Antrittsfeier Bush wollte nicht mit Ricky Martin tanzen


Etwas ungelenk: die präsidialen Tanzbemühungen
AP

Etwas ungelenk: die präsidialen Tanzbemühungen

Washington - Vor seinem gefährlichen Wahlgegner Al Gore braucht sich George W. Bush nicht mehr zu fürchten. Dafür bekam der neu gewählte US-Präsident am Donnerstag in Washington neue Konkurrenz: Ricky Martin. Er wisse nicht, gab Bush zu, warum die mehreren zehntausend Besucher eigentlich zum Volksfest auf die Mall vor dem Lincoln-Memorial gekommen seien - wegen des Latino Popstars oder ihm. Damit ist die Rechnung des Texaners voll aufgegangen. Zum Beginn der dreitägigen Feiern zur Amtseinführung wollte Bush nach dem Wahlchaos der vergangenen Wochen die Politik möglichst ausblenden.

Selbst überzeugte Demokraten lockte Bush mit dem Show-Programm in die Kälte auf die regennasse Wiese schräg gegenüber dem Weißen Haus. "Ich bin wirklich nur wegen Ricky Martin hier", betonte die liberal gesinnte Lehrerin Barbara Hill. Ihre Mutter Carolyn mit dem violetten Wollhut fügte schnell hinzu: "Wir gehen zu allen Festen, die umsonst sind. Und außerdem sind wir hier, weil der Anlass historisch ist." Die 60-Jährige umklammerte verkrampft ihren schwarzen Regenschirm. "Aber ich bin immer noch verbittert, wenn ich an den Wahlausgang denke." Ihre Tochter sagte, sie freue sich schon auf die Proteste, die für die offizielle Amtseinführung am Samstag angekündigt wurden.

Doch unter den Trompetenklängen des nationalen Marine-Orchesters, den persönlichen Erfolgsgeschichten von Olympiasportlern mit ihrer Medaillenbeute aus Sydney, mit Berühmtheiten wie Andrew Lloyd Webber, dem britischen Sopran-Wunder Charlotte Church und der Boxlegende Muhammad Ali standen die Zeichen mehr auf Party als auf Politik. Auch der designierte Außenminister Colin Powell beschwor den olympischen Gemeinschaftsgeist der Amerikaner und lobte die "Disziplin" auf der Veranstaltung. Währenddessen schlenderten immer mehr Leute an den aufgereihten Toiletten-Häuschen vorbei zu den vier Großbildschirmen, wo sie auf Ricky Martin warteten.

"Es ist wie in einem amerikanischen Film", meinte die Kanadierin Mylane Deschenes aus Quebec. "Die Kanadier würden nie so eine Leidenschaft und so einen Stolz für ihren Präsidenten zeigen." Eine andere Besucherin meinte: "Die Amerikaner leben immer nur den Moment. Wir hatten kontroverse Momente, jetzt ist die Zeit zum Feiern. Keiner schaut mehr zurück." Mit einem Grinsen fügte die junge Demokratin hinzu: "Wir sind hier immerhin auch Zeuge einer friedlichen Amtsübergabe." Eine junge Republikanerin freute sich: "Der Wahl-Kater ist wie weggeblasen. Erst bei den nächsten Wahlen werden die Kontroversen wieder hochkommen."

Auf dem matschigen Rasen hatten Familien Decken ausgebreitet. Andere setzten sich auf mitgebrachte Klappstühle mit Cola und Kartoffelchips. Platz gab es genug. Der düstere Himmel hatte das Volksfest kleiner ausfallen lassen als geplant. Auch spontanen Jubel gab es nur in den ersten Reihen. Dort drängten sich die "Bush-Fans" aus Texas, einige mit Cowboy-Hüten und Lederjacken.

Erst Ricky Martins Hit "Cup of Life" brachte nach zweieinhalb Stunden die Hüften in Bewegung - außer Bushs. Als der Popsänger den zukünftigen Präsidenten zum Tanzen animieren wollte, blieb dieser etwas ungelenk stehen. Dabei schwenkte selbst die eiserne Demokratin Carolyn Hill auf dem Rasen ihren schwarzen Regenschirm in großen Kreisen durch die Luft. Ihre Verbitterung war verflogen. Bush hatte die Show gewonnen. Ein riesiges Trommel-Feuerwerk brachte am Ende auch noch die Alarmanlagen der Autos zum Schrillen. Als es still wurde, zog der Pulverdampf im kalten Abendwind langsam zum Weißen Haus.

Carsten Wieland, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.