Fotostrecke

Geplante Koran-Verbrennung: Wut in Afghanistan

Appell an die USA Karzai warnt vor Wut über Koran-Verbrennung

Afghanistans Präsident zeichnet ein düsteres Szenario für den Fall einer Koran-Verbrennung durch christliche Fundamentalisten. Dann seien die Beziehungen der USA zur ganzen muslimischen Welt gefährdet, sagte Karzais Sprecher SPIEGEL ONLINE.

Mit scharfen Worten hat der afghanische Präsident Hamid Karzai vor der für den 11. September geplanten Koran-Verbrennung in Florida gewarnt. "Diese Aktion ist ein Angriff auf den gesamten Islam und alle Muslime in Afghanistan", sagte ein Sprecher des Präsidentenpalasts in Kabul SPIEGEL ONLINE. Er forderte Washington auf, das Vorhaben zu unterbinden - sonst drohten gravierende Folgen.

"Wenn die USA diese Verbrennung zulassen, gefährden sie nicht nur die Beziehungen zu Afghanistan sondern auch zur restlichen muslimischen Welt", erklärte Karzais stellvertretender Sprecher Siamac Herawi.

Am Mittwoch hatte sich der Oberbefehlshaber aller Nato-Truppen, US-General David Petraeus, mit Karzai getroffen und das heikle Thema besprochen. Petraeus hatte in einem ungewöhnlichen Schritt am Dienstag vor den Folgen der Verbrennung gewarnt, zu der der islamfeindliche Pfarrer Terry Jones aufgerufen hatte. "Bilder von einer Koranverbrennung würden ohne Zweifel von Extremisten in Afghanistan und weltweit benutzt um die Bevölkerung aufzuhetzen und zu Gewalt anzustiften", hieß es in einer Erklärung des Generals.

Nach dem Treffen im Präsidentenpalast teilte das Nato-Hauptquartier mit, Petraeus und Karzai teilten die Sorge über die für den 11. September geplante Aktion. Zudem seien sich die beiden einig, dass mögliche Reaktionen "unsere Bemühungen in Afghanistan torpedieren würden und die Sicherheit der Koalitionstruppen und Zivilisten aufs Spiel setzen".

Fotostrecke

Terry Jones: Gefährlicher Zündler

Foto: John Raoux/ AP

Neben den Nato-Soldaten würden aber auch die "afghanischen Partner" gefährdet, da "wahrscheinlich die lokale Polizei und die Armee mit Großdemonstrationen umgehen müssten", so der Sprecher des US-Generals in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE.

Korans

Das Treffen zeigt, wie ernst die Nato-Truppen das Thema mittlerweile nehmen. Aus Erfahrung wissen die Strategen in den Stäben, dass jegliche Verunglimpfung des in Afghanistan sehr schnell zu Protesten führen kann, die bereits in der Vergangenheit für massive Gewaltausbrüche sorgten.

"Ich kann mir nur wünschen, dass die Geschichte nicht stattfindet"

Im Jahr 2006 etwa zogen plündernde Mobs in der heißen Phase des Karikaturen-Streits durch Kabul, randalierten vor der norwegischen Botschaft. Aggressive Demonstranten attackierten damals sogar einen norwegischen Stützpunkt der Schutztruppe Isaf und konnte erst durch Warnschüsse von US-Kampfjets eingeschüchtert werden.

Sollte der Koran am Samstag tatsächlich von der evangelikalen Gemeinde in Florida verbrannt werden, wären am Hindukusch gewaltsame Aktionen gegen amerikanische Soldaten, alle US-Einrichtungen aber grundsätzlich gegen alle Nato-Truppen zu befürchten. "Ich kann mir nur wünschen, dass die Geschichte nicht stattfindet, denn sie würde einer aufgehetzten Bevölkerung und den Radikalen Anlass zu Gewalt gegen alle Isaf-Truppen, auch gegen die Deutschen in Nordafghanistan, geben", warnte der deutsche Regionalkommandeur Hans-Werner Fritz am Mittwoch bei einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Steine auf US-Konvois

Schon bei einer noch kleinen Demonstration am Dienstag in Kabul hatten die Demonstranten zeitweise Steine auf einen Konvoi von US-Soldaten geworfen und "Tod den USA" skandiert. Die Gewaltausbrüche wurden bei der Demo von einigen Hundert Demonstranten vor einer Moschee noch von den Organisatoren unterbunden. Bei größeren Ansammlungen aber, so die Befürchtung westlicher Beobachter, würde eine solche Kontrolle kaum noch möglich sein.

US-General Petraeus hatte in seiner Warnung die möglichen Bilder von der Verbrennung in ihrer Wirkung mit den Folter-Beweisen aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghuraib verglichen.

In Afghanistan selber war es 2005 schon einmal zu massiven Protesten gekommen, als das US-Magazin "Newsweek" berichtete, US-Militärs hätten in dem Anti-Terror-Gefängnis Guantanamo Bay auf Kuba vor den Augen von muslimischen Gefangenen Koran-Bücher eine Toilette heruntergespült, um die Gefangenen zum Reden zu bringen. 15 Menschen starben damals bei Großdemonstrationen in Kabul und anderen Orten am Hindukusch.

Taliban-Propaganda gegen ausländische Truppen

Die Befürchtung der westlichen Armeen, die von der Uno geteilt werden, könnte schon vor der Veröffentlichung der möglichen Bilder eintreten. Sahibullah Mudschahed, der notorische Sprecher der Taliban, erläuterte schon am heutigen Mittwoch, die Pläne zur Verbrennung des Korans würden in das islamfeindliche Muster der ausländischen Truppen passen.

"Es ist nicht das erste Mal, dass die Ausländer den Koran schänden", sagte Mudschahed per Telefon von einem unbekannten Ort, "die westlichen Truppen sind nur hier, um den Islam zu beschädigen und alle Muslime zu unterdrücken".

Auch wenn die Äußerungen des Taliban-Sprecher pure Propaganda sind, könnten ähnliche Hetzpredigten in afghanischen Moscheen die befürchteten Proteste massiv anheizen. Besonders für den Freitag befürchten Beobachter, dass aufwiegelnde Predigten in den Moscheen gegen die geplante Koran-Verbrennung schon vor der tatsächlichen Aktion für Demonstrationen von Tausenden Afghanen sorgen könnten. Mit solchen Massenprotesten wäre die afghanische Polizei vermutlich heillos überfordert. Isaf-Truppen hingegen würden Leib und Leben riskieren, wenn sie eingriffen.

Die Aussagen aus dem Präsidenten-Palast offenbaren zudem, wie sich Präsident Karzai im Fall des Falls verhalten würde. Der Staatschef nutzte in den vergangenen Monaten anti-westliche Ressentiments immer wieder auch für seine eigenen Zwecke. Dass Karzai nun die Verantwortung für die Folgen der Koran-Verbrennung indirekt der Regierung von Barack Obama zuschiebt, lässt vermuten, dass er sich zumindest eine Hintertür für seine Reaktion gegenüber Washington offenhalten will.