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17. Januar 2015, 13:49 Uhr

Antisemitismus in Europa

"Ist ein Nicht-Jude mehr wert als ein Jude?"

Ein Interview von

Es ist nicht nur Paris - in ganz Europa wächst der Antisemitismus. Die jüdischen Gemeinden leben in Angst, warnt Maram Stern vom Jüdischen Weltkongress. Viele dächten schon wieder ans Auswandern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stern, fühlen Sie sich als Jude in Belgien noch sicher?

Stern: Weniger als vorher. Die Anschläge auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014 und auf den jüdischen Supermarkt in Paris vergangene Woche haben Juden in Frankreich und Belgien extrem verunsichert. Nach den Anschlägen in Paris hätte ich erwartet, dass sich auch die Belgier bemühen, die jüdischen Mitbürger etwas mehr zu beruhigen, aber das ist nicht geschehen. Nachdem gestern die Polizei gegen gewaltbereite Islamisten vorgegangen ist, fühle ich mich ein bisschen wohler. Aber dass an diesem Freitag die jüdischen Schulen in Belgien geschlossen bleiben, ist ein Einschnitt, der zeigt, wie ernst die Lage hier ist.

SPIEGEL ONLINE: In Belgien fühlen sich Juden Umfragen zufolge wie in kaum einem anderen europäischen Land durch Antisemitismus bedroht. Können Sie das bestätigen?


"Ich glaube, dass jeder Jude immer wieder mal an eine Ausreise nach Israel denkt."

Stern: So allgemein stimmt das nicht. Das hängt auch davon ab, ob man zum Beispiel als orthodoxer Jude mit Bart oder Kippa herumläuft oder nicht. Antisemitismus ist ein Problem, aber wir müssen unterscheiden zwischen gewaltbereiten Antisemiten und jenen, die über die Juden schimpfen, weil das wieder salonfähig geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Fast jeder zweite jüdische Belgier gab an, schon einmal darüber nachgedacht zu haben, das Land zu verlassen. Fürchten Sie, dass nach den Anschläge immer mehr Juden auswandern?

Stern: Ich glaube, dass jeder Jude, egal wie oder wo er ist, immer wieder mal an eine Ausreise nach Israel denkt. Aber seit Paris sagen mir viele, die ich kenne, dass das bei ihnen am Esstisch ein tägliches Thema ist.

SPIEGEL ONLINE: Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat nach den Anschlägen von Paris die französischen Juden aufgefordert, nach Israel auszuwandern. Fühlen Sie sich angesprochen?

Stern: Netanyahu hat das so nicht gesagt. Er hat gesagt, dass es in Israel selbst kein Problem mit Antisemitismus gebe und dass jeder Jude, der nach Israel kommen möchte, im Land seiner Vorväter willkommen sei. Ich persönlich war nie ein großer Fan der Alijah (der Einwanderung nach Israel - d. Red.), aber in dem Punkt hat Netanyahu recht.

SPIEGEL ONLINE: Belgien gilt als Hochburg gewaltbereiter Islamisten. Versagen die staatlichen Behörden, was die Integration angeht?

Stern: Nein, das allein auf staatliches Versagen zurückzuführen, wäre viel zu kurz gegriffen. Belgien ist ein riesiger Schmelztiegel von Migranten aus aller Herren Länder, viel mehr als Deutschland zum Beispiel. Daher ist es kein Wunder, dass aus Belgien überdurchschnittlich viele Islamisten in den Nahen Osten gehen, um sich dem "Islamischen Staat" oder al-Qaida anzuschließen. Die Polizei ist hier auch besonders wachsam, sie observiert islamistische Rückkehrer - mit Erfolg, wie man gestern gesehen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Jüdischen Weltkongress zuständig für interreligiösen Dialog. Ist der in Belgien besonders schwierig?

Stern: Es gibt mit den Muslimen keinen interreligiösen Dialog, weil die Muslime - anders als die katholische oder protestantische Kirche oder das Judentum - keinerlei Strukturen haben, mit denen wir kooperieren könnten.


"Wer solche Anschläge plant oder verübt, ist einfach nur gestört."

SPIEGEL ONLINE: An mangelndem Willen liegt es nicht?

Stern: Ob der Wille besteht, kann ich nicht sagen, da wir überhaupt nicht wissen, mit wem wir reden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt doch auf, dass Anschläge ausnahmslos von Islamisten verübt werden und nicht im Namen des Judentums oder des Christentums.

Stern: Mit dem Islam als Religion hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Wer solche Anschläge plant oder verübt, ist einfach nur gestört.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem Anschlag auf den jüdischen Supermarkt in Paris wurden Juden nur aus dem Grund umgebracht, dass sie Juden sind. Was löst das in Ihnen aus?

Stern: Ich bin gestern aus Auschwitz zurückgekommen, wo ich die Gedenkfeier für den 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers mit vorbereitet habe. Es tut schon weh, dass wir einerseits zelebrieren, dass die nationalsozialistische Judenverfolgung vor 70 Jahren beendet wurde, wir aber gleichzeitig sehen, dass eine neue Bedrohung erwächst, die wir weder kontrollieren noch verstehen können. Diese Terroristen schaffen es, 70 Jahre nach Kriegsende wieder Furcht zu verbreiten in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Führt das dazu, dass Juden sich nicht mehr öffentlich zu ihrer Religion bekennen?

Stern: Man versteckt es mehr und mehr, ja. Man fühlt sich unwohl. Gestern bin ich aus Krakau nach Brüssel zurückgeflogen. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug nahmen zwei jüdische Touristen ihre Kopfbedeckung ab. In Polen hatten sie kein Problem damit.

SPIEGEL ONLINE: Nach den Anschlägen gegen jüdische Einrichtungen in Toulouse oder Brüssel blieb der große Aufschrei in der Bevölkerung aus. Nach den Anschlägen auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und auf einen jüdischen Supermarkt gingen die Menschen zu Tausenden auf die Straße, Staats- und Regierungschefs aus aller Welt kamen zu einem Trauermarsch in die französische Hauptstadt. Stimmt Sie das nachdenklich?

Stern: Ja. Darüber haben wir auch mit Präsident François Hollande gesprochen, als wir ihn nach den Anschlägen von Paris besucht haben. Klar ist: Wäre nur der Anschlag auf den koscheren Supermarkt passiert, hätte es keinen solchen Aufschrei gegeben. Der Aufschrei ist gekommen wegen "Charlie Hebdo". Da stelle ich mir schon die Frage: Ist ein Nicht-Jude mehr wert als ein Jude?

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