Antisemitische Hassverbrechen in den USA Im Herzen von Jersey City

Bei einem Attentat auf einen koscheren Supermarkt in New Jersey starben drei Menschen, zuvor wurde ein Polizist erschossen. Die Taten belegen, was jüdische Gemeinden längst beklagen: Auch in den USA nimmt die Gewalt gegen sie zu.
"Das war ein Terrorakt": Eine Polizeistreife am Tatort in Jersey City

"Das war ein Terrorakt": Eine Polizeistreife am Tatort in Jersey City

Foto: Bryan R. Smith/ AFP

Douglas Miguel Rodriguez arbeitete seit einem Jahr in einem jüdischen Supermarkt in Jersey City. Der Immigrant aus Ecuador hatte seine Schicht am Dienstag gerade begonnen, als ein Mann und eine Frau in den Laden stürzten und um sich schossen.

Rodriguez half einem verwundeten Kunden noch durch die Hintertür ins Freie. Er selbst schaffte es nicht mehr.

Der 49-Jährige war eines von drei Todesopfern des Anschlags auf den "JC Kosher Supermarket". Zwei waren Juden. Auch die Täter, die zuvor anderswo noch einen Polizisten erschossen hatten, kamen bei einem sich anschließenden Feuergefecht mit der Polizei um, drei weitere Menschen wurden verletzt. Es war der blutigste Tag in der jüngeren Geschichte dieser Stadt am Hudson River, gleich gegenüber von Manhattan.

Doch was wie ein Raubüberfall à la Bonnie und Clyde aussah, hat sich seither als etwas Ominöseres entpuppt.

Stundenlanges Feuergefecht: Spezialkommandos in Jersey City

Stundenlanges Feuergefecht: Spezialkommandos in Jersey City

Foto: Eduardo Munoz Alvarez / AP

"Das war ein Terrorakt", erkannte New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio als einer der Ersten, nachdem sich das Chaos gelegt hatte. "Ein vorsätzliches, antisemitisches Hassverbrechen." Auch das FBI klassifizierte die Tat inzwischen anhand neuester Erkenntnisse über die Todesschützen als "einheimischen Terrorismus" - ein gezielter Angriff, befeuert "von Antisemitismus und Antipathie gegen die Polizei".

Damit wäre der Angriff in Jersey City kein Einzelfall. Wie in Europa beobachten jüdische Organisationen auch in den USA einen starken Anstieg rechtsextremer und antisemitischer Gewalt. Nach Berechnung der Anti-Defamation League (ADL) wurden 2018 mindestens 50 Menschen von rechtsextremen Tätern ermordet, so viele wie seit 1995 nicht mehr. Allein elf kamen im Oktober 2018 bei dem Terroranschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh um.

Die schlagzeilenträchtigen Bluttaten sind die Spitze eines Eisbergs: Insgesamt kam es in den USA voriges Jahr zu fast 1900 antisemitischen Vorfällen  - Körperverletzung, Belästigung, Beschimpfung, Vandalismus an Schulen, in Synagogen und auf Friedhöfen.

"Juden in Amerika fühlen sich so gefährdet wie seit Jahrzehnten nicht mehr", hatte die ADL schon vor dem Anschlag von Jersey City gewarnt. Der war aber trotzdem nach wenigen Tagen wieder weitgehend aus den Nachrichten verschwunden, verdrängt vom Getöse um das absehbare Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump.

Die Spur beginnt im Nachbarort: Polizisten in Jersey City

Die Spur beginnt im Nachbarort: Polizisten in Jersey City

Foto: Seth Wenig / AP

Was auch daran liegen dürfte, dass Ablauf, Motiv und Hintergründe der Tat weiter nicht hinreichend geklärt sind. Die Ermittlungen umfassen mittlerweile auch einen Mord vom Wochenende zuvor: Da war Michael Rumberger, ein Taxifahrer, im Kofferraum eines Autos im Nachbarort Bayonne entdeckt worden, man hatte ihn erschlagen.

Bei der Fahndung nach Rumbergers Mördern stieß der Polizist Joe Seals, 40, nach Behördenangaben am Dienstag auf einen Lieferwagen, der auf einem Friedhof in Jersey City geparkt war. Als Seals sich dem Fahrzeug genähert habe, sei er sofort erschossen worden. Die zwei Insassen seien daraufhin mit dem Wagen geflüchtet.

Überwachungsvideos zufolge parkten sie nicht mal zwei Kilometer entfernt an dem jüdischen Supermarkt, stiegen mit Gewehren in der Hand aus und drangen in den Laden ein. Einsatztrupps der Polizei und des FBI sowie eine Bombeneinheit umstellten das Gelände. Es kam zu einem längeren, laut durch die Straßen hallenden Feuergefecht.

Im Supermarkt starben neben Rodriguez zwei weitere Menschen, beide waren Juden: Leah Mindel Ferencz, 33, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann besaß, und Moshe Deutsch, 24, ein Student, der zufällig einkaufen war. Deutschs Vater Abraham Deutsch ist ein prominentes Mitglied der orthodoxen jüdischen Gemeinde Brooklyns.

Kein Einzelfall: Trauerfeier nach dem Attentat auf eine Synagoge in Pittsburgh im August 2018

Kein Einzelfall: Trauerfeier nach dem Attentat auf eine Synagoge in Pittsburgh im August 2018

Foto: Gene J. Puskar/ AP

Die Gemeinde in Jersey City ist deren Ableger: Vor ein paar Jahren zogen Dutzende jüdische Familien aus Brooklyn, das durch Gentrifizierung zusehends teurer wurde, ins billigere Jersey City um. Im Viertel Greenville, wo sonst meist Schwarze wohnen, gründeten sie eine neue Enklave. Konflikte, wie es sie in Brooklyn früher vor allem mit benachbarten Afroamerikanern gegeben hatte, blieben bis vor Kurzem aber aus.

Die Polizei identifizierte die Schützen als David Anderson, 47, und Francine Graham, 50. Sie hätten vier Waffen dabei gehabt, darunter ein halbautomatisches AR-15-Gewehr. In ihrem Lieferwagen habe man eine scharfe Rohrbombe und ein knappes, wirres "Manifest" gefunden.

Auch anderweitig verdichteten sich die Hinweise auf ein gezieltes Hassverbrechen. Anderson, ein wegen illegalen Waffenbesitzes vorbestrafter Armeeveteran, soll nach Justizangaben antisemitische und polizeifeindliche Parolen im Internet gepostet haben. Er wurde außerdem als Sympathisant der Black Hebrew Israelites bezeichnet, doch seine Verbindung zu diesem Netzwerk aus zersplitterten Sekten blieb zunächst unklar.

Die Black Hebrew Israelites, die mit dem Judentum nichts zu tun haben, betrachten Schwarze und andere Nicht-Weiße als das einzige "auserwählte" Volk Israels. Die Bürgerrechtsgruppe Southern Poverty Law Center bezeichnet sie als antisemitische Hassorganisation, wobei sie bisher weniger durch Gewalt bekannt sind als durch laute Predigten auf den Gehwegen von Großstädten.

Viele Juden leben zusehends in Angst. Das zeigt sich auch daran, dass das New York Police Department (NYPD) jetzt als erste US-Polizeibehörde eine Sondereinsatzgruppe gegen rechtsextremem Terror und Neonazi-Gewalt gegründet hat. Die Einheit ist seit Anfang Dezember aktiv. Landesweit hatte das FBI solche Gefahren in Jahrzehnten des Kampfes gegen islamistischen Terror unterschätzt, ähnlich wie Gewalt gegen andere Minderheiten oft übersehen wurde.

Zugleich wird nun aber auch Präsident Trump dank seiner Rhetorik von manchen für die neue Hasswelle mitverantwortlich gemacht. Zumal Trumps Anhänger gern eine bei den Rechten populäre Verschwörungstheorie verbreiten, wonach der jüdische Großinvestor George Soros hinter vielen Übeln in den USA stecke.

Trump selbst betont gern seine Nähe zu Juden. Seine Tochter Ivanka konvertierte, als sie Jared Kushner heiratete, den Enkel von Holocaust-Überlebenden. Am Mittwoch unterzeichnete Trump ein - ohnehin geplantes - Dekret "zur Bekämpfung von Antisemitismus", das aber nichts mit dem Anschlag von Jersey City oder anderen Gewalttaten zu tun hat, sondern Kritik und Diskriminierung jüdischer Studenten betrifft.

Zugleich umgarnt Trump - dessen Wahl von US-Neonazis als "Sieg des Willens" bejubelt wurde - offenbar auch die andere Seite. So umgibt er sich mit rechten Demagogen wie seinem Topberater Stephen Miller, wenn er sich davon politischen Nutzen verspricht. Und als 2017 Hunderte Rechtsextreme durch Charlottesville in Virginia marschierten und antisemitische Parolen brüllten, weigerte er sich anfangs, diese zu kritisieren.

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