Antisemitismus-Debatte "Judenfeindlichkeit war in Polen nach 1945 weit verbreitet"

Gegen ihn wird wegen Beleidigung der Nation ermittelt, und sein Buch über die Ermordung von Juden in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg hat eine heftige Debatte ausgelöst. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Soziologe Jan Gross über den polnischen Antisemitismus.

SPIEGEL ONLINE: Der Krakauer Erzbischof Stanislaw Dziwisz warnt, ihr neuestes Buch "Strach" ("Angst") enthalte "antipolnische" Tendenzen. Was regt den Geistlichen so auf?

Gross: Ich glaube kaum, dass er mein Buch gelesen hat. Dennoch sagt er, es ermutige nicht zum katholisch-jüdischen Dialog.

SPIEGEL ONLINE: In Krakau wird ermittelt, ob ihr Buch die "polnische Nation" beleidigt. Darauf stehen bis zu zwei Jahren Gefängnis. Haben Sie Angst?

Gross: Das kann ich nicht ernst nehmen. Man kann Bücher nicht verbieten. Mir sind viele Historiker und Publizisten öffentlich beigesprungen, selbst wenn sie gar nicht meiner Meinung sind. Der Vorstoß des Staatsanwaltes fußt auf einem Gesetz, das die abgewählte Kaczynski-Regierung beschlossen hatte. Es wird noch vom Verfassungsgericht überprüft und ich rechne damit, dass es kassiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Historiker schätzen, dass zwischen 300 und 1500 Juden im Polen der Nachkriegszeit ermordet wurden. Wie antisemitisch war die polnische Gesellschaft?

Gross: Das ist sehr schwer zu sagen. Schriftliche Quellen, Briefe, Erinnerungen und Augenzeugenberichte legen aber nahe, dass Judenfeindlichkeit nach 1945 im ganzen Land sehr weit verbreitet war.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich dann erklären, dass Polen die Nation ist, die in der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vashem die meisten "Gerechten unter den Völkern" - also Judenretter - stellt?

Gross: Nirgends auf der Welt gab es eine so große jüdische Gemeinde wie in Polen. Für viele, vor allem in den Städten, waren die Juden ganz normale Mitbürger, denen man natürlich geholfen hat. Und tief gläubigen Katholiken verbot sich der Judenhass sowieso.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt für den polnischen Antisemitismus die Tatsache, dass die Deutschen den Holocaust auf polnischem Territorium angerichtet hatten?

Gross: Eine ganz entscheidende. Die deutsche Besatzung war unglaublich brutal. Die Polen wurden als Untermenschen betrachtet, vor deren Augen man ganz ungeniert Massenmorde begehen konnte - während die Nazis sich mühten, den Holocaust vor dem eigenen Volk beispielsweise zu verstecken. Das senkte die Hemmschwelle, zumal es schon vor dem Krieg Antisemitismus gab. Es gab auch etliche Polen, die sich an jüdischem Eigentum bereicherten und sich so in den Judenmord der Nazi hineinziehen ließen.

SPIEGEL ONLINE: Der polnische Antisemitismus gipfelte in Pogromen. In Kielce fielen dem Mob 1946 rund 40 Menschen zum Opfer. Warum taten die kommunistischen Machthaber so wenig?

Gross: Die Kommunisten hatten ein zwiespältiges Verhältnis zum Antisemitismus. Er war ideologisch nicht mit dem marxistischen Denken zu vereinbaren. Sie wussten, dass Judenfeindlichkeit verbreitet war, aber sie ignorierten das Problem. Die Parteiführung hatte Angst davor, den Eindruck zu erwecken: Die Kommunisten verteidigen die Juden.

SPIEGEL ONLINE: Trägt auch die katholische Kirche eine Mitschuld?

Gross: Das Pogrom in Kielce brach aus, weil es Gerüchte gab, die Juden würden an Kindern Ritualmorde begehen und mit ihrem Blut Brot backen. Die Bischöfe, lehnten es bis auf einen ab, einen Hirtenbrief herauszugeben, der diese Geschichten als antisemitische Märchen gebrandmarkt hätte. Weite Kreise der katholischen Kirche waren extrem antisemitisch. Sie betrachteten die Juden als Jesus-Mörder.

SPIEGEL ONLINE: Als sie vor sieben Jahren ihr Buch "Nachbarn" vorlegten, ging ein Aufschrei durch das Land. Darin beschreiben sie, wie 1941 im Windschatten der Nazi-Besatzung die Bürger von Jedwabne ihre jüdischen Nachbarn ermordeten. Hat sich das Klima seit damals verändert?

Gross: Die Diskussion über mein jetziges Buch "Strach" hat gerade erst begonnen. Die Polen haben offenbar ein großes Interesse an dem Thema gewonnen. Die wollen das Buch lesen. Wir haben in nur knapp drei Wochen mehr als 50.000 Exemplare verkauft. Auch geben nationalistische Kräfte derzeit nicht den Ton in Polen an: Die Liga der polnischen Familien, eine Partei mit deutlich antisemitischen Tendenzen, hat den Einzug ins Parlament nicht geschafft. Auch hat Pater Rydzyk, der den katholischen, nationalistischen Sender Radio Maryja betreibt, deutlich an Bedeutung verloren.

Das Interview führte Jan Puhl

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