Anti-China-Proteste Brown empfängt Fackelträger - chaotische Szenen in London

Sie kamen mit Feuerlöschern, versuchten, die Olympische Flamme zu rauben: In London ist es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Mehr als tausend Anti-China-Aktivisten sorgten allein vor der Downing Street für Chaos.


London - Es war kein friedlicher Tag in London: 2000 Sicherheitskräfte und zahlreiche chinesische Gesandte in blauen Trainingsanzügen beschützten die 80 Athleten und Prominenten, die die Olympische Flamme zu Fuß, auf dem Fahrrad sowie per Schiff und Bus rund acht Stunden lang durch die britische Hauptstadt trugen - und immer wieder kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Rund 35 Demonstranten wurden festgenommen.

Trotz der zahlreichen Zwischenfälle empfing der britische Premierminister Gordon Brown die Träger des olympischen Feuers am Sonntag vor seinem Amtssitz in Nummer 10 Downing Street - während sich auf der Straße Demonstranten Handgemenge mit der Polizei lieferten. Unterstützer der Regierung in Peking schwangen chinesische Flaggen und schlugen Trommeln, während Brown zu den Sportlern sprach, die die Flamme trugen. Oppositionelle Politiker und Aktivisten kritisierten Brown für seine Teilnahme an der Zeremonie.

Im Westen Londons riss ein Demonstrant die Fackel an sich, ehe ihn die Polizei überwältigte, ein anderer versuchte, die Flamme mit einem Feuerlöscher auszublasen. An der Stelle, an der der chinesische Botschafter Fu Ying die Fackel übernehmen sollte, war die Zahl der Demonstranten besonders groß. Der Ablauf wurde deshalb geändert, Fu ergriff die Fackel anders als geplant in Chinatown.

An der Westminster-Brücke in der Nähe des Parlaments enthüllten zwei Aktivisten bereits am Samstag ein Transparent mit der Aufschrift: "Eine Welt, ein Traum: Befreit Tibet 2008." Der Text war eine Anspielung auf das offizielle chinesische Olympia-Motto: "Eine Welt, ein Traum".

Auf der rund 50 Kilometer langen Strecke zwischen dem Wembley-Stadion im Nordwesten der britischen Hauptstadt und der Arena im Stadtteil Greenwich im Südosten kam es immer wieder zu Protestaktionen und Handgemengen. Während Absperrungen an den wichtigsten Punkten der Strecke Anti-China-Demonstranten zurückhielten, durften sich prochinesische Aktivisten frei bewegen.

Einer tibetischen Gruppe zufolge wurden am Wochenende bei erneuten Unruhen in China mindestens acht Menschen getötet. Polizisten schossen in der südwestlichen Provinz Sichuan auf eine protestierende Gruppe von Anwohnern und Mönchen, wie die Internationale Bewegung für Tibet berichtete. Seit Beginn der tibetischen Unruhen in China Mitte März sind nach offiziellen Angaben 19 Menschen bei Protesten getötet worden. Die Exil-Tibeter sprechen dagegen von etwa 140 Toten und Hunderten Festnahmen.

Das olympische Feuer war vergangene Woche in Athen entzündet worden und reist auf dem Weg nach Peking durch 20 Länder. Nächste Station ist Paris.

Der Dalai Lama geht unterdessen nach wiederholten Vorwürfen der chinesischen Regierung gegen ihn in die Offensive. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter wies die Anschuldigungen entschieden zurück, er habe die jüngsten anti-chinesischen Proteste in der Himalaya-Region angezettelt. "Diese Vorwürfe sind völlig falsch", erklärte der Dalai Lama in einer Stellungnahme auf der Internetseite der tibetischen Exilregierung. Auch eine Verantwortung der Exilregierung wies er zurück und forderte Beweise für die Vorwürfe.

China hatte den Dalai Lama wiederholt öffentlich angegriffen und ihn für die Unruhen in Tibet verantwortlich gemacht. In der vergangenen Woche hatte die Regierung erklärt, in buddhistischen Klöstern in Tibet seien Waffen und Sprengstoff gefunden worden. Auch gebe es Hinweise darauf, dass der Dalai Lama Exil-Gruppen im Kampf für die Unabhängigkeit Tibets unterstütze.

jul/tno/dpa/AP/Reuters



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