Die Auswanderung ins Heilige Land beginnt mit einem Anruf bei Jennifer Abergele. Die junge Frau sitzt in einem unscheinbaren Flachbau in Jerusalem, dort ist die Telefonzentrale der Jewish Agency for Israel untergebracht. Die Agency organisiert seit 1929 die Einwanderung von Juden aus aller Welt nach Palästina. 3,5 Millionen Menschen sind seither mit ihrer Hilfe nach Israel gelangt. Derzeit sind es gut 20.000 pro Jahr.
Jennifer Abergele stammt aus Paris. Doch als vor 13 Jahren auf dem Höhepunkt der Zweiten Intifada Kommilitonen zu ihr sagten "Man sollte alle Juden töten" entschied sich die Französin zur Aliyah - der Auswanderung nach Israel. Nun hilft sie anderen französischen Juden, den gleichen Weg zu gehen.
Jeder Jude, der nach Israel übersiedeln will, muss sich telefonisch bei der Jewish Agency melden und landet bei Abergele und ihren Kolleginnen. Die meisten Anrufe gehen inzwischen aus Frankreich ein - an diesem Montag waren es allein bis zum Mittag 120 Gespräche. "Das ist bisher ein ruhiger Tag", sagt Abergele. "Die Leute, die hier anrufen, schildern ihre Angst in Frankreich. Besonders, wenn sie in Paris und Umgebung leben." In den vergangenen Monaten haben antisemitische Übergriffe in Frankreich deutlich zugenommen, nicht erst mit Ausbruch des Gaza-Kriegs Anfang Juli.
Ein jüdischer Opa berechtigt zur Einwanderung nach Israel
Die Zahl der jüdischen Einwanderer aus Frankreich nimmt daher seit Jahren zu. 2012 waren es 1917 Menschen, 2013 kamen 3288 Einwanderer. In diesem Jahr siedelten bislang 4152 Juden aus Frankreich nach Israel über. Allein seit Anfang August haben 150 Familien die Einwanderung nach Israel beantragt. Damit ist absehbar, dass bis Ende 2014 weit mehr als 5000 französische Juden nach Israel gehen werden. Die jüdische Gemeinschaft in der Fünften Republik verliert damit allein in diesem Jahr mehr als ein Prozent ihrer Mitglieder - ein Rekordwert.
Die hohe Zahl der Anrufe bei Jennifer Abergele und ihren Mitarbeiterinnen legt nahe, dass die Zahl in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen wird. Denn zwischen dem ersten Telefonat und der Aliyah können bis zu zwei Jahre vergehen. Alle Antragsteller müssen nachweisen, dass mindestens ein Großelternteil Jude war. Das israelische Einwanderungsrecht orientiert sich damit an den Nürnberger Rassegesetzen. "Die Nazis haben jeden verfolgt, der eine jüdische Oma und einen jüdischen Opa hatte. Also lädt Israel jeden ein, auf den das zutrifft", sagt Natan Scharanski, seit 2009 Chef der Agency.
Scharanski, der 1986 nach neun Jahren in sowjetischer Haft nach Israel einwanderte, ist von der Entwicklung in Frankreich nicht überrascht. "Die Rabbis in Paris haben schon vor mehr als zehn Jahren davon abgeraten, in der Öffentlichkeit die Kippa zu tragen. Eine ganze Generation ist mit dem Gefühl der Unsicherheit aufgewachsen", sagt der 66-Jährige. "In Frankreich müssen sich Juden inzwischen fragen: 'Darf ich meine Identität zeigen oder nicht?' Hier in Israel ist Platz für jeden: Linke, Rechte, Religiöse und Nichtreligiöse."
Nur wenige Einwanderer kommen aus Deutschland
Der französischen Regierung macht Scharanski keine Vorwürfe: "Die Regierung in Paris tut ihr Bestes, um Antisemitismus zu bekämpfen - vielleicht mehr als jede andere Regierung in Europa. Der Antisemitismus ist aber kein politisches Problem, sondern ein gesellschaftliches." Außerdem motiviere auch die schlechte wirtschaftliche Lage in Frankreich viele Juden dazu, ihr Glück in Israel zu versuchen, sagt Scharanski.
Obwohl der Zentralrat der Juden in Deutschland ebenfalls einen wachsenden Antisemitismus beklagt, ist bei der Jewish Agency davon nichts zu spüren. Die Zahl der jüdischen Einwanderer aus der Bundesrepublik bewegt sich konstant im niedrigen zweistelligen Bereich - pro Jahr. "Erstens sind die antisemitischen Strömungen in Deutschland längst nicht so mächtig wie in Frankreich", sagt Scharanski. "Außerdem sind 90 Prozent der Juden in Deutschland osteuropäische Einwanderer der ersten Generation. Die wollen nicht ein zweites Mal auswandern."
Israels Wirtschaft freut sich über die Einwanderer aus Westeuropa. Sie sind zumeist gut ausgebildet und bringen Geld mit. Die Allerwenigsten sind auf Hilfsangebote der Agency angewiesen. Im Durchschnitt braucht ein Immigrant in Israel sechs Jahre, bis er sich wirtschaftlich der einheimischen Gesellschaft angeglichen hat. In keinem anderen Land gehe das so schnell, sagt Scharanski stolz.
Das Land hat sein Einwanderungsrecht jetzt erneut liberalisiert, seit Dienstag können auch nichtjüdische Ehepartner homosexueller Einwanderer nach Israel übersiedeln und die Staatsangehörigkeit erhalten.
Für Scharanski ist es undenkbar, dass das Recht jedes Juden zur Einwanderung nach Israel jemals aufgegeben wird. "Israel ist auf der Aliyah aufgebaut. Dieser Staat hat den Juden ein unumstößliches Versprechen gegeben: Ihr sollt nie mehr heimatlos sein!"
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Die Jewish Agency for Israel organisiert seit 1929 die Einwanderung der Juden ins Heilige Land. Die Agency residiert in einem historischen Gebäud in Jerusalem: Einst tagte hier die Knesset, der erste Premierminister David Ben Gurion hatte hier sein Büro.
Die Telefonzentrale der Agency ist in einem unscheinbaren Flachbau untergebracht. Jede Aliyah beginnt mit einem Anruf nach Jerusalem.
Natan Scharanski ist seit 2009 Chef der Agency. Der ehemalige Likud-Politiker war selbst 1986 aus der Sowjetunion nach Israel übergesiedelt. Zuvor war er auf der Glienicker Brücke von den Sowjets gegen einen Spion aus ihren Reihen ausgetauscht worden.
Das Callcenter der Jewish Agency. Seit Monaten melden sich hier Tausende französische Juden, die sich in ihrem Heimatland nicht mehr sicher fühlen.