobby-Rhetoriker, rechts wie links: dünn an Details, stark an Erbauungswert. "Eine der fünf besten" dieser Gattung, urteilte der Kolumnist William Safire, selbst einmal Top-Redenschreiber für Richard Nixon. "Weihevoll", fand der "Boston Globe", die Hauszeitung des Bush-Rivalen John Kerry.

Schlichtes Gemüt zur Blüte gebracht

Bushs Auftritt vor dem versammelten Kongress bestätigte es gestern endgültig: Der einst so verspottete Sprachtolpatsch hat sich zum gewieften Redner entwickelt, zumindest nach amerikanischer Maßgabe, wo die Verpackung oft genauso wichtig ist wie der Inhalt. Der Mann, den der Medienprofessor Mark Crispin Miller einmal "Legastheniker" und "Analphabet" genannt hat und über den (zu Recht) so viele Spottbücher mit den schlimmsten "Bushismen" erschienen sind - plötzlich ist er ein gewandter, mitunter mitreißender Orator, der sich wohl dabei fühlt.

"Wir sind Zeugen von Meilenstein-Ereignissen in der Geschichte der Freiheit", sagte Bush gestern zum außenpolitischen Engagement der USA. "In den kommenden Jahren werden wir zu dieser Geschichte mehr beitragen." Solche Töne - die auf Englisch weit weniger gequält klingen als ins sperrige Deutsche übersetzt - kommen nicht von irgendwoher.

Sie kommen, genauer gesagt, von Mike Gerson. Der 40-jährige Ex-Leitartikler des "Wall Street Journals" hat sich als Bushs oberster Ghostwriter längst einen legendären Ruf erschrieben. "Der Schreiberling", wie sie ihn im West Wing nennen, hat ein unfehlbares Gespür dafür, wie er Bushs schlichtes Gemüt mit erbaulicher Wortgewalt zur Blüte bringen kann. "Gerson ist sehr talentiert", sagt selbst Michael Waldman, Redenschreiber für Bushs Vorgänger Bill Clinton. "Er scheint einen Kern des Anstands zu haben, der in seinen Reden durchschimmert." Und dieser Anstand ist genau das, was die Fans in Bush sehen.

Schamlos auf Gott bezogen

"Bush mit einem Gerson-Text klingt viel besser als Bush auf sich selbst gestellt", hat Theodore Sorensen, der Ghostwriter John F. Kennedys, bemerkt. Auf gelbes Linienpapier gekritzelt und meist bei "Starbucks", nicht im fensterlosen Autorenverlies im Souterrain des Weißen Hauses entstanden, gelten Gersons Ergüsse als fast so gut wie die Sorensens, der das berühmteste aller Kennedy-Zitate erfand: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst."

An derlei Brillianz kommt Bush via Gerson nicht heran, aber immerhin, seine Sätze hallen nach, auch wenn Kritiker gerade diesen Hall oft hohl finden. "Wenn du für die Freiheit einstehst, stehen wir für dich ein", sagte er in seiner Vereidigungsrede und gestern wieder, leicht abgewandelt. Oder: "Um deinem Volk zu dienen, musst du lernen, ihm zu vertrauen." Solche Wortkapriolen haben den Bush-Reden sogar das Lob der "New York Times" beschert: "Bemerkenswert gewandt, schlüssig aufgebaut, kompetent verfasst und genial gefertigt."

Bush-Schreiber Gerson (2. v. r.): Sein letzter Auftrag
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Bush-Schreiber Gerson (2. v. r.): Sein letzter Auftrag

Apropos Anstand: "Viele meiner Generation", sagte Bush gestern, "sind nach langer Reise bei Familie und Glauben angelangt und sind entschlossen, verantwortungsbewusste, moralische Kinder aufzuziehen." Auch das ein klassischer Gerson: Religion, Glaube, Frömmigkeit sind seine Markenzeichen, und sie vereinen sich perfekt mit Bushs missionarischem Erlösergeist. Gerson hat Theologie studiert, er liebt Bibelsprüche und bezieht sich schamlos auf Gott. Eines seiner (eigenen) Lieblingszitate stammt aus einer Bush-Rede nach 9/11: "Freiheit und Furcht, Gerechtigkeit und Grausamkeit stehen seit jeher im Krieg, und wir wissen, dass Gott nicht neutral ist."

Hillary Clinton war kalkweiß

Damals deutete sich Bushs Wandlung vom Sprachverhunzer zum Wortveredler schon an. Spätestens mit dem Wahlparteitag im vorigen August war er dann, dank seines Souffleurs mit dem gelben Kritzelpapier, ganz in seine neue Rednerrolle hineingewachsen. Die Vereidigungsrede - seine "Freiheitsrede", so hatte er Gerson beauftragt - und der gestrige Rundumschlag, der quasi eine logische Fortsetzung derselben war, eine Art inhaltliche Ausfüllung der Linien, vollendeten die Kurve.

Zu dumm für Bush, dass das Gersons letzte Rede war. Im Dezember hatte er zwei leichte Herzinfarkte, und jetzt zieht er sich aus dem Redengeschäft in höhere, stressfreiere Berater-Gefilde zurück. Sein Nachfolger ist William McGurn, der zuvor ebenfalls mal Leitartikler beim "Wall Street Journal" war. Auch wenn sie nie öffentlich über ihre Arbeitsteilung reden: McGurn, der sich mit der gestrigen Rede erstmals "warmarbeiten" sollte, war offenbar für den innenpolitischen Teil zuständig. Und der war spürbar spröder und hölzerner als Gersons hochfliegende Globalvision.

Sicher, das lag auch an der Thematik. Renten-, Gesundheits- und Steuerreform ("von oben bis unten"), Arbeitsmarkt, Staatsverschuldung, Energiepolitik, Aids-Bekämpfung und "jeder Schulabschluss eine Eintrittskarte zum Erfolg", wen erhebt das schon. Dazu die obligatorische Floskel "Die Lage der Nation ist zuversichtlich und stark" - wortgleich wie im letzten Jahr. Lieblos las sich Bush durch die Liste, artig sprangen die Republikaner bei den Applaus-Stichworten auf, trotzig blieben die Demokraten auf ihren Händen sitzen. Hillary Clinton, noch ganz mitgenommen von einer kürzlichen Lebensmittelvergiftung, lauschte kalkweiß dem Schauspiel.

Die Engel weinten nicht

"Lassen Sie es mich mal so sagen", erläuterte Gerson neulich in einem Interview die Herausforderungen seines nunmehr Ex-Jobs. "An den meisten Tagen schreibst du nur für die Schlagzeilen des nächsten Tages. Zu einigen wenigen Gelegenheiten schreibst du für die Geschichte. Und ein- oder zweimal mag eine Zeit kommen, da schreibst du für die Engel."

Schön gesagt. Gestern abend jedenfalls weinten nicht die Engel. Sondern eine Irakerin, die ihre verlorene Heimat wiederbekommen hat, und ein älteres Ehepaar, das dafür seinen Sohn verloren hat. Das wird heute das Bild des Tages sein und sich in der Erinnerung derer einbrennen, die dabei waren. Was Bush gesagt hat, dürfte dann längst vergessen sein.



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