Uno-Generalsekretär Guterres Der Flächenbrand des Hasses

Hassrede bedroht unser Zusammenleben, sie führt zu Ausgrenzung und Gewalt. Jeder kann ihr Opfer werden. Gegen sie anzugehen, ist ein Gebot der Menschlichkeit.

Ein Polizist vor der Masjid Al Noor Moschee in Christchurch: Religiöse Stätten besser schützen
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Ein Polizist vor der Masjid Al Noor Moschee in Christchurch: Religiöse Stätten besser schützen

Ein Gastbeitrag von Uno-Generalsekretär António Guterres


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    António Guterres ist seit 2017 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Von 1995 bis 2002 war er Premierminister Portugals, von 1999 bis 2005 Präsident der Sozialistischen Internationale. Danach war er bis 2015 Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen.

Überall auf der Welt ist der Hass auf dem Vormarsch.

Eine bedrohliche Welle der Intoleranz und hassbasierter Gewalt zielt auf Gläubige vieler Religionen rund um den Globus. Traurigerweise häufen sich solche Fälle.

In den letzten Monaten mussten wir beobachten, wie Juden in Synagogen umgebracht wurden, ihre Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Muslime wurden in Moscheen erschossen, ihre religiösen Stätten verwüstet. Christen wurden beim Gebet getötet und ihre Kirchen angezündet.

In den sozialen Medien wird der Fanatismus geschürt

Jenseits dieser schrecklichen Angriffe werden nicht nur religiöse Gruppen zum Ziel von immer hasserfüllterer Rhetorik, sondern auch Minderheiten, Migranten, Flüchtlinge, Frauen und alle sogenannten "anderen".

Während der Flächenbrand des Hasses sich ausbreitet, wird in den sozialen Medien der Fanatismus geschürt. Neonazistische Gruppen und Bewegungen, die die "Vorherrschaft der weißen Rasse" propagieren, haben Zulauf. Aufrührerische Rhetorik wird für politische Einflussnahme genutzt.

Der Hass dringt in die Mitte liberaler Demokratien wie autoritärer Regimes. Er wirft einen Schatten auf unsere gemeinsame Menschlichkeit.

Die Vereinten Nationen haben eine lange Tradition, die Welt gegen Hass aller Art zu mobilisieren, Menschenrechte zu verteidigen und Rechtsstaatlichkeit voranzubringen.

Die Identität und Gründung der Organisation ist verwurzelt in dem Albtraum, als andauernder Hass viel zu lang unwidersprochen geblieben war.

Vielfalt ist Reichtum - niemals Bedrohung

Wir müssen Hassrede als einen Angriff auf Toleranz, Teilhabe, Vielfalt und die Grundlage unserer Menschenrechtsnormen und Prinzipien sehen.

Sie bedroht auch den sozialen Zusammenhalt, zerstört gemeinsame Werte und kann die Grundlage für Gewalt bilden. Und sie kann Frieden, Stabilität, nachhaltige Entwicklung und menschliche Würde zunichte machen.

In den letzten Jahrzehnten war Hassrede die Vorstufe grausamer Verbrechen, inklusive Völkermord. So geschehen in Ruanda, Bosnien und Kambodscha.

Ich fürchte, die Welt steht nun vor einem Moment, in dem der Dämon des Hasses bekämpft werden muss. Deshalb habe ich zwei UN-Initiativen gestartet.

  • Erstens habe ich einen Strategie- und Aktionsplan gegen Hassrede verabschiedet, um die gemeinsamen Anstrengungen des UN-Systems zu koordinieren. Dabei werden die tieferen Ursachen angegangen, damit unsere Antwort effektiver wird.
  • Zweitens entwickeln wir einen Aktionsplan für die UN, um religiöse Stätten zu schützen und die Sicherheit von Gebetshäusern zu gewährleisten.

Denjenigen, die auf Gewalt setzen, um Gemeinschaften auseinanderzubringen, müssen wir sagen: Vielfalt ist ein Reichtum. Niemals eine Bedrohung.

Für jeden eine Gefahr, eine Aufgabe für alle

Wir dürfen nie vergessen, dass jeder von uns irgendwo "ein anderer" für jemanden ist. Es kann keine Sicherheit geben, wenn der Hass weit verbreitet ist. Als Teil der Menschlichkeit ist es unsere Pflicht, aufeinander zu achten.

Natürlich muss jegliches Handeln gegen Hassrede im Einklang mit den grundlegenden Menschenrechten stehen. Hassrede anzugehen bedeutet nicht, die Redefreiheit einzuschränken oder abzuschaffen. Es bedeutet vielmehr, dass Hassrede nicht zu etwas noch Gefährlicherem eskaliert, besonders zur Anstiftung zu Diskriminierung, Feindseligkeit und Gewalt, die nach internationalem Recht verboten ist.

Jetzt ist die Zeit mehr zu tun, um Antisemitismus, Hass gegen Muslime, die Verfolgung von Christen und alle anderen Formen von Rassismus, Fremdenhass und Intoleranz auszurotten.

Hass ist für jeden von uns eine Gefahr. Ihn zu bekämpfen ist eine Aufgabe für alle.

Deutsche Fassung: Arne Molfenter



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
aequitas12 25.06.2019
1. Recht hat der Mann
Hass darf man nicht als normale Meinungsäußerung stehen lassen. Man muss ihn aufzeigen und kritisieren. Menschen die Opfer von Hass werden verdienen unsere Solidarität und den Schutz der Gesellschaft. Im Internet wie auch in der Öffentlichkeit.
DougStamper 25.06.2019
2. Es wäre zu schön
Um wahr zu sein, wenn dieses Thema endlich die Beachtung findet die es verdient. Rechte Politiker befeuern Hass auf anders Denkende, zuletzt ja mehr als deutlich Erika Steinbach. Ein absolutes no-go, aber leider nur die Spitze des Eisbergs. Was sich in öffentlichen renommierten Foren (Facebook, YouTube oder Reddit bleiben außen vor) wie hier oder bei Welt und Focus sammelt ist fernab jeglichen Niveaus angekommen. Hier muss etwas getan werden, aber nicht zensiert, lasst die Beiträge stehen und gebt morddrohungen und übelste Beschimpfungen an die Staatsanwaltschaften weiter. Diese Leute die glauben aus der Anonymität des Internets heraus jeden und alles aufs übelste bedrohen zu können gehören bestraft.
Fischerman_BX 25.06.2019
3. Ja!
dem ist nichts hinzuzufügen, nicht mal ein "Ja, aber..." Wenn jetzt jemand meint, die vielfältigen Probleme wären ein Grund für diffamierende, herabwürdigende oder drohende Worte, dann dieser Mensch einfach nur unzivilisiert. Manchmal wünsche ich mir wirklich das alte Deutschland wieder her. Das der kultivierten Dichter und Denker.
andre_36 25.06.2019
4.
Hass ist ein Gefühl. Ich bin dagegen, Gefühle gesellschaftlich zu ächten und zu unterdrücken. Das verstärkt nur bereits vorhandene negative Gefühle. Wenn man gegen Rasismus, Antisemetismus, Frauenfeindlichkeit etc. vorgehen will, sollte man das eindeutig formulieren.
do_jo 25.06.2019
5. Ich bin begeistert!
... und froh, dass es an der Spitze der UNO wieder einen sehr klugen Mann gibt, der zum Thema "Hass" Tacheles redet. - Er lässt keine Religion aus, die es zu respektieren gilt. - Aber er sagt auch: "Wir dürfen nie vergessen, dass jeder von uns irgendwo "ein anderer" für jemanden ist." - Wenn sich das jeder Mensch auf unserem Globus, mit sehr vielen Ethnien, mal klar machen würde, dann wäre schon sehr viel gewonnen!
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