Anti-Bush-Proteste in New York Schaukampf gegen die Republikaner-Show

Hunderttausende Gegendemonstranten haben die Republikaner zum Auftakt ihres New Yorker Parteitags mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. Auch unter den Delegierten selbst gab es Unmut. Dem soll das Programm des Konvents ab heute mit einem Schmusekurs entgegensteuern.

Von , New York


Demonstranten auf der Fifth Avenue: "Warum mag uns keiner?"
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Demonstranten auf der Fifth Avenue: "Warum mag uns keiner?"

New York - Demetrio Muñoz reckt sich, stellt sich in Positur, schiebt das kantige Kinn vor und bleckt die Zähne. "Es ist Zeit, dass ich mich engagiere", sagt der 30-jährige Finanzmakler aus Manhattan. Also ist er vorige Woche den Republikanern beigetreten, einfach so, zum Schrecken seiner meist liberalen Freunde.

Das hat er nun davon. "Heute morgen", seufzt Muñoz, halb amüsiert, halb ernst, "hätte ich mich hier fast nicht aus dem Haus getraut."

Nicht, dass er sich Sorgen machen müsste. Ein massiver Polizeikordon sorgt dafür, dass sich Muñoz und mehrere hundert Mitglieder der Log Cabin Republicans, der wackeren Schwulenfraktion der Partei, ungestört zum Cocktailplausch treffen können, in einem feinen Restaurant am Bryant Park hinter der Fifth Avenue. Draußen stehen die Cops, Revolver im Holster. Drinnen stehen die Gäste, Spinatröllchen in der Hand, und beklagen ihr doppeltes Außenseiterlos - sozial entfremdet von der eigenen Partei, politisch verhasst von denen auf der Straße, heute zumindest. "Warum", fragt Muñoz, "mag uns keiner?"

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New York: Protest gegen Bush

Ein Blick die Fifth Avenue hinunter wäre Antwort genug. Zu Hunderttausenden marschieren die New Yorker da über den glühenden Asphalt, um ihrem Unmut über die Republikaner und vor allem Präsident George W. Bush Luft zu machen - die größte Gegendemonstration, die es je zu einem US-Parteitag gegeben hat. Über sieben Stunden quälen sie sich durch die Hitze, füllen 45 Straßenblocks in Midtown mit ihrer Wut, zu Fuß, auf Rollerskates, auf Stelzen, auf Krücken, mit Fahrrädern, Kinderwagen und Rollstühlen - und mit dem gleichen Ideal wie Demetrio Muñoz und seine Parteifreunde auf ihrer Terrassenparty: Sie engagieren sich.

Mit einem krasseren Kontrast hätte sie hier gestern kaum beginnen können, diese Woche politischen Schaulaufens und Schaukämpfens. Die Republikaner sind "in town", um sich mit ihrem Wahlparteitag in Siegerlaune zu bringen - und sie sind in Feindesland. Und so bereitet die Stadt, in der die Demokraten 5:1 überlegen sind und Umfragen zufolge über die Hälfte der Leute schon jetzt die Nase voll haben von dem ganzen Rummel, den Delegierten einen typisch New Yorker Empfang: barsch, rüde, laut, zornig.

Doch bei allem Unmut, der da in den Straßen explodiert, schimmert auch jener Galgenhumor durch, mit dem die New Yorker nicht erst seit dem 11. September 2001 hier ihren Alltag meistern. Das ist schon ganz zu Beginn dieser Großdemo zu spüren, dort wo sich Geenwich Village und Chelsea berühren, Bohème und Hedonismus - ein Bezirk, in dem die Republikaner bei der letzten Stadtratswahl immerhin auf 26 Prozent kamen. "Gigolos for Kerry", steht da auf einem handgemalten Plakat, das ein älterer Herr herumträgt, und auf einem anderen: "Jesus ist ein Liberaler."

53 Radler festgenommen

Doch in erster Linie ist es den Protestlern bitterernst. Hunderte organisierte Einzelgruppen beteiligen sich an dem Mammutmarsch, plus Prominente wie Filmemacher Michael Moore, Bürgerrechtler Jesse Jackson und Hollywood-Star Danny Glover, plus zahllose Passanten, die sich einfach anschließen. Über eine halbe Million zählen die Veranstalter, die Polizei spricht von 120.000 Teilnehmern. Egal: So kunterbunt ihre Einzelanliegen (die plakatierten Forderungen reichen von "Stop Bush" über "Rettet den Wald" bis hin zu "Hände weg von Haiti"), so unisono ist ihre "klare Botschaft an Bush", wie es die alt gediente Aktivistin Leslie Cagan formuliert, Koordinatorin des Ganzen - "No!"

Bitterernst ist es auch jenen, die sich mit Dutzenden Pappsärgen einreihen - mit US-Sternenbannern dekoriert, wie Soldatensärge aus dem Irak. "Die Republikaner sehen New York als PR-Gag", sagt der Regisseur Michael de Seve, der in seiner Brooklyner Wohnung wochenlang mit ein paar Freunden an den Attrappen gebastelt hat. "Das nehmen wir nicht hin." Mit der Polizei will sich de Seve indes nicht anlegen, und deshalb hat er dem NYPD die Baupläne seiner Särge auch vorab zur Verfügung gestellt, als Nachweis, dass diese "leicht und sicherheitsfreundlich" seien.

Sicherheitsfreundlich ist der Großteil des Tages sowieso - nicht unbedingt zur Freude der Republikaner, bei denen einige ja auf Krawall gesetzt hatten, den man dann den Demokraten hätte anhängen können. Stattdessen herrscht eher karnevalistisches Treiben wie bei einer Puerto Rican Day Parade, mal abgesehen von ein paar Rangeleien und dem Verbrennen eines Drachens aus Papiermaché. Der Zündler wird festgenommen, ein Polizist verbrennt sich die Hand.

Bis zum Abend gibt es rund 200 Festnahmen, darunter auch eine Gruppe von 53 Radlern, die die Polizisten an der Park Avenue komplett einkassieren. Alles in allem aber lobt Donna Lieberman, die ganz vorne mitmarschierende Chefin der Bürgerrechtsgruppe NYCLU, den "Geist der Kooperation" auf beiden Seiten.

Verkauf der eigenen Seele

Ein Kontingent schert aus der Marschroute aus und bricht zum Times Square durch, um dort hunderte Parteitagsdelegierte zu verschrecken, die in den Matinées familienfreundlicher Broadway-Shows ("Aida", "Phantom der Oper") Zuflucht gesucht haben. "Niemand stellt eine so tolle Show auf die Beine wie der Broadway", begrüßt Bürgermeister Mike Bloomberg - ein Republikaner zwar, doch, wie der "New Yorker" schreibt, "mehr noch ein New Yorker" - die Ehrengäste von der Bühne herab. Was das aber wirklich heißt, merken die erst hinterher: "Verschwindet aus New York!", brüllen ihnen die Demonstranten draußen zu. Doch die Republikaner, angetan mit Smoking, Abendkleid und Cowboyhüten, lassen sich nicht irritieren: "Four more years!", skandieren sie unerschrocken zurück - der Schlachtruf Bushs.

Eine bezeichnende Protestkundgebung anderer Art vollzieht sich unterdessen am Bryant Park, beim Empfang der Log Cabin Republicans. Die hat Bushs Widerstand gegen die Schwulenehe in tiefe Gewissenskonflikte gestürzt: Sie wollen doch so gerne "die Zukunft der Partei" feiern, wie es ihr politischer Direktor Chris Barron sagt - aber unter Verkauf der eigenen Seele? Eine Million Schwule und Lesben hätten vor vier Jahren für Bush gestimmt, sagt Barron: "Diese Stimmen setzt er nun ernsthaft aufs Spiel."

Schmusepartei mit Kuschelvokabular

So schnell platzt es, das Partei-Idyll. Dass Bush die Homo-Ehe zum Wahlkampfthema gemacht hat, ist natürlich nur ein Köder für die Rechten, doch diesmal spielen nicht alle mit - zumal sich 50 der 2509 Parteitagsdelegierten inzwischen lautstark zu ihrer Homosexualität bekennen und die Parteimitte aufstacheln. Und so gerät das nette Lunchtreffen, trotz rot-weiß-blauer Luftballons und harmonischer Jazzmusik, zum Seiltanz zwischen Devotion und Dissonanz, und der allgegenwärtige Bloomberg trifft's wieder mal am besten: "Jeder muss sein dürfen, wer er ist."

"Wir stehen im Kampf um das Herz und die Seele der Partei", sagt Chris Barron. Das weiß auch die Parteispitze und hat schnell den Vizepräsidenten Dick Cheney, dessen Tochter lesbisch ist, mit schlichtenden Worten an die Homo-Front geschickt.

Auch sonst wollen sich die Republikaner diese Woche als Schmusepartei der Mitte gerieren, mit moderaten Star-Rednern wie John McCain und Arnold Schwarzenegger. Im Parteitagsprogramm - um vier Stunden kürzer als das der Demokraten - wimmelt es von Kuschelvokabular: "Mitgefühl", "Courage", "Hoffnung", "Verheißung". Die Delegierten selbst werden derweil tagsüber durch die Stadt gejagt, um ihr "amerikanisches Mitgefühl" unter Beweis zu stellen: Arkansas hilft bei Bauarbeiten in der Bronx, Utah in einer Suppenküche in Staten Island, Missouri säubert die trüben Gossen von Chinatown.

Kehrmaschinen zur Stelle

Womit sich am Ende doch alle einig sind, Gäste wie Gastgeber: New York soll sauber bleiben. Kaum schlurfen zum Sonnenuntergang die letzten, müden Demonstranten am Madison Square vorbei, sind schon die Kehrmaschinen zur Stelle. Zertrampelte Pappschilder, zerrissene Transparente, Wasserflaschen: Gnadenlos entfernen sie alle Zeugnisse des Protests von der Straße, und binnen Minuten sieht alles wieder aus wie vorher. Eine kleine Gruppe Delegierter wagt sich lachend aus den Schatten, Akkreditierungen um den Hals baumelnd. Der Parteitag kann beginnen.



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