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19. April 2013, 17:36 Uhr

"Arab Idol"

Syrisches Anti-Kriegslied wird zum YouTube-Hit

Von , Beirut

Er brachte die Jury zum Weinen und rührte die Herzen der Zuschauer: Bei der Castingshow "Arab Idol" hat ein junger Syrer mit einem Song über die kriegszerstörte Stadt Aleppo einen Coup gelandet. Abdel Karim Hamdans Lied zählt zu den meistgeschauten YouTube-Clips der Woche.

Zum Schluss weinten sie alle: Die Jury, das Publikum und auch der Sänger selbst waren überwältigt. Mit seinem ersten Live-Auftritt in einem Beiruter Fernsehstudio hat der Syrer Abdel Karim Hamdan es geschafft, die arabische Welt am Schmerz über die Zerstörung seiner Heimatstadt teilhaben zu lassen, wenigstens drei Minuten lang.

"Oh Aleppo, oh Frühling der Schmerzen", sang Hamdan am vergangenen Wochenende untermalt von den verschnörkelten Tonfolgen arabischer Harmonien. "Das Blutvergießen ... in meinem Land. Ich weine mit gebrochenem Herzen ... wie mein Land. Die Kinder, die zu Staub wurden ... in meinem Land." Als der letzte Ton verklang, stand das Publikum im "Arab Idol"-Studio auf wie ein Mann: Die Talentshow, die ähnlich funktioniert wie "Deutschland sucht den Superstar", hat ihren ersten Helden hervorgebracht. Hamdan bestreitet gemeinsam mit 26 Konkurrenten die Endrunde der Castingshow.

Selbst wenn der 25-Jährige es nicht bis ins Finale schaffen sollte: Die Darbietung seiner selbstkomponierten Ode an Aleppo wird vielen Arabern lange im Gedächtnis bleiben.

Hamdans Erfolg lässt sich auf den sozialen Medien messen: Auf YouTube wurde der Clip mit seinem Auftritt umgehend zum Superhit. Mit mehr als drei Millionen Abrufen gehörte er zu den meistgeguckten Clips der vergangenen Woche. Über 28.000 Nutzer "mögen" Hamdans Facebook-Seite.

Doch sein plötzlicher Ruhm hat Hamdan auch zur Zielscheibe gemacht. Seine Facebook-Seite ist Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern des syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad. An persönlichen Attacken gegen den Sänger mangelt es nicht: "Wir wissen, dass sein Bruder bei der Freien Syrischen Armee in Aleppo kämpft", schreibt ein Kommentator. Ein anderer droht dem Barden: "Er hat eine tolle Stimme, aber wir wissen wo seine Familie lebt." Sollte Hamdan es wagen, vor der Presse irgendetwas gegen das Regime zu sagen oder gar die Flagge der Revolution zu zeigen, "wird er zertreten werden, egal wo er ist", heißt es in einem weiteren Eintrag.

Die erste, 2011 ausgestrahlte Staffel von "Arab Idol" war im musikbegeisterten Orient ein Straßenfeger, der Millionen vor die Bildschirme lockte. Der saudische Fernsehsender MBC, der die jetzt laufende zweite Staffel produziert, wird das im Hinterkopf gehabt haben, als er Hamdan seinen Polit-Song genehmigte: Die im Besitz des saudischen Milliardärs Walid Ibrahim befindliche MBC ist streng auf Linie mit dem Regime in Rijad - und das steht an der Seite der syrischen Rebellen, die mit Hamdans Auftritt vor der ganzen arabischen Welt Flagge zeigen konnten. Hamdans Statement auf einer MBC-Webseite, er sei stolzer Syrer und Patriot, keinesfalls aber politisch, darf man getrost als vorgeschoben ansehen.

Dass die Zweite Staffel von "Arab Idol", die seit Anfang März läuft, derzeit in der libanesischen Hauptstadt Beirut gedreht wird, hat profanere Gründe: Arabische Sender lassen Live-Sendungen gern hier aufzeichnen, weil die freizügigen Libanesinnen hübsch anzusehendes Studiopublikum abgeben.

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