Antrittsbesuch in Moskau Cameron wagt sich in den Kreml

Die heimtückische Vergiftung von Ex-Agent und Putin-Feind Litwinenko in London hat die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien zerrüttet. Fünf Jahre danach will Premier David Cameron jetzt die Eiszeit beenden - doch die russische Regierung bleibt reserviert.

Premier Cameron, Präsident Medwedew (beim G8-Treffen 2010): Versuch eines Neustarts
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Premier Cameron, Präsident Medwedew (beim G8-Treffen 2010): Versuch eines Neustarts

Von und , Moskau und London


Britische Höflichkeit sucht man in Russland vergebens, wenn die Rede auf Großbritannien kommt. Als Präsident Dmitrij Medwedew in dieser Woche Würdenträger aus aller Welt im zentralrussischen Jaroslawl versammelte - darunter auch Ex-Nato-Generalsekretär Lord George Robertson -, um der Welt das Bild eines modernen, weltoffenen Russlands zu präsentieren, höhnte der Chef der russischen Wahlkommission, der Putin-Vertraute Wladimir Tschurow, nach den jüngsten Unruhen in London habe es sich "gezeigt, dass die schönen viktorianischen Häuser in Großbritannien genauso gut brennen wie Hütten in Afrika".

Worte der Solidarität braucht London in Moskau nicht zu erwarten: Die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland sind seit Jahren zerrüttet.

Der letzte britische Premierminister, der russischen Boden betrat, hieß Tony Blair. Im Sommer 2006 war das, Wladimir Putin hatte zum G-8-Treffen in seine Heimatstadt St. Petersburg geladen. Damals war die Welt noch in Ordnung, Tony und Wladimir verstanden sich prächtig. Doch dann starb im November 2006 der russische Ex-Geheimdienstler und Putin-Gegner Alexander Litwinenko in London, nachdem er mit radioaktivem Polonium vergiftet worden war.

Seitdem tobt zwischen Moskau und London ein Krieg der Worte und der diplomatischen Nadelstiche.

Der britische Geheimdienst vermutete russische Agenten hinter dem Mord, Russlands Führung um den Ex-KGB-Agenten Putin wies das brüsk zurück. Die Briten forderten die Auslieferung des Verdächtigen Andrej Lugowoi, auch er ein Ex-Geheimdienstmann. Die Russen sagten "Njet". Die Briten wiesen vier russische Diplomaten aus, die Russen konterten mit der Schließung mehrerer Büros des Kulturinstitutes British Council.

Diplomatische Eiszeit

So geht das nun seit Jahren. 2008 stritt man über die russische Invasion in Georgien, zuletzt in diesem Jahr über die Flugverbotszone in Libyen. Und immer wieder behaupten russische Politiker und führende Publizisten in Hintergrundgesprächen, es seien westliche Geheimdienste, allen voran Londons Mi-6, die den Aufruhr in Russlands Nordkaukasus anstachelten.

Großbritannien, keine Frage, ist Russlands Lieblingsgegner in Europa.

Auch auf der wirtschaftlichen Ebene gibt es immer wieder Ärger. Seit dem britischen Großinvestor William Browder 2005 die Einreise verweigert wurde, führt der Geschäftsmann von London aus einen Propaganda-Feldzug gegen Russlands Führung.

Als Folge der Eiszeit brachen britische Investitionen in Russland in den vergangenen Jahren ein, deutsche und amerikanische Firmen profitierten. Zum Symbol für den sinkenden Stern der Briten wurde der geplatzte Arktis-Deal des Ölriesen BP mit der russischen Firma Rosneft. Stattdessen darf nun US-Konkurrent Exxon den Öl-Reichtum in Russlands Arktis erschließen. Doch es kam noch schlimmer: In der vergangenen Woche stürmten bewaffnete Sicherheitskräfte das Moskauer Büro des britischen Öl-Konzerns BP - angeblich um Dokumente für einen Prozess sicherzustellen.

Cameron versucht den Neustart

"Manchmal hat man den Eindruck, wir sind den Russen einfach nicht wichtig genug", sagt Ex-Nato-Chef Robertson gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Premier David Cameron will das nun ändern und - ähnlich wie US-Präsident Barack Obama - den Knopf für einen Neustart im Verhältnis zu Russland drücken. Am Sonntag trifft Cameron zu einem zweitägigen Besuch in Moskau ein, es sind Spitzengespräche mit Präsident Dmitrij Medwedew und Premier Wladimir Putin angesetzt. Im Schlepptau hat der Brite eine hochrangige Wirtschaftsdelegation, darunter auch BP-Chef Robert Dudley, der nach seiner jüngsten Schlappe in Russland jede Rückendeckung brauchen kann.

Es ist also der erste Besuch eines britischen Premiers seit dem Litwinenko-Mord, die Erwartungen sind entsprechend hoch. Im vergangenen Herbst waren bereits Außenminister William Hague und Wirtschaftsminister Vince Cable in Moskau vorstellig geworden. Moskaus Außenminister Sergej Lawrow besuchte im Februar im Gegenzug London, das erste Mal in seiner siebenjährigen Amtszeit. Dort weihte er mit seinem Amtskollegen eine neue direkte Hotline zwischen London und dem Kreml ein. Man brauche "moderne Kommunikation für eine moderne Partnerschaft", so der Brite Hague.

Doch es ist fraglich, wie weit die Annäherung gehen kann. Der Litwinenko-Mord überschattet weiter alle Kontakte. London fordert die Auslieferung von Lugowoi. Russland lehnt das ab, weil russische Staatsbürger grundsätzlich nicht ausgeliefert würden. Obendrein ist Lugowoi inzwischen Abgeordneter der Duma und genießt Immunität. "Großbritannien hat uns schon immer gehasst, gestört und betrogen", wettert Lugowois Partei-Chef Wladimir Schirinowski, immerhin Vize-Chef des russischen Unterhauses. London habe "Angst vor Russlands Größe", sagte Schirinowski SPIEGEL ONLINE.

Streit um Oligarchen und Agenten

Moskau stört sich vor allem daran, dass London in den vergangenen Jahren zu einer sicheren Fluchtburg Dutzender Regime-Gegner geworden ist, mit zum Teil zweifelhafter Reputation. Da ist zum Beispiel der Oligarch Boris Beresowski, der einst Wladimir Putin auf den Thron im Kreml half, dann aber vertrieben wurde und von seinem sicheren britischen Exil aus schon einmal droht, man müsse "Gewalt anwenden, um dieses Regime zu ändern", und um dessen Auslieferung sich Russland seit Jahren vergeblich bemüht. Da ist auch der Jungbanker Andrej Borodin, der von Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow protegiert ein Milliardenimperium aufbaute, nach Luschkows Sturz aber nach London floh und bei seiner "Bank of Moscow" ein so großes Finanzloch hinterließ, dass die Zentralbank das Institut mit 14 Milliarden Dollar retten muss.

Vor Camerons Moskau-Trip redete ihm noch einmal die Witwe des ermordeten Ex-Agenten Litwinenko ins Gewissen. Der "Times" sagte sie, Cameron müsse in Moskau auf der Aufklärung des Falles bestehen. "Sie müssen einen Weg finden, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, aber nicht in Russland."

Die Lage ist festgefahren. "Beide Seiten haben keinen Spielraum", sagt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur des Magazins "Russia in Global Affairs". "Cameron kann nicht so tun, als gebe es das Problem nicht, und Putins Position ist klar: keine Einmischung des Auslands in russische Angelegenheiten. Der Erfolg des Treffens wird davon abhängen, ob sie sich darauf einigen können, unterschiedlicher Meinung zu sein und nach vorn zu schauen."



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Seite 1
c.bronson 11.09.2011
1. hahaha...
das Empire.... am Ende und immer noch grosskotzig...
imagine, 11.09.2011
2. "Cameron wagt sich in den Kreml"
Zitat von sysopDie heimtückische Vergiftung von Ex-Agent und Putin-Feind Litwinenko in London hat die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien zerrüttet. Fünf Jahre danach*will Premier David Cameron jetzt die Eiszeit beenden - doch die russische Regierung bleibt reserviert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785432,00.html
Was für eine Schlagzeile. Man möchte ihm Glück wünschen, dass er auch wieder raus kommt
Bombenkönig 11.09.2011
3. Hand in Hand, die Sirs und Gospoda!
Komisch dass unsere Politiker vom zerrütetem Verhältnis sprechen. Shell bezahlt Unsummen für Förderrechte in Russland und macht bei den heutigen Energiepreisen riesige Gewinne. Diese fließen zum Teil in den britischen Haushalt. So gesehen stützt Wladimir Putin und Medwedew die banktrotte britische Regierung und hält Cameron persönlich an der Macht. Wenn man noch die Oligarchengelder Berücksichtigt, die ab 91 in die britischen Banken geflossen sind, wird das Verhältnis zwischen russischen und britischen Eliten noch klarer. Buisness steht über dem Gesetz und Demokratieverständnis. Deswegen fährt Cameron zu Putin/ Medvedev.
trubeldubel 11.09.2011
4. .
Welch eine Überschrift. Muss Cameron damit rechnen, vergiftet zu werden? Bildniveau.
Rainer Unsinn 11.09.2011
5. ...
Zitat von sysopDie heimtückische Vergiftung von Ex-Agent und Putin-Feind Litwinenko in London hat die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien zerrüttet. Fünf Jahre danach*will Premier David Cameron jetzt die Eiszeit beenden - doch die russische Regierung bleibt reserviert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785432,00.html
Tja dieser Konflikt stammt noch aus einer Zeit als USA-GB sich Hoffnungen gemacht haben in Zentralasien Fuß zu fassen und die dorten Ressourcen auszubeuten unter Umgehung Russlands. Als außerdem GB noch die boomendste Wirtschaft in der EU war. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Die Nato Osterweiterung ist mit dem Georgienkrieg 2008 wie eine Seifenblase geplatzt. Die USA haben eigene Sorgen und orientieren sich weg von Europa. Ihren Dackel GB brauchen sich auch nicht mehr so wirklich. Gebracht hat das alles nix, aber der pöhse Putin ist bekanntlich nachtragend und sitzt jetzt am sehr langen Hebel. Deswegen lieber Cammeron, an Königin und Vaterland denken und den Buckel in Moskau ganz krum machen, dann gibts für GB vielleicht noch paar Krümel im Energiegeschäft.
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