Appell an die Verbündeten Nato will mehr Truppen für Afghanistan

Die Lage in Afghanistan ist bedrohlich, noch immer leisten die Taliban heftigen Widerstand, "Wir brauchen mehr Truppen", fordert jetzt Nato-Generalsekretär de Hoop Scheffer. Die Bundesregierung will bald entscheiden, wie viele zusätzliche Soldaten sie an den Hindukusch schickt.

Brüssel - Heftige Gefechte im Südosten, zwei tote britische Soldaten bei einem Selbstmordanschlag im Süden - auch sieben Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes kommt Afghanistan noch lange nicht zur Ruhe. Einmal mehr appelliert Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer deswegen an die internationale Gemeinschaft, ihr militärisches Engagement noch auszubauen.

Bundeswehrsoldat nördlich von Kabul: "Das liegt bei den Deutschen"

Bundeswehrsoldat nördlich von Kabul: "Das liegt bei den Deutschen"

Foto: DDP

Am Rande eines Treffens der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel forderte der Niederländer von den Verbündeten mehr Soldaten für die Afghanistan-Schutztruppe Isaf. "Es hat schon viele weitere Truppenzusagen gegeben. Aber ich bin noch nicht zufrieden, denn wir brauchen noch mehr", sagte de Hoop Scheffer am Freitag. Zu einer möglichen Ausweitung des deutschen Kontingents in der rund 52.000 Soldaten zählenden Afghanistan-Truppe sagte er: "Ich würde das sehr begrüßen, aber das liegt bei den Deutschen."

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung bekräftigte am Freitag, er werde bis zur Sommerpause prüfen, ob das bisher auf 3500 Bundeswehrsoldaten begrenzte Mandat ausgeweitet werden müsse. "Für das neue Mandat werden wir uns genau anschauen, was an neuen Anstrengungen auf die Bundeswehr zukommt", sagte Jung. Auch Entlastungen würden berücksichtigt. Gemeinsam mit Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan werde er dann "vor der Sommerpause die Zahl nennen, die aus unserer Sicht notwendig ist für das neue Mandat".

Die Notwendigkeit hatte Jung gestern unter anderem mit den neuen Aufgaben der Bundeswehr begründet. So stellen die deutschen Soldaten von Juli an die Schnelle Eingreiftruppe in ihrem Einsatzgebiet. Die Koalitionspartner scheinen sich weitgehend einig über die Aufstockung, unklar ist derzeit allerdings die Größenordnung. Zuletzt war in Regierungskreisen von 4000 bis 4800 Soldaten die Rede.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), begrüßte die Bereitschaft zur Anhebung der Obergrenze. Dieser Schritt dürfe keine politische Frage sein, sagte Robbe am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Die Verstärkung der Isaf-Einsatzkräfte im Norden Afghanistans habe gezeigt, dass der eingeschlagene Weg der richtige sei. Die Bundeswehr leiste dort "phantastische" Arbeit, sagte Robbe, der sich zurzeit in Kandahar aufhält. Derzeit stehe die Hungerhilfe im Vordergrund. Wegen des heißen Sommers habe es Ernteausfälle und erste Hungertote gegeben.

Die Frage, ob der Bundeswehreinsatz auch auf den Süden Afghanistans ausgeweitet werden müsse, will Robbe Bundesregierung und Bundestag überlassen. "Hierzu gibt es aber übereinstimmende Erklärungen von allen wesentlichen Verantwortungsträgern: Deutschland bleibt bei seiner Haltung, für den Norden die Verantwortung zu tragen und dies auch in Zukunft zu tun", fügte er hinzu.

Internationale gemeinschaft nimmt Karzai in die Pflicht

Auf einer Geberkonferenz in Paris hatte Präsident Hamid Karzai die internationale Gemeinschaft gestern um weitere Wiederaufbauhilfen in Höhe von 50 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre gebeten. Für rund 20 Milliarden gab es Zusagen.

Allerdings nahmen die wichtigen Staats- und Regierungschefs die Regierung Karzai auch in die Pflicht. In großer Runde und in Vieraugengesprächen machten sie dem schwachen Präsidenten klar, dass sie mit der Leistung seiner Regierung mehr als unzufrieden sind. Korruption, Drogenhandel, Willkür bei der Justiz - bei Kernpunkten des Wiederaufbaus hat Karzai bisher nicht viel erreicht, vielmehr mischt sein Clan bei vielen dunklen Geschäften mit.

In der südostafghanischen Provinz Paktika haben die US-geführten Koalitionstruppen nach eigenen Angaben zahlreiche Kämpfer der Taliban getötet. In einer am Freitag verbreiteten Mitteilung heißt es, Koalitionssoldaten seien bei der Suche nach zwei ranghohen Taliban-Kommandeuren am Vortag von Aufständischen angegriffen worden und hätten das Feuer erwidert. Über Opfer auf Seiten der Sicherheitskräfte wurde nichts bekannt.

Während einer Patrouille im Süden Afghanistans sind am Donnerstag zwei britische Soldaten getötet worden. Die beiden seien während eines Routinerundgangs unweit ihres Stützpunktes in der Provinz Helmand von Heckenschützen erschossen worden, teilte das britische Verteidigungsministerium am Donnerstag mit. Ein dritter Soldat sei bei dem Angriff verletzt worden. Bereits am Sonntag waren drei weitere Soldaten aus demselben Regiment bei einem Selbstmordanschlag getötet worden.

In der ostafghanischen Provinz Nangarhar sprengte sich ein Selbstmordattentäter in seinem Fahrzeug in die Luft. Ein Sprecher der örtlichen Polizei sagte am Freitag, Ziel des Anschlags seien "ausländische Truppen" gewesen. Außer dem Attentäter habe es jedoch keine Opfer gegeben. Weitere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt. Das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet im Osten und Süden des Landes gilt als Hochburg der Taliban.

phw/dpa/Reuters/AP/AFP

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