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Heiliger Krieg gegen Assad: Ausländische Kämpfer in Syrien

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Ausländische Kämpfer in Syrien Dschihadisten erklären Assad den Heiligen Krieg

Abu Rami ist Libanese, doch sein Blut vergießt er für Syrien: Der 40-Jährige ist einer von Hunderten Arabern, die an der Seite der Aufständischen gegen das Assad-Regime kämpfen. Viele dieser Freiwilligen sind Veteranen des Irak-Konflikts - sie fühlen sich auch in Syrien im Heiligen Krieg.

Abu Ramis letzter Ausflug in den Krieg war kein großer Erfolg. Einem seiner Männer gingen kurz hinter der Grenze die Nerven durch. Der junge Mann kauerte im Unterholz, zitterte, rührte sich nicht mehr vom Fleck. Notgedrungen machte die ganze Einheit halt: Zehn Libanesen, bewaffnet mit zehn Kalaschnikows, beladen mit 65 Magazinen Munition, standen ungeschützt auf syrischem Territorium.

Dass keine Grenzpatrouille die Kämpfer aufspürte, dass sie nicht unter Feuer gerieten, war reines Glück. "Wir haben den Mann mit den schwachen Nerven zurück in den Libanon geschickt. Wir anderen haben es bis Homs geschafft", sagt der 40-Jährige mit dem Kampfnamen Abu Rami zwei Tage nach seiner Rückkehr aus Syrien.

In der etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernten Protesthochburg wollten die libanesischen Freiwilligen im Stadtteil Chalidija einige Tage an der Seite der syrischen Aufständischen kämpfen. Nachdem ihnen die Munition ausgegangen sei, hätten sich die Freischärler zurückgezogen. Seine Einheit warte nun im sicheren Libanon auf ihren nächsten Einsatz, berichtet Abu Rami.

Er ist einer der Kommandeure einer wachsenden Schar libanesischer Freischärler, die sich in den Konflikt in ihren Nachbarland einmischen. Die meisten stammen aus Tripoli, der sunnitisch geprägten Stadt im Norden des Libanon. Ihr Hass auf das Assad-Regime wurzelt in der erst 2005 zu Ende gegangenen Zeit der syrischen Besatzung des Zedernstaates.

Syrien hat auch nach dem Abzug seiner Truppen noch erheblichen Einfluss auf Beirut. Auch dort sind Schiiten an der Macht, was den Hass der Sunniten des Libanon auf Assad und seine libanesischen Verbündeten wie die Hisbollah verstärkt.

"Die Feinde des syrischen Volks sind auch die Feinde der Libanesen"

Die Radikalen unter Libanons Sunniten sehen den Aufstand in ihrem Nachbarland deshalb als willkommene Gelegenheit, die Einflussnahme von Damaskus zu beenden. "Der Freiheitskampf in Syrien ist unser eigener Kampf für Freiheit. Wir Libanesen sind Teil der syrischen Revolution, Teil des Aufstands. Denn wenn Syrien die Freiheit gewinnt, gewinnen wir sie im Libanon auch", sagt Scheich Masen al-Mohammed, einer der wichtigsten geistigen Führer der Sunniten in Tripoli. Außer den politischen Gründen nennt der Scheich seinen Anhängern jedoch vor allem einen Grund, warum Libanesen in Syrien kämpfen sollen. "Assad ist ein Ungläubiger", sagt der Scheich von dem syrischen Diktator. Denn Assad gehört der Sekte der Alawiten an, die sich vor Jahrhunderten vom schiitischen Islam abspaltete. Für Scheich Masen ist er damit kein echter Muslim, also ein Feind.

Mitte Februar hatte Osama Bin Ladens Nachfolger an der Spitze des Terrornetzwerks al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, gläubige Muslime aufgefordert, den Aufstand gegen das syrische Regime zu unterstützen. Die Rebellion gegen das "antiislamische Regime" in Damaskus sei religiöse Pflicht, der jeder Muslim "mit allem, was er hat, mit seinem Leben, Geld, Meinung und Information" nachkommen müsse, mahnte Sawahiri in einer achtminütigen Videobotschaft, die auf einer islamistischen Internetseite veröffentlicht wurde. Die Regierung Baschar al-Assads nannte er ein "boshaftes, krebsartiges Regime". Sawahiri rief gezielt die Sunniten aus dem Libanon, der Türkei, Jordanien und dem Irak zu den Waffen. Sie müssten den Unterdrückten in ihrem Nachbarland zu Hilfe eilen.

"Es ist die Pflicht jedes Muslim, jedes Arabers, die Ungläubigen zu bekämpfen", sagt auch Scheich Masen. "In Syrien herrscht Heiliger Krieg, die jungen Männer betreiben dort Dschihad. Für das Blut, für die Ehre, für die Freiheit, für die Würde", predigt er in einem mit Ersatzteilen vollgestopften Warenlager, denn im zivilen Leben betreibt Scheich Masen eine Auto-Reparaturwerkstatt.

Doch heute kommt er kaum dazu, neue Keilriemen zu verkaufen. Minütlich treffen neue Bittsteller in seiner ölverschmierten Garage ein. Die allermeisten von ihnen sind syrische Flüchtlinge, sie hoffen auf eine Unterkunft, auf einen Job, auf Hilfe: "Wir sind Brüdervölker, die Feinde des syrischen Volks sind auch die Feinde der Libanesen", begründet der Scheich sein Engagement für die von den Kämpfen in ihrer Heimat Vertriebenen.

Rund 100 bis 150 Libanesen sind in den vergangenen Monaten nach Syrien gegangen, um dort an der Seite der Rebellen zu kämpfen, berichtet Abu Rami. Er kümmert sich auch zwischen zwei Einsätzen um seine Männer, besucht Verletzte im Krankenhaus, bespricht mit den Kampffähigen die Taktik. Er ist gelernter Fernsehtechniker und hat seinen Job aufgegeben, um sich dem Kampf im Nachbarland zu widmen.

Die syrischen Rebellen brauchen Waffen und Munition, nicht Verstärkung

Schon im Sommer vergangenen Jahres hatte Abu Rami Kontakt zu den dortigen Rebellen aufgenommen. Er ging bald regelmäßig für Kampfeinsätze über die grüne Grenze. In den vergangenen Monaten wurde er dabei einmal für kurze Zeit gefasst, einmal verwundet. Während des mittlerweile einjährigen Aufstands stieg er zu einer der Schlüsselfiguren im Netzwerk der libanesischen Freiwilligenbrigaden auf.

Der Konflikt in Syrien werde zunehmend international, berichtet Scheich Masen. "Wir wissen von palästinensischen, libyschen und jemenitischen Kämpfern, die dort aktiv sind", sagt er. Auch Iraker kämpfen in Syrien.

Noch sei die Situation nicht so explosiv wie im Irak-Krieg, als Tausende Freiwillige ins Land strömten, um dort gegen die amerikanischen Besatzer Krieg zu führen, sagt Scheich Masen. Der Grund: Es mangele den syrischen Rebellen nicht an Männern, sondern an Waffen. "Die haben derzeit 20 Kampfeswillige für ein Gewehr. Sie brauchen Waffen und Munition, nicht Verstärkung."

Die Libanesen kämen den Wünschen der Aufständischen nach, wo immer es möglich ist: "Wir schicken so viel Nachschub, wie wir können", sagt Masen. Doch nach einem Jahr Kampf gegen Assad seien die Waffenschwarzmärkte des Nahen Ostens leergekauft. "Es wird Zeit, dass die arabischen Großmächte wie Saudi-Arabien sich einmischen und offiziell Waffen liefern. Das ist ihre Pflicht als Muslime."

Der erste europäische Freiwillige kämpft gegen das Regime

Scheich Masen hofft, dass es bald auch in Syrien irakische Verhältnisse geben wird, dass dort bald Araber aller Nationen gemeinsam gegen das Regime kämpfen werden. "Wenn es so weit ist, können wir Zehntausende Libanesen mobilisieren."

"Ich habe eine lange Liste mit Telefonnummern von Männern, die nach Syrien in den Krieg ziehen wollen", sagt auch Abu Rami. Die meisten von ihnen seien erfahren. "Von den Libanesen, die derzeit im Einsatz sind, haben etwa 60 Prozent bereits im Irak gekämpft", sagt Abu Rami. Die Männer, die einst gegen US-Soldaten antraten und als Qaida-Terroristen gebrandmarkt wurden, stehen nun an der Seite der syrischen Aufständischen, deren Sieg über Assad der Westen durchaus begrüßen würde. Die Einmischung ausländischer dschihadistischer Kämpfer macht es schwerer, im syrischen Konflikt Gut und Böse zu unterscheiden.

Vergangene Woche überschritt auch der erste europäische Freiwillige die Grenze nach Syrien und kämpft nun an der Seite der Freien Syrischen Armee gegen das Assad-Regime. "Ein Franzose, gerade mal 24 Jahre alt, aus einer reichen Familie. Der ist hier einfach aufgekreuzt, mit seiner Kreditkarte in der Hand", berichtet Abu Rami. Er habe noch versucht, dem jungen Mann mit algerischen Eltern das Abenteuer auszureden, aber vergeblich. "Er hat sich ein Gewehr gekauft, wir haben ihn kurz trainiert, und dann ist er mit einer unserer Einheiten rein", sagt Abu Rami.

Er glaubt übrigens nicht, dass das syrische Regime bald fallen wird. "Du wirst doch erst heiraten, wenn das Problem in Syrien behoben ist", zieht er einen seiner Untergebenen auf. "Also in 50 Jahren."

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