Anti-Terror-Einsatz in Saint-Denis Sieben Stunden Belagerung - das Protokoll

Blendgranaten, Scharfschützen, Sprengstoff: Das Sonderkommando der Polizei hat mehr als 5000 Schüsse auf die Terrorzelle in Saint-Denis abgefeuert - "wie im Krieg", sagen Anwohner. Die Rekonstruktion des Einsatzes.

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Von , Paris


Von einer "neuen Form des Krieges" spricht Premier Manuel Valls. Einen Tag nach der Razzia gegen eine Terrorzelle des "Islamischen Staats" (IS) warnt der französische Regierungschef im Parlament vor Angriffen mit chemischen Waffen. Er lobt den Einsatz der Sicherheitskräfte in Saint-Denis, die Polizeiaktion sei "ohne Beispiel".

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Heft 48/2015
Wie die Demokratie den Terror abwehren kann

Mehr als 110 Männer des Elitekommandos waren während der mehr als siebenstündigen Operation am Mittwoch im Pariser Vorort Saint-Denis im Einsatz, sie feuerten mehr als 5000 Schüsse ab. Anwohner berichten von "Szenen wie im Krieg". Wegen des Belagerungszustands mussten 15.000 Menschen bis zum Nachmittag in ihren Häusern bleiben.

Mindestens drei Terroristen wurden getötet und acht Personen verhaftet. Ziel des Einsatzes war Abdelhamid Abaaoud: Der Belgier gilt als Drahtzieher der Anschläge vom vergangen Freitag, bei dem 129 Menschen ermordet wurden. Er kam bei der Aktion ums Leben, wie am Donnerstag bekannt wurde. Der in ganz Europa gesuchte Salah Abdeslam war nicht unter den Festgenommenen.

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"Frankreich hat es mit einer neuen Form des Terrorismus zu tun", sagt Polizeichef Jean-Marc Falcone in der Zeitung "Parisien": "Wir stehen erstmals Selbstmordattentätern gegenüber, vielleicht sogar der ersten Frau als Kamikaze."

Aus französischen Medienberichten lässt sich der Ablauf der Operation rekonstruieren:

  • 4.00 Uhr: Sicherheitskräfte der Eliteeinheit RAID (Suche, Unterstützung, Intervention, Abschreckung) werden rund um das Haus an der Rue du Corbillon zusammengezogen, Scharfschützen beziehen Stellung auf Dächern rund um das Objekt. Ein Beamter der Anti-Terror-Abteilung führt das Kommando zur konspirativen Wohnung im dritten, obersten Stock.
  • 4.16 Uhr: Sprengladungen werden am Eingang der Wohnung platziert und gezündet. Es gelingt aber nicht, die gepanzerte Wohnungstür freizusprengen. Der Überraschungseffekt misslingt, die fünf verschanzten Terroristen schießen abwechselnd aus Kalaschnikows, um das Dauerfeuer der Sicherheitskräfte zu stoppen. Es folgt ein heftiger Feuerwechsel.
  • 4.45 Uhr: Das RAID-Kommando, geschützt hinter einem Metallschild auf Rollen, nimmt drei Männer in Gewahrsam, die sich ergeben haben. Sie werden aus dem Gebäude geführt. Nach einer kurzen Pause kommen die Elitepolizisten erneut und anhaltend unter Feuer aus automatischen Waffen, Granaten explodieren. Die Sicherheitskräfte antworten mit 40-Millimeter-Granaten, die Feuerwechsel lassen nach. Die Beamten schicken einen Schäferhund vor, der getroffen wird.
  • 5.30 Uhr: "Helft mir, ich brenne", ist eine Frauenstimme aus dem dritten Stock zu hören. Die Polizisten fordern die Frau auf, sich zu identifizieren. Diese zeigt daraufhin am Fenster ihre Hände. "Ergeben Sie sich, Hände hoch", rufen die Polizisten, "sonst schießen wir." Es folgt Gewehrfeuer und dann eine starke Explosion durch die Zündung eines Sprengstoffgürtels. In der belagerten Wohnung wird eine tragende Wand erschüttert, Fenster werden aus den Verankerungen gedrückt.
    "Teile eines zerfetzten Körpers, der Kopf einer Frau, wurden aus dem Fenster geschleudert", sagt Jean-Michel Fauvergue, der Chef der Eliteeinheit. Die Wucht der Detonation reißt Wasserleitungen aus der Wand, der Fußboden stürzt an mehreren Stellen ein. Während Drohnen Luftbilder übermitteln, feuern Scharfschützen in den Raum. Sie treffen einen der Verschanzten.
  • 6.00 Uhr: Im zweiten Stock, direkt unter der konspirativen Wohnung, finden die Polizisten einen leblosen Körper. Von dort können sie mit ferngelenkten Kameras die Situation in der Etage darüber erkunden. Sie entdecken zwei weitere Mitglieder der Terrorgruppe, die sich in den Trümmern versteckt hatten. Drei weitere Personen werden bei der Operation einige hundert Meter von der Wohnung entfernt gefasst. Einer von ihnen ist Jawad B.. Der 27-Jährige hatte den Terroristen die Wohnung in der Rue du Corbillon zur Verfügung gestellt. Außerdem seine Lebengefährtin, sowie eine weitere Person. Jawad gab zu Protokoll, dass er nichts über die Identität der Terroristen gewusst habe.
  • 11.30 Uhr: Nach weiteren Untersuchungen geht die mehr als siebenstündige Operation zu Ende. Wegen der Explosion können die Ermittler zunächst nicht klären, ob zwei oder drei Terroristen getötet wurden. Später stellen sie fest, dass Abaaoud nicht mehr am Leben ist.

Am Abend berichtet Oberstaatsanwalt François Molins, dass die Gruppe von Saint-Denis offenbar "bereit zum Angriff" war. Auch einen Tag nach der Operation sind noch immer Experten der Spurensicherung sowie Gerichtsmediziner in dem baufälligen Haus bei der Arbeit.

Frankreichs Parlament berät derweil über eine Gesetzesvorlage von Präsident François Hollande, um den seit Freitag geltenden Ausnahmezustand auf drei Monate zu verlängern.

Video: Augenzeuge filmt Razzia in Saint-Denis

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