SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. April 2003, 14:13 Uhr

Arabische Presseschau

Lieferten die Republikanischen Garden Saddam ans Messer?

Von Carola Richter und Daniel Kinitz

Warum fiel Bagdad fast kampflos in die Hände der Amerikaner? Neben dieser Frage erörtern die arabischen Zeitungen heute vor allem die Gründe für die amerikanischen Anschuldigungen gegenüber Syrien.

Die in Dubai erscheinende Zeitung "al-Bajan" schreibt über Gerüchte, wonach es einen Deal zwischen den amerikanischen Truppen und Saddams republikanischen Garden gegeben haben soll. Danach sollen Saddams schlagkräftigste Divisionen mit den US-Militärs ausgehandelt haben, Bagdad kampflos zu übergeben und den Diktator ans Messer zu liefern. Ihr Lohn: Freiheit und harte US-Dollars.

Wörtlich schreibt "al-Bayan": "Eine amerikanische Quelle, die ihren Namen nicht nennen will, sagte in einer in London veröffentlichten Erklärung, dass sich die amerikanische Führung mit der republikanischen Garde und den Fedajin-Kämpfern Saddams einigen konnte. Die Vereinbarung habe ihre Ausreise und große Geldsummen in bar vorgesehen. Einige, die keine Kriegsverbrechen begangen haben, dürfen mit ihren Familien ihrem Wunsch entsprechend die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen. Im Gegenzug sollten sie sich den amerikanischen Truppen nicht entgegenstellen. Die Schlacht um den Flughafen von Bagdad sei der Punkt gewesen, an dem sich die amerikanischen Truppen mit den Irakern geeinigt hätten - noch vor deren Ausreise aus dem Irak. Die letzte Information an die Amerikaner soll der Aufenthaltsort von Saddam Hussein im Viertel al-Mansur gewesen sein, das daraufhin bombardiert wurde."

Die zweite Frage des Tages lautet: Warum steht Syrien auf der Liste der Amerikaner? "Mindestens zehn Gründe kann man als Erklärung für die amerikanischen Angriffe auf Syrien anführen, und die wichtigsten davon sind israelischer Natur", findet die saudische Zeitung "Okaz". "So stellt die syrische Unterstützung der oppositionellen palästinensischen Gruppen ein wirkliches Hindernis bei den Projekten Scharons dar, der darauf abzielt, das Land zu judaisieren. Ebenso unterstützt Syrien die libanesische Hisbollah, die Scharon ein Dorn im Auge ist. Zudem spielt der seit 36 Jahren schwelende militärische Konflikt um die Golanhöhen eine Rolle, die Syrien bis auf die letzte Handbreit ohne Kompromisse zurückfordert. Und der wesentlichste Grund ist wohl, dass Syrien nicht von seiner Haltung im Umgang mit dem arabisch-israelischen Konflikt abrückt. Nach dem Fall von Bagdad ist es die letzte Festung, die die amerikanische Vorherrschaft in der Region ablehnt."

Doch auch Saudi-Arabien, das der amerikanischen Hegemonie im Nahen Osten nicht gerade ablehnend gegenübersteht "bekräftigte seine Unterstützung für den syrischen Bruder angesichts der offenkundigen israelischen Drohungen", meldet das saudische Blatt "Riyadh".

Selbst Kuweit hat sich hinter Syrien gestellt. Der kuweitische Außenminister sagte zu "al-Rai al-Aam": "Syrien ist nicht wie der Irak. Es gibt keine Feindschaft zwischen Kuweit und Syrien, sondern lediglich Meinungsdifferenzen." In den letzten Wochen hatten sich syrische und kuweitische Politiker wiederholt lautstarke Verbalgefechte über den Irak-Krieg geliefert, in denen Kuweit Syrien der Verschwörung gegen das Emirat bezichtigte.

Die englischsprachige "Jordan Times" führt außerdem zwei triftige Gründe an, warum ein Angriff auf Syrien unrechtmäßig wäre: "Erstens ist der Besitz von Chemiewaffen an sich keine Verletzung internationalen Rechts. Und zweitens ist Syrien was die angebliche Aufnahme von flüchtigen irakischen Offiziellen angeht rein rechtlich an die Genfer Flüchtlingskonvention gebunden, die fordert, verfolgten Flüchtlingen Schutz zu gewähren, bis diese durch ein Strafgericht verurteilt worden sind."

Die libysche Zeitung "al-Jamahiriya" erinnert daran, dass heute vor 17 Jahren Libyen von den USA bombardiert wurde, mit der Begründung, das Land würde den Terrorismus unterstützen. Ein direkter Bezug zu den derzeitigen Drohungen gegen Syrien oder den Ereignissen im Irak wird nicht hergestellt, aber mit der Erfahrung des gebrannten Kindes heißt es beschwörend: "Wenn wir uns an diese Angriffe auf uns erinnern, müssen wir uns auch die Wichtigkeit seiner Lektion ins Gedächtnis zurückrufen. Alle Völker der Welt von Westamerika bis nach Ostchina hassen den Krieg." Denn im Gegensatz zu Regierungen "hassen Völker einander nicht, sondern sind gegen Angriffe und gegen die Anwendung von Gewalt in all seinen Formen bei der Schlichtung von Konflikten und Streitigkeiten".

In Ägypten gibt es unterdessen innenpolitische Streitigkeiten auf medialer Ebene. Ein Redakteur, der sonst für die regierungsnahe ägyptische Zeitung "al-Ahram" schreibt, beschwert sich heute in der saudischen Zeitung "Asharq al-Awsat" über "die saddamistische Lobby". Dies sei "eine Interessengruppe aus Schriftstellern, Intellektuellen und Politikern, die ihren Unterhalt damit verdienen, Saddam Husseins Diktatur und seine Kriege im Namen der Verteidigung des Irak und des irakischen Volkes gutzuheißen. Sie nutzen die Wut des ägyptischen Volkes gegen den amerikanischen Krieg im Irak aus, um es der offiziellen ägyptischen Politik und den Intellektuellen heimzuzahlen, die die Diktatur Saddams ablehnen."

Von einer anderen Lobby berichtet die syrische Tageszeitung "Teshreen" und porträtiert den irakischen Oppositionellen Achmed Chalabi. Dieser sei "der Busenfreund von Rumsfeld und gehört außerdem zu den berühmtesten Bankräubern. Unter anderem hat er die Petra-Bank in Jordanien ausgeraubt und entkam damals ins Ausland. Seit vielen Jahren ist er mit dem amerikanischen Geheimdienst verbunden". Der auch als "Dieb von Bagdad" bezeichnete Exil-Iraker gilt im Pentagon als Hauptanwärter für eine Führungsposition nach der Besatzungszeit.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung