Arabische Presseschau Hamas fordert Verzicht auf Burger und Fritten

Angst geht um in der arabischen Welt, nachdem US-Außenminister Colin Powell Syrien scharf angegriffen hat. Angst, die in gesteigerter Wut und Aufrufen zu mehr Einheit und stärkerem Widerstand resultiert.

Von Carola Richter und Daniel Kinitz


Der Kommentator Mohammed Abbas ruft in der oppositionellen ägyptischen Zeitung "al-Shaab" das "Volk der arabischen Halbinsel zum Stopp aller Ölexporte" auf. Er stellt sich eine Front gegen eine amerikanische Besatzung im gesamten islamischen Raum vor: "Jetzt ist das irakische Volk allein. Aber was, wenn sich Syrien, Jordanien, Libanon, Ägypten, Algerien, Libyen und der Sudan anschließen würden? Wie viele hunderttausend Soldaten müsste das amerikanische Schwein dann schicken?! Und Iran, Pakistan und die Türkei. Wie viele Millionen Soldaten würde es dann benötigen?"

Die libysche Tageszeitung "al-Jamahiriya" bezeichnet in ihrem Leitartikel das amerikanische Vorgehen als "einen Kolonialkrieg. Mal wird der Krieg damit gerechtfertigt, dass Amerika sich selbst verteidigen müsse, mal damit, dass es ein humanitärer Krieg sei, mit dem die Iraker verteidigt werden. Aber eigentlich sehen wir hinter diesen hehren Worten nichts als Öl und nochmals Öl."

Das Blatt der libyschen Revolutionskomitees, "Az-Zahf al-Akhdar", ergänzt, dass auf Grund der amerikanischen Interessen "die Golfstaaten die ersten Opfer auf politischer und ökonomischer Ebene sein werden, wenn es den Eindringlingen im Irak gelingt, ihn zu zerstören und seine Führung auszutauschen."

Die "teuflischen Pläne" Amerikas, die vorsähen, nicht nur den Irak, sondern auch "Ägypten, Saudi-Arabien und den Sudan in kleine Verwaltungseinheiten aufzusplitten", geißelt der Befehlshaber des ägyptischen "Jihad" Ayman al-Zawahiri.

"Al-Shaab" zitiert aus einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme al-Zawahiris, in der dieser fordert, diese Pläne müssten durch "die arabische und islamische Gemeinschaft umgehend gestoppt werden". Seiner Ansicht nach wird Amerika das gleiche Schicksal widerfahren wie der Sowjetunion in Afghanistan. "Es wird der Tag kommen, an dem das amerikanische Volk Bush und seine Regierung verfluchen wird, lebendig oder tot, in schrecklicher Erwartung dessen, was an Vergeltung auf sie zukommen wird."

Die libanesische Zeitung "an-Nahar" meldet, dass die Gruppe "al-Jihad al-islami" mehrere Kämpfer in den Irak gesandt hat, um sich am Widerstand gegen den amerikanisch-britischen Angriff zu beteiligen. Auch ungewöhnlichere Formen des Protestes gibt es: Die Hamas verbreitet auf ihrer Internetplattform einen Aufruf an "alle Muslime, amerikanische und britische Produkte zu boykottieren und als eine Form des Jihad auch nicht mehr in amerikanische Restaurants zu gehen." Libysche Zeitungen bringen in ihren täglichen Ausgaben mehrere Seiten mit Gedichten zur Unterstützung der Iraker und Palästinenser.

Kuweit bricht als einziges Land aus dieser medialen Front aus. Die Tageszeitung "al-Seyassah" berichtet von verschärften Spannungen zwischen Libyen und dem Emirat nach den Übergriffen auf die kuweitische Botschaft in Tripolis vor einer Woche. "Kuweit fordert den Geschäftsführer der libyschen Botschaft auf, das Land zu verlassen und die diplomatischen Vertreter von fünf auf drei zu reduzieren", so das Blatt in seinem Aufmacher. Außerdem zitiert es den kuweitischen Kulturreferenten in Amman, der gestern den kuweitischen Studenten in Jordanien nahe legte, "ihr Studium zu unterbrechen und in ihre Heimat zurückzukehren".

Die Beziehungen zum irakischen Volk möchte Kuweit dagegen nicht strapazieren: "Die Iraker mit kuweitischer Aufenthaltsgenehmigung und gültigen Pässen dürfen Kuweit zu jeder Zeit verlassen und wieder einreisen.", zitiert die Tageszeitung "al-Watan" das kuweitische Innenministerium. "Die Pässe werden nicht beschlagnahmt." Unabhängig davon wurden aber auch "keine massenhaften Aus- und Einreisen" an den Grenzen beobachtet.

Die englischsprachige "Jordan Times" kommentiert in ihrem Leitartikel: "Den Krieg um die Herzen der Iraker hat Washington in der Minute verloren, als es die erste Bombe auf Bagdad warf. Dass die Kriegsplaner mit ihrer sturen Politik nun auch noch darauf bestehen, die humanitäre Hilfe in die Hände des Militärs zu legen, mögen sie als nötig für Propaganda erachten. In Wahrheit aber ist das ein Verbrechen. Nachdem die Kampfeinsätze nichts weiter als verheerende Folgen für die unschuldige irakische Zivilbevölkerung hatten, versuchen die USA nun eine raffiniertere und tödlichere Waffe einzusetzen: die Menschen damit zu erpressen, Lebensmittel aus den Händen von Soldaten anzunehmen oder zu verhungern."



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