Arabische Presseschau "Saddam war nur eine Illusion"

Es ist eine gewisse Erleichterung in der arabischen Presse zu spüren, dass Saddam Hussein als "Unruhestifter" in der gesamten Region weg ist. Schon scheint die Ära des irakischen Diktators vielen unwirklich.
Von Carola Richter und Daniel Kinitz

"Die einen sagen, Saddam sei in al-Mansur umgekommen, die anderen meinen, er sei nach Tikrit entkommen, dritte behaupten, Saddam sei von Offizieren seiner Streitkräfte hingerichtet worden, um das Blutvergießen zu stoppen und wieder andere vermuten, er sei mit seinen Angehörigen heimlich nach Moskau geflohen", fasst die libysche Zeitung "al-Jamahiriya" das Rätselraten um Saddams Verschwinden zusammen. "Doch ob er nun tot ist oder nicht - ein arabisches Regime, dessen Politik auf Heuchelei, Unruhestiftung und Aggression nach innen, Undurchsichtigkeit und Volksverdummung beruhte, musste einfach untergehen."

Für die ägyptische Zeitung "al-Ahram" sind die Tage der Herrschaft Saddam Husseins schon fast unwirklich geworden: "Man reibt sich die Augen. Hat die Baath-Partei existiert oder war alles nur eine Ära des Unfugs, in der eine Partei eines der reichsten arabischen Länder von Krieg zu Krieg geführt hat? Kennt eine ganze Generation, die jetzt 30 oder 40 Jahre alt ist, wirklich nichts anderes als Krieg? Sie haben eine fiktionale Armee aufgebaut mit imaginären Siegen. Sie haben nichts gemerkt von diesen vermeintlichen Siegen in ihrem täglichen Leben, nur dass plötzlich massenhaft Götzenbilder die Plätze von Bagdad, Basra und jeder kleinen Stadt überschwemmten."

"Die Amerikaner, die in den Achtzigern dieses System produzierten, haben ihren Augen nicht getraut, als sie jetzt nach Bagdad kamen", schreibt "al-Ahram" weiter. "Da stand ein Phantasiegebilde. Hinter der Fassade war gar nichts. Nur die arabischen Medien haben die Illusion aufgebaut, dass ein neuer Saladin die Tore des Ostens beschützt. Aber Saddam war eben nur eine Illusion. Die Amerikaner werden ihn nicht finden und verhaften oder töten können, denn er existiert nur in fiktionalen Aufführungen und flammenden Reden." Und zum Schluss kanzelt der Kommentator noch all jene ab, die "Ägypten aufgefordert hatten, den Suez-Kanal zu schließen, genauso wie diejenigen, die die Ägypter zum Dschihad im Irak aufriefen oder die, die die ägyptische Regierung mit Demonstrationen und Streiks treffen wollten. Sie alle saßen der Illusion Saddams auf". Ägypten habe mit seiner verhaltenen Politik richtig gehandelt, "denn Ägypten ist keine Fiktion, Ägypten ist real."

Im Zusammenhang mit der Realpolitik zitiert das Blatt auch Präsident Mubarak, der von den USA und Großbritannien fordert "die Lage im Irak schnellstmöglich wieder stabil und sicher zu machen und die chaotischen Zustände einzudämmen, die derzeit im Irak herrschen. Zwischen Bush und Blair kam aber in Belfast auch der Palästina-Konflikt zur Sprache und ich sage, dass dies immer noch das Hauptproblem im Nahen Osten ist. Seine Lösung würde zur Stabilität für die Region und für alle anderen Staaten auf dieser Welt führen." Hat die arabische Welt sich nach diesem Krieg verändert? "Ich will nicht von einer veränderten Region sprechen, aber was passiert ist, hat uns viele Lehren erteilt. Die arabische Welt muss sich selbst entwickeln."

Doch ein Kommentator der Tageszeitung "al-Hayat" sieht bereits den "Bürgerkrieg unter den irakischen Intellektuellen" kommen anstatt einer eigenständigen Entwicklung. "Werden sich die irakischen Intellektuellen über ihre persönliche Geschichte hinwegsetzen können und ihren Hass und Groll vergessen - sie, die von einem demokratischen und modernen Irak geträumt haben? Oder werden sie in die Rolle des Friedensopfers verfallen, die ihnen das amerikanisch-britische Militär aufzwingt und ihr Schicksal wird einer griechischen Tragödie gleichen?"

Nach der Ermordung des schiitischen Geistlichen al-Choei erwartet die kuweitische Tageszeitung "al-Watan" eine weitere Auseinandersetzung und fragt: "Hat der Kampf der schiitischen Geistlichen um Nadschaf begonnen?"

Der Ausgang des medialen Kampfes von Bush und Blair um die Herzen der Iraker ist indes ungewiss. "Die Reden der beiden Präsidenten haben die Iraker gar nicht hören können", berichtet die in Dubai erscheinende Zeitung "al-Bayan". "Es gab ja keine Fernsehübertragung und immer noch keinen Strom. Nach der Bombardierungswelle durch die Amerikaner und Briten auf Bagdad hat die Hauptstadt schon seit mehreren Tagen kein Fernsehen mehr."

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