Antisemitischer Überfall in Créteil Frankreichs Juden in Angst
Premier Manuel Valls sprach von einer "Gräueltat", Innenminister Bernard Cazeneuve von einer "antisemitischen Aggression" und erinnerte an die "Entschlossenheit der Regierung, unablässig gegen jede Form von Rassismus und Antisemitismus" vorzugehen: Der brutale Überfall auf ein jüdisches Paar im Pariser Vorort Créteil sorgt für einen Aufschrei des Entsetzens in Frankreich und für empörte Äußerungen der Regierung.
Drei bewaffnete vermummte Jugendliche hatten die Tat offenbar aus religiösem Hass begangen, waren am hellichten Tag in die Wohnung der 19-jährigen Frau und ihres 21 Jahre alten Freundes eingedrungen, raubten Geld und Schmuck und sollen die Frau vergewaltigt haben.
Übergriffe auf Frankreichs Juden gehören im Land der Gleichheit mittlerweile beinahe zum Alltag. Antisemitische Attacken seien seit 2000 angestiegen, berichtet die Beobachtungsstelle Kriminalität und strafrechtliche Verfolgung (ONDRP). Allein 2013 verzeichnete die Behörde 423 Taten. Wobei die Statistiker einräumen, dass die Zahlen nur schwer zu interpretieren seien. "Die Übergriffe reichen von antisemitischen Schmierereien und Hakenkreuzen bis hin zu blutigen Gewalttaten", sagte die Politologin Nonna Mayer der Tageszeitung "Le Parisien".
Der brutale Überfall von Créteil erinnert fatal an den Fall Ilan Halimi: Der junge Verkäufer von Mobiltelefonen war vor acht Jahren entführt worden, wurde drei Wochen in einem Kellergelass gefangen gehalten und schließlich von der selbst ernannten "Gang der Barbaren" ermordet. Auch damals glaubte ihr Anführer, er könnte von der Familie ein Lösegeld erpressen: "Die Juden sind reich und können zahlen."
Seither hat sich wenig geändert in Frankreich. Trotz der landesweiten Solidarität für die Familie des Opfers gibt es weiter Antisemitismus. Die Nationale Beratungskommission für Menschenrechte verzeichnet zwischen 2012 und 2013 eine "abnehmende Toleranz" gegenüber Juden und das Fortbestehen von einer Reihe von Klischees, die ihnen zugeschrieben werden: vor allem in Hinblick auf ihr Verhältnis zum Geld, "das ihrem Charakterbild zugeordnet wird".
Die Selbsthilfeorganisation Schutzdienst für die jüdische Gemeinschaft (SPCJ) macht für den Anstieg der Attacken auch das Internet verantwortlich. "Die Zahl der Blogs, Foren und Mails mit antisemitischem Charakter hat sich im Internet exponentiell entwickelt", heißt es im jüngsten Jahresbericht der Nichtregierungsorganisation. Die verbalen Ausfälle bereiteten den Boden für die Umsetzung in die Tat, ist ihre Schlussfolgerung.
In den ersten sieben Monaten dieses Jahres gab es sogar eine dramatische Zunahme antisemitischer Vorfälle von 91 Prozent, mit einem Anstieg schwerer Übergriffe von 126 Prozent. Und: "40 Prozent aller rassistischen Angriffe richten sich gegen Juden - die gerade ein Prozent der französischen Gesellschaft ausmachen", heißt es in dem Bericht.
Regierung rechnet mit Rekord-Exodus
Von den rund 500.000 Staatsbürgern jüdischen Glaubens entscheiden sich immer mehr für eine Übersiedlung nach Israel. Schon 2013 gab es eine Steigerung der Emigration von 70 Prozent, obwohl das "Gelobte Land" vom Gaza-Krieg und von wirtschaftlichen Krisen erschüttert wurde. Für dieses Jahr rechnet die französische Regierung mit einem Rekord-Exodus von etwa 5000 Auswanderern. Der Grund zumeist: ein Klima von Unsicherheit angesichts von Ablehnung oder offenem Hass.
"Die Taten und Drohungen scheinen in enger Beziehung zum israelisch-palästinensischen Streit zu stehen", sagt Politologin Mayer. "Sie nahmen zu nach der zweiten Intifada, der Operation 'Gegossenes Blei' (2008/9) und dem Militäreinsatz dieses Sommers in Gaza", erläutert die Forschungsdirektorin der Pariser Elite-Uni Sciences-Po.
Mayer glaubt jedoch nicht an eine Zunahme antijüdischer Einstellungen in der Gesellschaft - was viele Juden aber anders sehen: "Der Antisemitismus in Frankreich ist nicht länger eine konjunkturelle Erscheinung, gekoppelt an die Entwicklung und den Konflikt im Nahen Osten", schreiben die Autoren der jüdischen Selbsthilfeorganisation SPCJ: "Er ist längst ein strukturelles Problem, das nicht so bekämpft wird, wie es nötig wäre."